tennisnet.comATP › Grand Slam › French Open

Dominic Thiem – Der Beste der nächsten Generation

Österreichs Nummer eins ist auf dem Weg nach ganz oben. In der dritten Runde der French Open trifft er nun auf Alexander Zverev.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 27.05.2016, 08:08 Uhr

PARIS,FRANCE,26.MAY.16 - TENNIS - ATP World Tour, Roland Garros, French Open, Grand Slam. Image shows Dominic Thiem (AUT). Photo: GEPA pictures/ Matthias Hauer

Im Moment müssen fast immer die ganz Großen mit aller Macht kommen, um ihn zu bremsen.Rafael Nadaljüngst in Monte Carlo im Achtelfinale. OderNovak Djokovicin Miami, auch im Achtelfinale. Doch trotzdem ist dieses Jahr 2016 das Jahr, in dem sichDominic Thiemals eine der ganz großen Zukunftshoffnungen im Welttennis ankündigt – er, der beste Österreicher seit den Tagen des steirischen Kraftpakets Thomas Muster. Der Mann, der am Samstag dem letzten Deutschen in Paris in Runde drei gegenüberstehen wird – Thiem kontraAlexander Zverev,es könnte über den Tag hinaus eine der großen Rivalitäten im Welttennis werden. „Es ist ein ganz wichtiges Spiel für uns beide“, sagt Zverev, der zwei auch schon bedeutende Matches in dieser Saison gegen den befreundeten Rivalen verlor, im Münchner Halbfinale. Und direkt vor den French Open im Endspiel von Nizza.

Erfolgreiche Wochen in Südamerika

Alle Experten, mit denen man über den Weltranglisten-15. Thiem spricht, sind sich einig – der Bursche mit dem harten Punch und der glänzenden Technik hat eine starke, vielleicht sogar herausragende Karriere vor sich. Keiner spiele schon jetzt „so druckvolle Schläge wie Dominic“, sagt sein Trainer Günter Bresnik, ein ganz erfahrener und ausgebuffter Mann, der einst ja schon Boris Becker coachte. Keiner aus der Generation Next auf der Tour kann auch bereits auf so vortreffliche Resultate verweisen wie der zupackende Youngster aus Lichtenwörth, der 2016 schon drei Turniere gewann und gerade im Februar dieses Jahres einen wirklichen Traumlauf auf fernen Sand- und Hartplätzen in Südamerika hatte.

Drei Wochen lang schlug sich Thiem in Buenos Aires, Rio und Acapulco mit den zähesten und heißblütigsten Wühlern im roten Sand herum, und als dann abgerechnet war nach diesem Intermezzo, hatte sich der Himmelsstürmer eine Auszeichnung mit Prädikat verdient: In Buenos Aires und Acapulco nahm Thiem den Höchstpreis mit, wobei in der argentinischen Metropole Nadal, der „Matador“, zu den Geschlagenen gehörte. Und in der Olympiastadt Rio kam Thiem auch ins Halbfinale, ließ auf diesem Weg den unheimlich zähen David Ferrer auf der Strecke zurück. „Bei ihm spürt man in jedem Moment, dass er aus seinen Talenten auch etwas machen will“, sagt Boris Becker, der Trainer von Frontmann Djokovic, „er ist ein richtig guter Typ. Aber man muss ihm auch noch Zeit geben, sich zu entwickeln.“

„Ich habe einiges mehr gemacht als 99 Prozent der anderen Spieler“

Schwer genug fällt das manchem in Thiems österreichischer Heimat, wo man sich nach den guten alten Muster-Zeiten so zurücksehnt wie Tennis-Deutschland nach Erfolgen wie von Becker oder Stich. Nur gut, dass auch Bresnik kühlen Kopf bewahrt und regelmäßig davor warnt, seinen Schützling schon mit übergroßen, geradezu vermessenen Erwartungen zu überfrachten. Wenn es sein muss, fährt Bresnik auch schon mal aus der Haut, um die Thiem-Mania zu dämpfen oder die Dinge richtig einzuordnen.

Denn Bresnik weiß, dass für seinen hochbegabten Schützling jetzt, an der Schwelle zu den Top Ten, die Luft dünner wird. Und die Aufstiegsmöglichkeiten, logisch, geringer. Viele hat Thiem nicht mehr vor sich, eigentlich nur noch Elitespieler, die meisten mit jahrelanger Erfahrung in der Gipfelregion. Und doch: Thiem wirkt wie einer, der auch die letzten, extrem schweren Schritte nach ganz oben gehen kann. Mit seiner außergewöhnlichen Schlagwucht, mit seiner Flexibilität. Vor allem aber mit seiner Leidenschaft und seinem Mumm, mit dem besonderen Biss, den es für besondere Erfolge braucht. „Ich bin jemand, der stets an seine Limits gehen will“, sagt Thiem. Dem österreichischen „Standard“ verriet der 22-Jährige kürzlich ohne falsche Zurückhaltung, worin er seine bisherige Erfolgsgeschichte begründet sieht: „Ich habe einiges mehr gemacht als 99 Prozent der anderen Spieler. Ich habe viel mehr trainiert, auch außerhalb des Platzes gearbeitet. Ich habe das ganze Leben dem Tennis untergeordnet – seit ich zwölf Jahre alt bin.“

Thiem reitet die Welle

Thiem schöpft auch Kraft aus den jüngsten Erfolgen, er tut das, was modern gern so beschrieben wird: die Welle reiten, im Flow sein. Sprich: Dieses besondere Hochgefühl, das Siege gegen Leute wie Nadal erzeugen, auch zu konservieren. Mitzunehmen für die heiße Saisonphase mit den Saison-Höhepunkten nun in Paris, später noch in Wimbledon. „Mein großes Ziel ist: Jeden Tag ein bisschen besser zu werden“, sagt Thiem, „und da sehe ich mich auf einem guten Weg.“ Natürlich weiß Thiem, dass dies alles auch mit Rückschlägen und Enttäuschungen verbunden sein wird, der Lernprozess bis zum voll ausgereiften Professional.

So wie unlängst in Monte Carlo, als er gegen Nadal im ersten Satz 15 Breakchancen hatte, aber nur eine nutzen konnte – und das Match verlor. Thiem versank danach nicht in Weltschmerz, sondern sagte sich: „Ich habe mich erst furchtbar geärgert, aber dann dachte ich mir: ‚Mann, ist doch toll, dass ich diesen außergewöhnlichen Spieler phasenweise so dominiert habe.’“

von tennisnet.com

Freitag
27.05.2016, 08:08 Uhr