tennisnet.comATP › Grand Slam › French Open

Regenchaos getrotzt – Dominic Thiem im ersten Grand-Slam-Viertelfinale

Österreichs Nummer eins lässt in der Fortsetzung des Pariser Achtelfinals gegen Marcel Granollers nichts anbrennen.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 01.06.2016, 12:32 Uhr

Dominic Thiem

Keine Matches am Montag,bloß zwei Sätze am Dienstag– hinterDominic Thiemliegen, wie auch für die weiteren Profis in Roland Garros, keine lustigen Tage. Der rot-weiß-rote Jungstar hat aber das Bestmögliche aus den gegebenen Umständen gemacht, dem Regenchaos getrotzt, seine Coolness bewahrt – und bei den French Open in Paris am Mittwochnachmittag das erste Grand-Slam-Viertelfinal seiner Karriere erreicht. Der auf 13 gesetzte Niederösterreicher (ATP 15) bezwang im Achtelfinale des Sandplatz-Klassikers in Frankreichs Hauptstadt den 30 Jahre alten SpanierMarcel Granollers(ATP 56) in gesamt knapp drei Stunden Spielzeit mit 6:2, 6:7 (2), 6:1, 6:4. Jetzt erhält der Schützling von Günter Bresnik am Donnerstag (13:00 Uhr MESZ auf Court Suzanne Lenglen, live auf ORF SPORT+ bzw. im tv.orf.at-Livestream) gegen einen guten Freund seine Chance zur Halbfinal-Premiere: gegen den zwölftgereihten BelgierDavid Goffin(ATP 13), der Thiems lettischenEx-StallkollegenErnests Gulbis(ATP 80) mit 4:6, 6:2, 6:2, 6:2 schlug.

Keinen Breakball mehr zugelassen: Thiem unantastbar

Nach den Wetterkapriolen von den vergangenen Tagen hatte der Spielbetrieb in Paris diesmal, trotz weiterhin trüber Bedingungen, sogar pünktlich aufgenommen werden können. Nach dem letzten Damen-Viertelfinal-Spiel durften Thiem und Granollers gegen 13:30 Uhr MESZ Court 2 zu ihrer Auseinandersetzung bespielen – nur um ihn nach rund 1:13 Stunden Spielzeit schon wieder verlassen zu können. Denn hochsouverän präsentierte sich der Österreicher im zweiten Abschnitt der Begegnung, ließ zu keiner Zeit Zweifel aufkommen, wie sehr er die persönliche Premiere bei einem „Major“ erreichen will. Der Lichtenwörther startete auch gleich mit einem 7:0-Lauf in diesen dritten Satz, vor dem am Dienstag abgebrochen worden war, und nützte bei seiner 1:0- und 0:40-Führung den dritten Breakball – und nach einem 40:15 und einem dritten Spielball für Granollers nahm er diesem mit der vierten Chance auch das Service zum 4:0 ab.

In seinen ersten zwei Aufschlaggames gab Thiem gar keinen, in den letzten zwei jeweils zwei Punkte ab, und so war die 2:1-Satzführung rasch fixiert. Im vierten Durchgang vermochte sich Granollers dem sehr vehementen Druck seines jungen Herausforderers wieder etwas vermehrt entgegenzustemmen. Nach einer von Thiem ausgelassenen Breakmöglichkeit im ersten Game kam dieser einige Zeit zu keiner weiteren mehr, bei 3:3 schlug er darauf jedoch zu: Mit einem tollen Rückhand-Cross-Passierball schnappte er sich, bei der insgesamt vierten Gelegenheit in diesem Abschnitt, das vorentscheidende Break. Über die ganze Fortsetzung hinweg ließ er bei seinem Service gar nichts mehr zu. Und nach zwei weiteren Aufschlagspielen zu null durfte er auch schon über den Sieg jubeln. Neben stolzen 294.000 Euro Preisgeld sind ihm dadurch 360 ATP-Punkte und ein neues Career High in der Weltrangliste von Platz elf so gut wie sicher.

Gegen Goffin um den Einzug in die Top 10

Der einzige minimale Wermutstropfen: Mit einem erhofften erstmaligen Einzug unter die Top Ten der Welt wurde es für Thiem zumindest vorläufig nichts. Durch den Sieg von Goffin über Gulbis trennen ihn von seinem nächsten Gegner nämlich weiterhin 95 Zähler. Deren 360 gäbe es aber bei einem weiteren Erfolg, Thiem spielt also im direkten Duell mit Goffin gleichzeitig um einen Platz unter den besten Zehn. Während er im Head-to-head mit Granollers gar bereits auf 4:0 stellen konnte (drei Siege auf Sand 2014), sieht dieses gegen den 25-Jährigen bei einer 2:5-Bilanz auf der ATP-Tour weitaus weniger erfreulich aus. Hatte Thiem beide Vergleiche in der Saison 2015 zwar für sich entschieden, einen davon durch Aufgabe, so war ihm Goffin im Kampf ums Australian-Open-Achtelfinale in diesem Jahr in vier Sätzen zuvorgekommen. Auf Sand haben beide jeweils eine Begegnung für sich entscheiden können, hier steht es also 1:1.

