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Die Beharrungskräfte der ehrenwerten Gentlemen: Djokovics achter Melbourne-Titel

2020 wollten die Youngster endlich die alte Garde ablösen - den ersten Angriff in Melbourne hat Novak Djokovic indes abgewehrt.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 02.02.2020, 17:01 Uhr

Novak Djokovic
Novak Djokovic

Es war eine wilde Achterbahnfahrt, ein faszinierendes Auf und Ab der Zahlen und Gefühle. Und Novak Djokovic, der König von Melbourne, er schwankte in diesen Irrungen und Wirrungen, er legte sich mit Schiedsrichter und Fans an, er wurde zwei Mal wegen Verletzungen behandelt, er geriet mit 1:2-Sätzen in Rückstand. Am Ende aber, am Ende von vier verrückten Finalstunden in der Rod Laver Arena, nahm er sich als doch unbeugsamer 6:4, 4:6, 2:6, 6:3, 6:4-Sieger gegen den tapferen Österreicher Dominic Thiem alles – den achten Titel im achten Australian Open-Endspiel, den schon 17. Grand Slam-Pokal und auch wieder Platz 1 in der Weltrangliste. „Es war ein harter, ein schwerer Kampf. Jetzt ist die Erleichterung groß“, sagte der 32-jährige Serbe.

Gewahrt blieb vorerst auch die bestaunenswerte Dominanz der Großen Drei, von Djokovic, Roger Federer und Nadal. Denn Djokovics ungebrochene Vorherrschaft in Melbourne, seine geglückte Titelverteidigung, verlängerte gleichzeitig auch die Serie von Titelgewinnen der Alten Meister. Seit dem Titelgewinn des Schweizers Stan Wawrinka bei den US Open 2016 haben die unbarmherzigen Gentlemen noch jeden Angriff ihrer Herausforderer abgewehrt, die drängelnden, hungrigen Spieler aus nachfolgenden Generationen müssen vorerst weiter erwarten. Beim nächsten Grand-Slam-Schauspiel im Pariser Stadion Roland Garros ist die überhaupt komplizierteste Aufgabe zu lösen, nämlich der Sturz des bisher zwölfmaligen Gewinners Rafael Nadal. „Wir gehen nicht einfach so weg, wir wollen unsere Titelbilanz noch weiter verbessern“, sagte Djokovic im Verlauf dieser Offenen Australischen Meisterschaften. Es klang wie eine Drohung an die Jüngeren, sich noch länger in Geduld zu üben, erst mal auf unbestimmte Zeit, jenseits von Melbourne, jenseits von 2020.

Thiem nun bei drei verlorenen Major-Finals

Die Beharrungskräfte jener Spieler, die seit mehr als anderthalb Jahrzehnten nun das Welttennis größtenteils prägen und anführen, zeigten sich an diesem langen Finalabend von Melbourne exemplarisch. Thiem ist gegenwärtig der stabilste, entschlossenste, auch mental stärkste Spieler jenseits des rüstigen Seniorenclubs, er hat auch die beeindruckendsten Statistikwerte gegen das Spitzenpersonal – aber schwarz auf weiß bleibt jetzt festzuhalten, dass er die ersten drei Grand-Slam-Finals seiner Karriere verloren hat, zwei Mal gegen Nadal in Paris, nun einmal gegen Djokovic in Melbourne.

Immer näher ist er herangerückt an die Führungstruppe, an diesen 1. Februar in der Laver Arena ging er sogar mit 2:1-Sätzen gegen den vorübergehend heftig verunsicherten Serben in Front. Aber zu Ende bringen konnte er seine Mission nicht, vielleicht auch, weil ihn der Weg in dieses Finale zu viel Kraft gekostet hatte. Bevor der erste Ball des letzten Rendezvous für Zwei gespielt war, hatte Djokovic in sechs Spielen ziemlich genau 12:30 Stunden auf dem Platz gestanden, Thiem aber ziemlich genau sechs Stunden mehr. Zudem hatte Thiem das Defizit zu verkraften, einen Tag weniger Pause zwischen Halbfinale und Finale besessen zu haben. „Es ist natürlich eine große Enttäuschung für mich“, sagte Thiem später, „aber ich sehe es auch als Privileg, überhaupt in dieser Tennisepoche vorne mitzuspielen.“

"Hut ab, Dominic Thiem", sagt Boris Becker

Thiem war dennoch so etwas wie der zweite Gewinner in den Ausscheidungsspielen der Herren-Konkurrenz. Denn so dauerhaft couragiert und selbstbewusst wie Thiem hatte sich zuletzt noch kein junger Spieler anderen Topleuten entgegengestemmt, Nadal im Viertelfinale, Zverev im Halbfinale und dann Djokovic im Endspiel. Dabei ließ Thiem auch noch die Turbulenzen der Melbourne-Anfangsphase hinter sich, als Ex-Star Thomas Muster sich schon wieder aus seinem Team verabschiedete, ehe er noch so richtig angekommen war. Thiems Begründung für die Trennung wirkte hellsichtig: Er mache sich selbst schon „genug Druck“, da brauche er nicht weiteren „enormen Druck“ von Muster. Danach, nach dieser Personalie, wirkte er befreit in Melbourne, er traute sich wie zuletzt auf großen Bühnen stets Großes zu – und er bewegte sich auch gegen Djokovic nicht etwa nur auf Augenhöhe. Sondern war lange Zeit der etwas gefestigtere, auch willensstärkere Spieler, bevor ihm erst die Luft und dann die Konzentration ausging. „Hut ab, Dominic Thiem“, befand da TV-Experte Boris Becker, „da fehlt nicht mehr viel zum letzten großen Schritt.“

Djokovic ist jetzt der erste Spieler in der modernen Tennisära, der in drei verschiedenen Dekaden Grand Slams gewonnen hat, von den Nullerjahren, dem Beginn seines Aufstiegs, bis zu diesem ersten Februar-Sonntag des Jahres 2020. Der Serbe ist mit seinen 32 Jahren der jüngste der Großen Drei, gute sechs Jahre jünger als etwa Federer, er hat alle Chancen, einmal als Spieler mit den meisten Grand-Slam-Titeln in der ewigen Bestenwertung aufzuscheinen. Im Moment liegen Federer (20) und Nadal (19) noch vor ihm, es kann sich aber schon in dieser Saison ändern. „Es ist verrückt, welche Strecke ich gegangen bin“, sagte Djokovic, „es war alles mal ein großer Traum. Jetzt ist er Wirklichkeit.“

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