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Ein Aufstieg ohne Beispiel – Der radikale Perfektionist Novak Djokovic

Der „Djoker“ hat seine Karriere mit dem French-Open-Sieg veredelt und ist auf dem Weg zum erfolgreichsten Spieler aller Zeiten.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 06.06.2016, 09:58 Uhr

PARIS, FRANCE - JUNE 05: Champion Novak Djokovic of Serbia celebrates with the ball girls following his victory during the Men's Singles final match against Andy Murray of Great Britain on day fifteen of the 2016 French Open at Roland Garros on June...

Auch den letzten, den vielleicht größten Sieg seines Lebens holte er sich mal wieder auf die ganz harte Tour. Vier Tage hintereinander stand er im verregneten Paris im nassen Sand, vom vergangenen Dienstag bis Freitag. Dann hatte er einen Tag Pause, und dann gewann er endlich, endlich die French Open, gegen seinen FreundAndy Murray,den stärksten Ascheplatzspieler der Saison. „Ich bin es gewohnt, dass mir nichts geschenkt wird“, sagteNovak Djokovicspäter, der Mann, der gerade die Grenzen des Möglichen und Machbaren in seinem Sport neu auslotet. Djokovics Aufstieg zum Beherrscher des Welttennis, zum Sieger bei nunmehr allen Grand-Slam-Turnieren, es ist die vielleicht erstaunlichste Geschichte, die der Nomadenbetrieb der Profis zu liefern hat.

Raus aus dem Schatten von Federer und Nadal

Nicht nur wegen Djokovic selbst, sondern vor allem wegen der Spieler, mit denen er den Tennisplatz teilte in seiner Karriere. Als Djokovic vor einem Jahrzehnt seine ersten Gehversuche im Wanderzirkus unternahm, ein 19-jähriger Teenager, der als Kind aus den Kriegswirren auf dem Balkan geflohen war, da regierten gerade zwei der Größten der Szene mit unbarmherziger Entschiedenheit –Roger Federer,auf dem Zenit seines Schaffens. Und der MallorquinerRafael Nadal,der sich gerade vom reinen Sandplatz-Granden hin zum gefürchteten Allrounder entwickelte.

Djokovic, als Mann der Zukunft gehandelt, verharrte keineswegs in Ehrfurcht vor den Tennis-Oligarchen, im Gegenteil: Mit kessen Sprüchen, gezielten Provokationen und frechen Sticheleien, aber vor allem mit starken Leistungsnachweisen auf den Centre Courts brachte er das Duo aus der Wohlfühlzone heraus. „Damals gab es auch eine gewisse Langeweile an der Spitze“, sagt Amerikas alter Superstar John McEnroe, „und Djokovic war der Erste, der Roger und Rafa den Kampf ansagte. Es war erfrischend.“ Djokovic selbst sagt, er habe eine „gewisse Frechheit“ auf und neben dem Platz gebraucht, um es mit den Championspielern aufzunehmen: „Ich hatte Riesenrespekt vor ihnen, aber zugleich musste ich respektlos sein, ohne Furcht.“

Nichts wird dem Zufall überlassen

Am Sonntagabend, am Tag seiner vorläufigen Karriere-Vollendung, sprach Djokovic auch über Federer und Nadal. Und wie diese einmalige Konkurrenzsituation ihn zu dem Spieler gemacht hatte, der er nun ist – der Beste des Moments, der vielleicht Beste aller Zeiten schon bald. „Alles im Leben hat einen Sinn, einen Zweck“, sagte Djokovic. Und meinte damit, sein Schicksal sei es eben gewesen, an der Größe der Herausforderung gegen Federer und Nadal zu wachsen. Selbst dadurch besser und besser zu werden. Tatsächlich hat sich Djokovic auf dem langen Marsch zur Nummer eins zum radikalen Optimierer entwickelt, zum absoluten Perfektionisten, der nichts, aber auch nichts dem Zufall überlässt. „Es ist schlicht unglaublich“, sagt selbst Djokovics Trainer Boris Becker, „was er für den Erfolg tut. Wie er sein Profi-Sein definiert.“ Djokovic hat inzwischen Berater und Betreuer für alles: Einen Fitnesstrainer, einen Konditionstrainer, einen Ernährungsberater, der gleichzeitig auch seine Bewegungsmuster studiert. Einen Koch, der bei Grand Slams eine genau ausgetüftelte Speisenfolge zubereitet. Und natürlich die normalen Trainer, seinen alten Weggefährten Marian Vajda. Und Becker, den Chefcoach, der als Königstransfer Ende Dezember 2013 zu Djokovis Team stieß.

