Marco Wiemer – Der Vereinstrainer des Jahres im Interview

Der 38-Jährige arbeitet in der Tennisabteilung des TSV Pfungstadt nicht nur nebenberuflich als Trainer, sondern wirkte auch in verschiedenen Vorstandsfunktionen.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 26.04.2016, 11:48 Uhr

Marco Wiemer (38) wurde 2015 zum „Vereinstrainer des Jahres“ sowohl im Hessischen Tennis Verband als auch auf Bundesebene ausgezeichnet. Die DTB-Ehrung fand im Rahmen der Mitgliederversammlung in Frankfurt am Main statt, wurde von Präsident Ulrich Klaus und Vizepräsidentin Dr. Eva-Maria Schneider vorgenommen. Wiemer arbeitet in der Tennisabteilung des TSV Pfungstadt nicht nur nebenberuflich als Trainer, sondern wirkte auch in verschiedenen Vorstandsfunktionen – zuerst als Jugendwart, dann als Schriftführer und Pressewart, gegenwärtig als stellvertretender Abteilungsleiter. Er spielt allerdings auch weiter aktiv Tennis, bei den Herren 30 in der Verbandsliga.

Herr Wiemer, Vereinstrainer des Jahres in Hessen, dann aber auch in ganz Deutschland. Wie haben Sie diese Ehrungen selbst aufgenommen?

Marco Wiemer: Natürlich bin ich ziemlich stolz auf diese Auszeichnungen, so etwas passiert einem ja nicht alle Tage. Es ist aber auch eine Auszeichnung, die ich in gewisser Weise für den ganzen Verein mit seinem jungen Vorstand und einem engagierten Trainerteam angenommen habe.

Was bedeuten diese Titel persönlich für Sie?

Wiemer: Es ist einfach toll, wenn die Arbeit so belohnt wird, die Zeit, die man investiert. Es gibt sicherlich auch neue Motivation, einen Impuls, weitere Projekte anzupacken.

Haben Sie gerade frische Ideen, neue Themen?

Wiemer: Im letzten Jahr habe ich erstmals eine Jugendfreizeit mit einer Jugendmannschaft durchgeführt. Das wird dieses Jahr wiederholt. Ein neues Vorhaben ist beispielsweise, Kindergeburtstage auf der Tennisanlage auszurichten. Einfach, um so eine emotionale Bindung und Verbindung zum Verein herzustellen.

Sie haben noch einen Hauptberuf, als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fernhochschule Pfungstadt. Und doch stecken Sie noch viel Zeit in die Trainerarbeit, in die Vorstandsarbeit. Warum eigentlich?

Wiemer: Ganz einfach, weil´s Spaß macht und Tennis mein Hobby, meine Leidenschaft ist. Ich habe Freude daran, mit Kids und Jugendlichen zusammenzuarbeiten, etwas weiterzugeben als Trainer. Und wenn ich sehe, dass es den anderen auch Freude macht, dann gewinne ich dadurch auch Zufriedenheit für mich. Im Vorstand sind wir eine junge Truppe, da gibt es viele Freunde, die auch mit dabei sind. Ich fühle mich einfach wohl.

Die Tennisabteilung ist über die letzten Jahre von 140 auf fast 260 Mitglieder stark gewachsen, gegen den Trend.

Wiemer: In der Tat ist das eine bemerkenswerte Altersstruktur, mit fast 100 Jugendlichen und 70 Prozent davon unter 14 Jahren. Das zeigt, dass wir attraktive Angebote gemacht haben. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit lag ja auf Kooperationen mit Kindergärten und Schulen. Das Projekt der Pfungstädter Ballschule, in Kooperation mit der Universität Heidelberg, hat sehr viel bewirkt. Dieses Zusammenwirken mit der Uni hat schon sehr viele Familien angelockt, das hatte von vornherein eine hohe Autorität und hat die Tennisabteilung in der Region bekannt gemacht

Sie haben auch für viele Zielgruppen unterschiedliche Angebote entwickelt.

