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Angelique Kerber und die Erwartungshaltung

Hinter dem French-Open-Start der Australian-Open-Siegerin stand ein Fragezeichen. Ist Kerber fit genug für ein weiteres Grand-Slam-Märchen?

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 22.05.2016, 09:22 Uhr

ROME, ITALY - MAY 11: Angelique Kerber of Germany in action against Eugenie Bouchard of Canada during day four of the The Internazionali BNL d'Italia 2016 on May 11, 2016 in Rome, Italy. (Photo by Matthew Lewis/Getty Images)

WennAngelique Kerberin Gefahr gerät, mal schlechte Laune zu bekommen, dann hilft schnell ein Gedanke an diesen ganz besonderen Tag in ihrem Leben. An den 30. Januar 2016, an das Finale der Austraian Open, an ihren wunderlichen Triumph gegen die vermeintlich unbezwingbareSerena Williams.„Wenn man sich zurückerinnert, ist das immer noch ein Gänsehaut-Gefühl“, sagt Kerber, „und eine Bestätigung für die eigene Arbeit. Das geschafft zu haben, ist einfach nur großartig.“

War es der Anfang oder One-Hit-Wonder?

Knapp vier Monate nach dem Sensationscoup gegen die Nummer-eins-Spielerin betritt Kerber bei den French Open erstmals wieder eine der großen Tennisbühnen. Sie kommt, natürlich eine Premiere, als Grand-Slam-Champion zu einem anderen Grand-Slam-Turnier. Das, was sie seit den goldenen Tagen in Australien erlebt hat, wird auch in Paris nicht anders sein: Kerber wird mit anderen Augen betrachtet, mit schärferem, vielleicht auch unbarmherzigerem Blick. Denn nach einem Erfolgsmoment wie in Melbourne stellt sich für die Fachwelt immer auch die Frage: War das nur der Anfang zu etwas noch Größerem, der erste von vielen Toptiteln? Oder ist Kerber ein One-Hit-Wonder?

Kerber hat schon mehrfach zu Recht darauf hingewiesen, dass ihr auch der eine Grand-Slam-Titel genügen würde, „um glücklich und zufrieden“ irgendwann ihre erstaunliche Karriere zu beenden. Andererseits ist der Ehrgeiz des tüchtigen Nordlichts bekannt, auch der dringende Wunsch, den Siegeslauf in der Rod Laver Arena an anderer prominenter Stelle zu bestätigen und wiederholen, irgendwann und irgendwie. Schließlich gäbe es dafür auch gute Gründe, denn Kerber zählt über die letzten Jahre im Wanderzirkus zu den stabilsten und konstantesten Spielerinnen in der engeren Weltklasse, eine Top-Ten-Kraft fast pausenlos. „Angie hat das Potenzial für weitere Spitzenerfolge, ganz sicher“, sagt Bundestrainerin Barbara Rittner, „aber es ist auch eine massive Konkurrenz da. Es müssen tausend Dinge zusammenpassen, um so einen Grand-Slam-Titel zu holen.“

Am Mittwoch gab es grünes Licht

Auf der schwierigen Wegstrecke nach dem Australian-Open-Titel, in den Monaten eigentlich bis zum Start in Paris, hat Kerber einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Es gab kleinere und größere sportliche Krisen, es gab eine körperliche wie psychische Überforderung im neuen Massentrubel, es gab eine aufbauende Trainingswoche bei Legende Steffi Graf und deren Ehemann Andre Agassi, und es gab dann auch wieder den jähen Heimsieg beim Stuttgarter Porsche Tennis Grand Prix. Ganz schlau ist man nie so richtig geworden, ob Kerber sich mit der neuen, sehr herausgehobenen Starrolle angefreundet hat, sich wohl fühlt oder eben noch fremdelt darin. „Angie mag zwar auch mal einen Auftritt im Rampenlicht, ein bisschen Glitzer“, sagt ihr Manager Lars-Wilhelm Baumgarten, „aber am liebsten will sie einfach nur Tennis spielen und auf dem Platz sein. Das Drumherum ist ihr eigentlich nicht so wichtig.“

Ruhepausen, Rückzugsmomente hat Kerber immer wieder gebraucht seit dem Titel-Durchmarsch von Melbourne. Weil sie merkte, wie auszehrend die Grand-Slam-Mission gewesen war. Aber auch, weil sie die ganzen Ansprüche und Verpflichtungen neben dem Centre Court zu überfordern drohten. Auch nach der terminprallen und sportlich anspruchsvollen Stuttgarter Woche brauchte sie Zeit zum Durchschnaufen, doch bei den beiden einzigen Turnieren, die sie seitdem bestritt, gewann sie in Madrid und Rom kein Match mehr. Zuletzt zwickte und zwackte es auch an der Schulter, Nürnberg, das andere deutsche Turnier, musste sie daher sausen lassen. Erst am Mittwoch, kurz vor dem Pariser Turnierauftakt, war klar, dass sie dort überhaupt würde starten können. Vielleicht hat das alles aber auch sein Gutes. Denn nach der wenig optimalen Vorbereitung auf diese Grand-Slam-Festspiele erwarten dann doch die wenigsten einen richtig großen Pariser Coup von Kerber – Grand-Slam-Sieg in Australien hin oder her. Und wenn niemand etwas von ihr erwartete, schlug fast immer Kerbers Stunde.

von tennisnet.com

Sonntag
22.05.2016, 09:22 Uhr