Djokovic war zuvor schon die Nummer eins, als Becker verpflichtet wurde. Viele erstaunte das. Aber die, die Djokovic gut kennen, erstaunte das nicht. Denn Djokovic wollte genau das, was er in den letzten beiden Jahren geworden ist: der übermächtige Nummer-eins-Spieler, der über eine ganze Saison Höchstleistungen abruft und serienweise die Höchstpreise abräumt. Und er wollte, natürlich, die French Open gewinnen, jenes Turnier, das für viele der Szenegrößen auch mit dem grausamen Mythos des Scheiterns verbunden ist. Becker, der Spieler, konnte ein Lied davon singen. „Du kannst nicht verhindern, dass du einen Sieg, dem du so lange hinterherläufst, irgendwann zu sehr willst. Dass du dabei verkrampfst“, sagt Becker, „das war die große Schwierigkeit für ihn. Deshalb waren die French Open auch stets mit viel Nervosität und Anspannung verbunden.“

Gegen jeden Widerstand nun auch zum Golden Slam?

Doch Djokovic hat dieses Rätsel nun gelöst. Wie fast alle anderen in seiner bemerkenswerten Karriere. Er hat sich gegen alle und alles durchgesetzt, auch gegen die anfängliche Distanz im Publikum, gegen die mächtigen Sympathien für Federer und Nadal. Auch 2015, in seinem bisher besten Jahr, war das so. In Paris waren sie alle auf der Seite des Außenseiters Wawrinka, der Djokovic dann auch schlug. In Wimbledon und bei den US Open spielte er gegen das ganze Stadion und auch gegen den verehrten alten Helden Roger Federer, da aber gewann jedes Mal Djokovic. „Wie ich nach oben gekommen bin, dieser schwere Aufstieg, das hat mich irgendwie auch gestählt“, sagt Djokovic, „ich weiß, dass ich mir keinen Schlendrian leisten kann, wenn ich auf dem Platz stehe. Ich bin in jedem Spiel bereit für jede Situation.“

Andre Agassi gewann 1999 auch mit 29 Lebensjahren die French Open, um seinen Karriere-Grand Slam zu vollenden. Manche dachten damals, er werde nach diesem Coup aufhören. Doch es passierte etwas ganz anderes: Agassi wurde zum Fitness-Guru, er verwandelte als Asket und Athlet sogar das Gesicht des Spitzentennis, wurde zum Auslöser einer Bewegung, in der immer mehr Stars noch jenseits der Dreißig ganz große Siege feiern können. Federer, der Gegenspieler von Djokovic, sagte, Agassi sei für ihn in dieser Beziehung „eine große Inspiration“ gewesen, die Inspiration für eine ganz lange Karriere. Djokovic, der Capitano im Hier und Jetzt, könnte dem Ganzen aber erst noch die Krone aufsetzen, als Ü30-Spieler, der die Geschichts- und Rekordbücher umschreibet zu seinen Gunsten. Federers 17 Grand-Slam-Siege sind für den zwölfmaligen Champion Djokovic in Reichweite. Aber in diesem Jahr kann er erst mal den „echten“ Grand Slam gewinnen, alle vier Majors in einer Saison. Und dazu noch Olympia-Gold in Rio. Der Golden Slam wäre das. Etwas, das noch kein männlicher Tennisspieler geschafft hat. „Unmöglich ist das nicht“, sagte Djokovic am Sonntagabend.

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Montag
06.06.2016, 09:58 Uhr