Die Chancen auf mehr sollten für Thiem also durchaus gut stehen. Doch bereits jetzt hat er ein kleines Kapitel rot-weiß-roter Tennisgeschichte geschrieben, er ist erst der fünfte Österreicher in einem Grand-Slam-Viertelfinale bei den Herren nach natürlichThomas Muster(neun Mal),Peter Feigl,Stefan KoubekundJürgen Melzer(jeweils einmal). In die Vorschlussrunde haben es bisher lediglich Muster (vier Mal) und Melzer (bei den French Open 2010) geschafft. Noch weiter ging es nur einmal für Muster, bekanntlich mit seinem Triumph in Roland Garros 1995 – 21 Jahre danach besitzt Thiem zumindest alle Möglichkeiten, um der steirischen Legende zu folgen. „Vor zwei Jahren war ich mit Ernests(Gulbis; Anmerkung)hier und er hat Semifinale gespielt. Damals konnte ich mir noch nicht wirklich vorstellen, dass ich eines Tages selbst so weit kommen würde“, gab er in seiner Pressekonferenz nach seinem Achtelfinal-Erfolg zu.

Niederlage wäre „sehr, sehr schwer zu verdauen gewesen“

Keinen Hehl machte Thiem draus, dass er sich jetzt auch mehr als dieses Viertelfinale erhoffe: „Vor dem Turnier habe ich mir gedacht: ‚Wie geil ist eine vierte Runde?’. Wenn man dort ist, denkt man sich: ‚Wie geil ist ein Viertelfinale?’. Und jetzt denke ich mir halt: ‚Wie geil ist ein Halbfinale?’. Ein Viertelfinale ist eben doch kein Halbfinale. Man will eben immer mehr, und so ist es auch jetzt.“ Nicht unwichtig seien die guten Starts gegen Granollers am Dienstag und auch Mittwoch gewesen: „Die schlechten Starts hatte ich gegen die zwei Spieler, die ich nicht gekannt habe. Gegen Granollers habe ich schon drei Mal gespielt, es war das vierte Duell. Ich habe eigentlich ungefähr gewusst, was kommen wird, und von dem her ist es schon einfacher, in ein Match zu starten. Und dann ist natürlich auch immer ein bisschen Glück dabei, sogleich ein Break zu machen. Das gelingt nicht immer – natürlich schön, wenn es so ist.“

Und so lief es für Thiem auch in weiterer Folge, mit der Führung im Rücken plangemäß. Sein Trainer Bresnik hatte zur „APA – Austria Presse Agentur“ gemeint, wenn er dieses Spiel denn verloren hätte, dann wäre Thiem drei Wochen nicht aus seinem Schlafzimmer rausgekommen. Dies stellte Letzterer dann doch in Abrede: „Rausgekommen wäre ich schon, aber es wäre auf jeden Fall eine Riesenenttäuschung gewesen“, sagte er, denn „natürlich war die Chance gegen Granollers um einiges größer, als sie gegenNadalgewesen wäre. Von dem her war’s für mich schon sehr, sehr wichtig, dass ich das Match gewinne.“ Klar sei: „Eine Niederlage wäre heute definitiv sehr, sehr schwer zu verdauen gewesen.“ Ob nun das bisher größte Spiel der Karriere warte? „Es ist echt ein großes Match morgen, ganz klar. Ein Grand-Slam-Viertelfinale ist echt was Cooles eigentlich, und von dem her, glaube ich, ist es für uns beide das größte Match.“

Ranking-Sprung „im Hinterkopf drinnen“

Nicht entgangen sind Thiem seine Perspektiven in der Weltrangliste. Wie seit Mittwochabend feststeht, könnte er mit einem Sieg über Goffin nicht bloß in die Top Ten vordringen, sondern bis auf Platz acht – und bei einem zu erwartenden Viertelfinal-Aus vonTomas Berdychgegen den Weltranglisten-ErstenNovak Djokovicsogar auf Rang sieben. Dass ihm bereits ein Coup gegen Granollers ein neues Career High bringen würde, sei ihm bewusst gewesen: „Natürlich habe ich drüber gelesen und die Live-Rankings angeschaut, es ist im Hinterkopf drinnen, ganz klar. Aber sobald ich den Platz betrete, denke ich niemals ans Ranking oder sonst irgendwas“, erklärte er. „Da denke ich nicht mal dran, dass es jetzt ein Viertelfinale ist. Da will ich einfach das Match gewinnen, und so wird es morgen auch sein.“

Mit Informationen von Jens Huiber aus Paris.

Hier die Ergebnisse von den French Open:Einzel,Doppel,Einzel-Qualifikation.

Hier der Spielplan.

von tennisnet.com

Mittwoch
01.06.2016, 12:32 Uhr