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Novak Djokovic und das letzte Rätsel, das es noch zu lösen gilt

Kann der Weltranglisten-Erste dem Monster den Kopf abschlagen, wie es einst Andre Agassi tat.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 04.06.2016, 12:32 Uhr

PARIS, FRANCE - JUNE 03: Novak Djokovic of Serbia celebrates victory during the Men's Singles semi final match against Dominic Thiem of Austria on day thirteen of the 2016 French Open at Roland Garros on June 3, 2016 in Paris, France. (Photo by Cli...

Keiner hat seine ewigen Anläufe zum Pariser Titelruhm so pointiert beschrieben wie Andre Agassi. Die Tortur im roten Sand, die stundenlangen Zermürbungsschlachten, die grimmigen Duelle gegen hochspezialisierte Südeuropäer und Südamerikaner. Roland Garros, der Grand-Slam-Schauplatz, erschien dem großen Meister irgendwann „wie ein Monster, dem ich den Kopf abschlagen musste“. Jedes Scheitern, jede vergebliche Mühe machte den Kampf um den Siegerpokal und auch gegen die eigenen Zweifel nur schlimmer: „Es war die größte Aufgabe meines Profi-Lebens“, sagt Agassi. 1999, als er fast schon glaubte, der Triumph würde ihm nie mehr gelingen, schaffte er den Coup dann doch noch, es war der letzte der vier Major-Titel, der ihm noch gefehlt hatte. „Es war“, so Agassi, „nichts weniger als eine Erlösung. Das Ende eines Fluchs.“

Vorjahresniederlage wie ein Weltuntergang

Agassi krönte damals eines der bemerkenswertesten Comebacks der modernen Sportgeschichte – vom verspotteten „Burger King of Tennis“ mit Weltranglistenplatz 141 zurück zu Grand-Slam-Siegerstatur. Und doch erinnert die verzweifelte Anstrengung des derzeit beherrschenden Tennisspielers an Agassi, das heiße VerlangenNovak Djokovics,endlich den letzten Makel in seinem ansonsten überragenden Arbeitsnachweis zu tilgen. Djokovic, an diesem Sonntag in seinem vierten Pariser Endspiel am Start, dieses Mal gegenAndy Murray,hat längst alles mehrfach gewonnen, was es in seinem Sport zu gewinnen gibt – ob nun die Grand-Slam-Titel in Melbourne, Wimbledon oder in New York, ob Weltmeisterschaften oder Masters-Wettbewerbe und den Davis Cup. Paris aber, dieser Krone jagt er seit Jahr und Tag ähnlich verbissen hinterher wie der späte Agassi. Und wie so viele andere Größen der Branche, die es sogar nie schafften, Djokovics Trainer Boris Becker gehört dazu, der 14-malige Grand-Slam-Champion Pete Sampras, Ex-Oberflegel John McEnroe, Streetfighter Jimmy Connors, auch der lässige Schwede Stefan Edberg.Die Liste der großen Gescheiterten ist lang.

Letztes Jahr schien Djokovic schon so gut wie am Ziel aller Träume. Im Viertelfinale besiegte er mit frappierender Selbstverständlichkeit Rafael Nadal, den langjährigen Roland-Garros-Regenten, den Mann, der ihm zuvor wieder und wieder schmerzliche Knockouts verpasst hatte. Doch dann, im Endspiel, erhob sich auf einmal der Schweizer Stan Wawrinka zu überragender Gestalt, unaufhaltsam in seinem Sturm und Drang zum Titel. Anschließend saß Djokovic auf seiner Pausenbank wie ein Häuflein Elend, es war nicht schwer zu erkennen, wie sehr er an der Niederlage litt. „Es fühlte sich an wie der Weltuntergang“, sagt Djokovic, „dieses Scheitern war schlimm.“ So schlimm, dass Djokovic für ein paar Tage sogar mit dem Gedanken spielte, erst gar nicht in Wimbledon anzutreten. Er tat es doch. Und er gewann.

Und täglich grüßt Andy Murray

Und nun wieder das Endspiel in Paris. Das letzte Rätsel, das es noch zu lösen gilt. Die schwerste Herausforderung, die ihm, dem Frontmann, noch geblieben ist. Ein Spiel noch, ein Sieg noch, dann wäre es geschafft, dann wäre Djokovic auch endgültig drin im Kandidatenspiel um den Besten aller Zeiten. Er kämpft dabei gegen einen Gegner, den er länger kennt im Geschäft als jeden anderen, länger als die meisten seiner Freunde und auch seine Frau. Denn schon mit elf Jahren liefen sich Djokovic und Murray erstmals bei Nachwuchsturnieren über den Weg, kein Wunder, kein Zufall: beide sind 29, Alters- und Generationsgenossen. Murray ist am 15. Mai 1987 geboren, Djokovic am 22. Mai 1987. Mit 13 spielten die beiden Hochbegabten erstmals gegeneinander. Später, im Wanderzirkus der Erwachsenen, wurden sie Freunde, obwohl sie schnell auch Rivalen um Titel und Trophäen wurden. Murray, ein viel komplexerer Charakter als Djokovic, verlor dann aber den Anschluss an den alten Weggefährten, der sich 2011 erstmals auf Platz eins der Weltrangliste schwang und dabei die alten Helden Federer und Nadal verdrängte.

Murray wurde 2012 Olympiasieger, auf den grünen Feldern Wimbledons. Und ein Jahr später gewann er dort auch den lang ersehnten Grand-Slam-Titel, beendete die 77-jährige Pokaldürre. An Djokovic kam er gleichwohl nicht heran. Der Serbe, inzwischen vom Spaßmacher und zeitweiligen Klassen-Clown des Männertennis zu dessen imponierendem Herrscher aufgestiegen, hängte jeden Verfolger und damit auch Murray ab. Für Murray wurde er oft genug zum frustrierenden Spielverderber, aber in gewissen Momenten war auch der Schotte da mit seinem ganzen und reichen Potenzial da: 2012 im Finale der US Open schlug er Djokovic genau so wie 2013 beim historischen Wimbledonerfolg. Nichts wird also unmöglich sein im 34. Duell der beiden alten Bekannten (23:10 Djokovic), 18 Jahre nach ihren ersten Begegnungen als Tennis-Kinder. „Diesen letzten Schritt zu gehen, ist einfach verdammt schwer“, sagt Djokovic, „weil wir beide wissen, wir stark der andere ist.“

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