Er ist wieder da: Andy Murray zurück als Solist auf großer Tennisbühne

Andy Murray kam überraschend schnell auf die Tennis-Tour zurück, zunächst im Doppel. In Cincinnati wird er nun auch im Einzel starten - Druck macht er sich aber keinen.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 11.08.2019, 12:50 Uhr

Andy Murray
© Getty Images
Andy Murray

Vor ziemlich genau sieben Monaten stand Andy Murray in der Melbourne Arena und hörte sich gerührt die Nachrufe auf seine Karriere an. Es war der scheinbar allerletzte Abend bei den Australian Open, Murray hatte in fünf dramatischen Erstrunden-Sätzen gegen den Spanier Roberto Bautista-Agut verloren, ein paar Tage zuvor hatte der Schotte bei den Australian Open seinen Rücktritt vom Profitennis in dieser Saison angekündigt - am liebsten daheim auf der Insel, in Wimbledon.

Von den großen Stadion-Anzeigetafeln flimmerte damals ein eilig produziertes Video, alle Großen der Szene waren vertreten mit guten Wünschen für den leidenden Kollegen. Rafael Nadal bedauerte, dass es bald nicht mehr zu den großen Duellen mit Murray kommen werde. Und Roger Federer schloss seinen Gruß mit den Worten ab: „Ich bin dein größter Fan.“ Murray musste schwer schlucken mitten auf dem Court, einige Tränen rollten über seine Wangen. Dann packte er seine Tasche und ging.

Doch wenn in dieser Woche beim Masters-Turnier im amerikanischen Cincinnati die heiße Vorbereitungsphase auf die US Open eingeläutet wird, das letzte Grand Slam-Spektakel der Saison, ist auf einmal auch er wieder als Einzelkämpfer am Start: Sir Andrew Barron Murray (32). Der Mann, den seine Kollegen schon sentimental in den Ruhestand verabschiedeten, ist wieder Gegner, Rivale, vielleicht sogar Spiel- und Spaßverderber. Murray hat geschafft, was ihm niemand zugetraut hätte, er selbst eingeschlossen: Ein Comeback nach einer komplizierten Hüftoperation, nicht nur im Doppel, sondern nun auch als Solist.

„Ich könnte selbst nicht erstaunter sein“, sagt Murray, „im Januar fühlte sich alles noch so an wie das Ende der Welt für mich.“ Nun stehen die Zeichen jedenfalls wieder auf Anfang. Für den Moment. Denn Murray will alles vermeiden, was schon wieder auf Festlegungen zuläuft. Es bleibt Unsicherheit, auch was seinen möglichen Start in New York angeht, bei den US Open.

Murray: Es läuft viel besser als gedacht"

Murray hatte sich langsam an die alten, neuen Herausforderungen herangetastet, nachdem ihm im Januar ein Hüftimplantat eingesetzt worden war. Kurz vor Wimbledon, dem eigentlich angedachten Schlussauftritt seiner Laufbahn, kehrte er als Doppelspieler auf die Tour zurück. Und das dann auch gleich mit einem Coup, mit einem Paukenschlag: Beim Turnier in Queens gewann er auf Anhieb mit seinem langjährigen Freund und Weggefährten, dem Spanier Feliciano Lopez, die Pärchenkonkurrenz. In Wimbledon wurde Comeback-Mann Murray stürmisch umjubelt, es wirkte auf viele wie ein Wunder, dass er wieder mitmischte bei den Großen und Starken.

Auch wenn sportlich nicht viel zu holen war für den zweimaligen Wimbledon-Champion und Doppel-Olympiasieger, blieb doch sein Mixed-Gastspiel mit Serena Williams im Gedächtnis haften. Es hätte so etwas wie ein denkwürdiger Abschiedsmoment sein können, diese Verbindung zweier Tennis-Ikonen, doch für Murray war es nur eine Durchgangsstation. Denn Wimbledon hatte ihm gezeigt: „Es läuft viel besser für mich, als ich jemals gedacht hätte“, so der 32-jährige, „ich fühle mich nicht hundeelend am Morgen nach den Matches, sondern ziemlich gut.“

Keine Ziele, kein Druck für Murray

Zuletzt trat Murray beim Turnier in Washington an der Seite seines Bruders Jamie auf, eines herausragenden Doppel-Spezialisten. Die Familien-Kombination verlor früh, aber Murray gewann offenbar eine wichtige Erkenntnis bei seinem Auftritt: Die Zeit war nun reif für eine Rückkehr auch im Einzel. „Ich spiele, wenn ich mich bereit fühle“, sagte Murray etwas abwehrend auf die wiederholten Reporterfragen. Doch schon am Tag nach der Doppel-Niederlage in der US-Hauptstadt nahm er die Wild Card für den Einzelstart in Cincinnati an – der Mann, der eigentlich schon mit dem Tennis abgeschlossen hatte, wegen all der Qualen und Rückschläge der letzten Jahre.

Wohin ihn das alles jetzt führen wird – Murray weiß es nicht. Er lässt die Dinge ruhig auf sich zukommen, setzt sich keine Ziele, setzt sich auch nicht unter Druck. „Der größte Triumph ist schon, dass ich überhaupt wieder Tennis spielen kann“, sagt er. In der Weltrangliste steht er auf Platz 325, es ist eine Zahl, die ihn nicht interessieren muss. Er wird sowieso bei jedem Turnier antreten können, bei dem er spielen will, vor allem mit Wildcards. In Cincinnati trifft Murray zuerst auf den Franzosen Richard Gasquet, danach könnte es zum Duell mit Österreichs Star Dominic Thiem kommen. 

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von Jörg Allmeroth

Sonntag
11.08.2019, 18:49 Uhr
zuletzt bearbeitet: 11.08.2019, 12:50 Uhr

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