Auch Gerald Melzer gibt Hamburg den Vorzug gegenüber Länderkampf

Österreich muss in der Ukraine womöglich nun auch auf seine Nummer zwei verzichten. Sebastian Ofner rückt erst mal nach.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 08.07.2016, 09:41 Uhr

Jürgen Melzer

Am 24. Juni war offiziell bekanntgeworden, dass Österreichs Davis-Cup-Team in der zweiten Runde der Europa/Afrika-Zone I in der Ukraine auf die Nummern eins im Einzel und Doppel,Dominic ThiemundAlexander Peya, ebenso verzichten muss wie auf DoppelspezialistOliver Marach. Nun aber muss die Auswahl von ÖTV-KapitänStefan Koubekvom 15. bis 17. Juli in Kiev womöglich auch ohne ihren zweitbesten Einzelspieler auskommen. DennGerald Melzerist beim ATP-World-Tour-500-Sandplatzturnier in Hamburg in derselben Woche durch die so zahlreichen Absagen (unter anderem aufgrund des Länderkampf-Wochenendes) überraschend in den Hauptbewerb gerutscht. Und gibt also dem Start in Norddeutschland, das vielleicht das schwächst besetzte Event aller Zeiten in dieser Kategorie erleben wird, den Vorzug – wie dies auch Thiem (bis zu dessen krankheitsbedingter Absage), Peya und Marach gemacht hatten.

Aus der Sicht des Einzelsportlers Melzer ist dessen Entscheidung freilich nicht unverständlich – für ihn stellt Hamburg eine besonders große Chance dar, nicht zuletzt eben durch erwähntes, schwaches Teilnehmerfeld. Auf seinem bisherigen Career High von Platz 106 stehend, kämpft der Niederösterreicher noch um seinen Platz im Main Draw der US Open 2016 und somit dem erstmaligen direkten Sprung in ein Grand-Slam-Hauptfeld, ein Auftaktsieg in Hamburg würde ihn in dieses befördern. Mit den dafür vergebenen 45 ATP-Zählern würde der 25-Jährige dazu in der Weltrangliste erstmals die Top 100 knacken. Weder der Verband noch Kapitän Koubek wollen dem Deutsch-Wagramer deshalb eine Teilnahme verwehren, hieß es zu diesem Thema auf der ÖTV-Website. Wohl auch zumal dieser, so wie sein älterer BruderJürgen, bisher stets dem Davis Cup alles untergeordnet hatte.

Melzer will bei Aus nach Kiev nachreisen – wenn er darf

ÖTV-Geschäftsführer Thomas Hammerl führte gegenüber tennisnet.com weiter aus: Hamburg sei für Melzer zunächst gar kein Thema gewesen, auf der ursprünglichen Nennliste war dieser als 25. auf der Warteliste auch meilenweit von einem Platz im Hauptbewerb entfernt gewesen. Am Dienstag, an dem die Frist für die Länderkampf-Nominierungen ausläuft, habe Melzer am Abend einen Anruf der ATP erhalten, dass er doch in das Hauptfeld gerutscht sei. „Gerald hat sich total gefreut, es ist nach einer Wildcard für die Wiener Stadthalle erst sein zweites 500er. Und er hat uns gebeten, dass er spielen darf.“ Melzer wurde darum von der Nominierungsliste gestrichen, „wäre er genannt geblieben, hätte er in Hamburg nicht starten dürfen.“ Eine kleine Hintertür ist noch offen: „Gerald hat uns zugesagt, im Falle einer Erstrunden-Niederlage nach Kiev nachzureisen“, so Koubek laut ÖTV-Website.

Allerdings, auch die Möglichkeit dessen ist nicht gänzlich sicher. Eigentlich ist es ATP-Profis verboten, in einer Woche mehr als eine Veranstaltung – auch wenn der Davis Cup bekanntlich von der ITF ausgerichtet wird – zu bestreiten. „Daher muss Gerald im Falle einer Erstrunden-Niederlage den ATP-Supervisor vor Ort in Hamburg um dessen Erlaubnis fragen, dass er zum Davis Cup reisen darf“, erklärte Hammerl gegenüber tennisnet.com. „Laut der ATP sollte das ‚most likely’(höchstwahrscheinlich; Anmerkung)okay sein.“ Doch fix sei eine Genehmigung nicht, die Entscheidung obliege ausschließlich der ATP. Fürs Erste wurde der Sparringpartner Sebastian Ofner für Gerald Melzer nachnominiert, was aber noch geändert werden dürfte. Der 20-jährige Steirer, Nummer 571 der Welt, hatte sich, nach dem Coup bei den Österreichischen Hallenmeisterschaften,zuletzt in Oberpullendorf auch zum Staatsmeister (Freiluft) gekürtund steht nun gar erstmals im Davis-Cup-Kader.

Ukraine ohne Dolgopolov und dennoch als Favorit

Österreichs Team wird zudem vonDennis Novak, Jürgen Melzer und dem DoppelspezialistenPhilipp Oswaldgebildet. Melzer hatte,wie tennisnet.com exklusiv berichtet hatte, nach seinen zuletzt wieder aufgetretenen Schmerzen an der rechten Schulter zu Wochenbeginn den Antritt zugesichert. Erwartungsgemäß zur Freude des Kapitäns Koubek: „Jürgen hat signalisiert, dass er zu 100 Prozent fit ist“, sagte der Kärntner Ex-Profi laut einer ÖTV-Presseaussendung. „Wir können ihn als Leithammel sehr gut gebrauchen, als einen Leader, der die Jungen an der Hand nimmt, damit wir für eine Überraschung sorgen können. Ich bin sehr erleichtert.“ Dies freilich noch vor Gerald Melzers zunächst erfolgter Absage, welche die Chance zur Überraschung um einiges reduzieren würde. Während Österreich mit dem Weltranglisten-196. Novak als aktuell Bestgereihtem aufkreuzen würde, können die Gastgeber auf zwei Top-100-Spieler bauen.

Zwar scheint die Nummer eins der Ukraine, der im vornherein als Wackelkandidat betrachteteAlexandr Dolgopolov, ehemals die Nummer 13 und aktuell die Nummer 33 im ATP-Ranking, zunächst nicht im Aufgebot auf. MitIllya Marchenko(ATP 84),Sergiy Stakhovsky(ATP 94) sowieArtem Smirnov(ATP 256) undDenys Molchanov(ATP 287 sowie ATP 80 im Doppel) sind die Hausherren trotzdem klar zu favorisieren. Besonders dann, wenn Gerald Melzer nicht zur Verfügung stünde. Bekanntlich besitzt der Davis Cup allerdings auch eigene Gesetze, und die gewiss immer noch vorhandene Klasse des Ex-Weltranglisten-Achten, Jürgen Melzer, will außerdem nicht ganz außer Acht gelassen sein. Der Sieger der Begegnung steigt ins im Herbst stattfindende Weltgruppen-Play-off auf, der Verlierer bleibt in der Europa/Afrika-Zone I.

von tennisnet.com

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08.07.2016, 09:41 Uhr