Wiemer: Es ist wichtig, auch auf neue Herausforderungen und Wünsche zu reagieren. Ich denke, es macht nicht so viel Sinn, im Kinder- und Jugendbereich im alten, klassischen Sinne mit drei, vier Teilnehmern in ein Training zu gehen. Reden wir von Kindergarten-Kindern, dann finde ich unsere Lösung einer Mini-Ballschule in der größeren Gruppe attraktiv. Generell gilt: Man muss für verschiedene Altersgruppen individuelle Angebote machen, mit unterschiedlichen Materialien und Spielfeldgrößen und auch Trainingszielen. Aber das ist ja inzwischen auch in vielen Vereinen Standard, und das ist gut so.

Auch aus eigener väterlicher Erfahrung: Wann sollten Kids anfangen?

Wiemer: Wir befinden uns im Tennis ja in einer großen Konkurrenzsituation. Zu anderen Sportangeboten, zu anderen Freizeitangeboten. Deshalb sage ich: Je früher, desto besser. Denn im frühen Alter ist der Wettbewerb zu anderen Angeboten nicht so groß, wie man meint. Außerdem ist die Chance, aus diesem frühen Start etwas zu entwickeln, vielleicht auch einmal Karriere zu machen, einfach größer. In der Ballschule arbeiten wir noch nicht zwingend sportartspezifisch, aber wir schauen natürlich, dass die Kids dann den Weg zum Tennis finden.

Wenn Sie mit Jugendlichen heute zusammenarbeiten, welchen Eindruck haben Sie da von den Teenagern – auch verglichen mit Ihrer eigenen Jugendzeit?

Wiemer: Wir haben uns praktisch in jeder freien Minute auf dem Tennisplatz getummelt, stundenlang. Ohne auf die Uhr zu gucken. Heute ist das so, dass die Kids das strukturiert angehen. Ich nehme meine Trainingsstunde wahr, und dann geht es weiter, zur nächsten Verpflichtung oft. Sie haben wegen längerer Schulzeiten und Schulstress allgemein dann weniger Zeit für andere Dinge. Da ist alles in einen großen Plan eingepasst, der wenig Spielräume lässt. Und der auch keine großen freiwilligen Stunden auf dem Tennisplatz erlaubt.

Wie nehmen Kids heute das große Tennis wahr? Haben Sie klare Vorbilder?

Wiemer: Ich glaube, sie sind nicht mehr so informiert, wie wir es früher waren. Wir hatten ja noch das Glück, relativ einfach stundenlange Tennisübertragungen verfolgen zu können. Wir waren über alles im Bilde, über alles, was Becker oder Graf taten. Jetzt beschränkt sich das schon auf ein paar größere Turniere, die Grand Slams. Die Kids wissen schon, dass Angelique Kerber die Australian Open gewonnen hat. Oder wie es im Fed Cup oder Davis Cup aussieht. Aber diese große Ausstrahlung vom großen Tennis kommt dauerhaft nicht mehr herüber.

Was würden Sie anderen Vereinen, anderen Coaches aus eigener Erfahrung für die Alltagsarbeit raten?

Wiemer: Ich bin nicht in der Position zu sagen: Ich gebe hier die großen Ratschläge. Aber es gibt natürlich Erfahrungswerte: Etwa, dass man wirklich kontinuierlich arbeiten muss. Dass man mit Einmalaktionen nicht weiterkommt. Ich denke, alle die, die im Tennis in Vereinen heute erfolgreich sind, das sind Leute sozusagen in einem Langstreckenprojekt. Leute, die hartnäckig an Dingen feilen, die ihre Angebote stets zu verbessern und auszuweiten suchen. Die darauf hören, was der Kunde, also unser Vereinsmitglied sich wünscht, was er sich vorstellt. Aktuell halte ich vor allem Schultennis und Angebote für Vorschulkinder wichtig.

Was ist spezifisch wichtig für einen Coach?

Wiemer: Für mich war immer wichtig, sich fortzubilden, verschiedene Konzepte kennenzulernen und zu probieren. Aber auch, über soziale Netzwerke und eine eigene Webseite an die Menschen ranzukommen, an Kids, an Jugendliche, an deren Eltern. Teilnehmer unseres tennisXpress-Kurses wurden beispielsweise ausschließlich über Facebook gewonnen. Ich berichte im Internet auch regelmäßig über Ideen, Ereignisse oder auch Fortbildungen.

Das Gespräch führte Jörg Allmeroth.

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26.04.2016, 11:48 Uhr