Die Alten Meister gehen - das Männertennis stellt sich neu auf

Die Besetzung der ATP Finals in Turin zeigt: Der Generationenwechsel im Männertennis hat längst stattgefunden.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 17.11.2021, 06:20 Uhr

Roger Federer und Rafael Nadal - 2022 wieder auf dem Court?
© Getty Images
Roger Federer und Rafael Nadal - 2022 wieder auf dem Court?

Als Darren Cahill kürzlich beim australischen „Sportsday Radio“ zu Gast war, stellte er eine ziemlich gewagte Behauptung auf. Er sei sich „ziemlich sicher“, dass Roger Federer im Januar an den Australian Open teilnehmen werde, sagte Cahill, er wisse, dass der Schweizer „im Moment viel auf dem Platz steht.“ Cahill, eigentlich eine respektierte Figur in der Szene als Ex-Profi, Starcoach und TV-Experte, glaubte wohl ein wenig Marketing für das Grand-Slam-Turnier betreiben zu müssen, schließlich hängen schon wieder einige Corona-Unwägbarkeiten über dem Major-Wettbewerb am anderen Ende der Welt. Allerdings musste der 56-jährige frühere Übungsleiter u.a. von Andre Agassi bald darauf zurückrudern, wahrscheinlich nach einem Anruf aus dem Federer-Camp: Er habe sich wohl „mißverständlich ausgedrückt“, gab Cahill nun zu Protokoll, Federers Rückkehr nach Australien sei eher ungewiss.

Federer, kein Wunder, garantiert noch immer maximale Aufmerksamkeit, er sorgt für Schlagzeilen, Erwartungen und Sehnsüchte – genau so wie sein langjähriger Freund und Gegenspieler Rafael Nadal. Im Herbst 2021, am Ende der zweiten Corona-Saison im Herrentennis, geht es allerdings weniger um die Frage, welche großen Titel sich die reifen Gentlemen noch regelmäßig sichern könnten. Sondern um die Frage, ob und wann sie jemals wieder auf einem Centre Court stehen werden. Bei der ATP-WM, die nach einem Erfolgs-Jahrzehnt in London nach Turin umgezogen ist, sind der elegante Schweizer und der zupackende Spanier gerade nicht dabei – was bei nicht wenigen zu einem gewissen Phantomschmerz führt. Der Schweizer Tennis-Olympiasieger Marc Rosset kanzelte das Teilnehmerfeld der Saison 2021 bei der WM als eines „der schwächsten aller Zeiten“ ab, es gebe schließlich Teilnehmer wie den Norweger Casper Ruud, die die Endphase eines Grand-Slam-Spektakels bisher nur aus der Ferne betrachtet hätten.

McEnroe - "Die Leute müssen sich an neue Gesichter gewöhnen"

Ohne Federer und Nadal fehlt dem WM-Turnier tatsächlich die geballte Kraft und Ausstrahlung nicht nur zweier Ausnahme-Persönlichkeiten, sondern auch die Autorität von zusammen 40 Grand Slam-Titeln – 20 von Federer, 20 von Nadal. Die acht Saisonbesten von Turin kommen auf 21 Grand Slam-Titel, wovon 20 auf Weltranglisten-Spitzenreiter Novak Djokovic entfallen. Und ein weiterer auf die Nummer 2 der Szene, den soeben zum US Open-Champion gekürten Russen Daniil Medvedev. „Es ist eine klassische Übergangszeit im Tennis“, sagt Ex-Superstar John McEnroe, „die Leute müssen sich an die vielen neuen und oft noch unbekannten Gesichter gewöhnen.“ Jenseits der Tennis-Blase, weiß einer wie McEnroe, können noch wenige etwas mit Namen wie Matteo Berrettini (Italien), Ruud oder Andrej Rublev (Russland) anfangen.

Ein anderer Newcomer indes steht aus nachvollziehbaren Gründen bereits im Rampenlicht, auch wenn er noch nicht bei der ATP-WM aufschlägt: Der 18-jährige Spanier Carlos Alcaraz, dem die Fachwelt mehr und mehr zutraut, eines nicht mehr allzu fernen Tages in die Fußstapfen seines Landsmannes Nadal treten zu können. Der dynamische Teenager ist seinem Lebensalter ebenso sehr voraus, wie es einst Nadal in jungen Jahren war. Alcaraz gewann in dieser Saison seinen ersten ATP-Titel im kroatischen Umag, und er sicherte sich beim Abschlußturnier der „NextGeneration“ letzte Woche auch souverän den Siegerpokal. Von Platz 141 der ATP-Hitparade sprang der potenzielle Erbe Alcaraz bis auf Platz 32 vor, in der bereinigten Saisonwertung rangiert er sogar auf Platz 21. Auch nach Ansicht seines Idols Nadal ist Alcaraz der „Aufsteiger der Saison.“

Djokovic als letzter Mohikaner

Während sich um die Rückkehr von Nadal und Federer zahlreiche Spekulationen und Gerüchte ranken – bei Federer wird das Comeback nicht vor dem Frühling erwartet -, hat sich die Weltspitze im Herrentennis längst signifikant verjüngt. Die Generation der U25-Spieler hat zwar nicht bei den Grand Slams den Ton angegeben, mit Ausnahme des New Yorker Coups von Medvedev, aber auf der regulären Tour spielten sich die neuen Topleute immer wieder in die Gewinnerlisten. Zverev etwa, der deutsche Frontmann, gewann neben der Goldmedaille in Tokio auch noch vier weitere Turniere, davon zwei Masters in Madrid und Cincinnati. Bei den Masters-Wettbewerben hielten 2021 nur Nadal in Rom und Djokovic zuletzt in Paris die alte Sieger-Hierarchie aufrecht.

Djokovic ist sozusagen der letzte Mohikaner aus einer vergangenen Ära – aus der Epoche der Großen Drei. Mit seinen 34 Jahren wirkt er inmitten der Turiner WM-Aufstellung wie ein Tennis-Dino, keiner der anderen Starter ist älter als 25 Jahre. Am Montag siegte der Serbe in seinem Auftaktspiel gegen Ruud, anschließend tat er kund, dass sein Siegeshunger auch mit Mitte Dreissig noch nicht gestillt sei: „Es gibt keine Gedanken ans Aufhören, warum auch?“ Künftig wird er sich vermutlich als reifer Altmeister allein gegen die viel jüngeren Herausforderer stemmen müssen. Es sei denn, es geschieht ein kleines Wunder bei Nadal und Federer.

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