Martin Fischer im Exklusiv-Interview
Trotz eines deutlichen Rückfalls im Ranking zieht Österreichs Nummer drei Martin Fischer eine einigermaßen zufriedene Saison-Bilanz.
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
27.12.2011, 15:06 Uhr

Die tennisnet.com-Saisonbilanzen und -Ausblicke, Teil 7:Martin Fischer. Das Jahr 2010 begann für den Vorarlberger gleich mit einem Rückschlag. Fischer musste aufgrund einer fiebrigen Erkrankung das Turnier in Doha und die Qualifikation für die Australian Open in Melbourne auslassen. Auch danach lief es für den Schützling von Joachim Kretz nicht nach Wunsch. Bei vier Turnierstarts bis Mitte März gelang ihm kein einziger Hauptbewerbs-Sieg, und auch im Davis Cup konnte er Österreichs 2:3-Niederlage gegen Frankreich nach einer knappen Vier-Satz-Niederlage im entscheidenden Einzel gegen Jeremy Chardy nicht verhindern. In der Folge zogen sich knappe Niederlagen wie ein roter Faden durch Fischers Saison 2011, die er letztlich auf Weltranglisten-Platz 218 beendete. Warum der 25-Jährige der abgelaufenen Saison dennoch positive Seiten abgewinnen konnte, welche Rolle sein Mentalcoach Holger Fischer dabei gespielt hat und wie Fischer 2012 wieder voll angreifen will, erzählt er im tennisnet.com-Interview.
Martin, seit deinem letzten Turnier in Salzburg ist etwas mehr als ein Monat vergangen. Wie wichtig waren die freien Tage nach der abgelaufenen Saison?
Ich habe nach dem Challenger in Salzburg den Schläger zwei Wochen nicht in die Hand genommen und es richtig genoßen, einmal Abstand vom Tennis zu gewinnen. Ich habe mir zwei Wochen Urlaub gegönnt, habe ihn aber nicht in der Ferne verbracht, sondern war zuhause. Es hat richtig gut getan, Familie und Freunde zu sehen und Dinge zu machen, für die mir unter der Saison wenig bis gar keine Zeit bleibt.
Die Feiertage mit Weihnachtsgans und Weihnachtskeksen hast du auch gut überstanden?
Da der 24. heuer an einem Samstag war, konnte ich eine ganz normale Trainingswoche durchziehen, ich habe inklusive 24. Dezember am Vormittag trainiert, Sonntag wäre ohnehin frei gewesen. Die Feiertage selbst hab ich dann mit der Familie verbracht. Auch mit dem vielen Essen habe ich kein Problem – im Gegenteil, es schadet nicht, wenn ich einmal mehr esse.
Habt ihr die turnierfreie Zeit auch zu einer Analyse der vergangenen Saison genützt? Wie fällt deine Bilanz der abgelaufenen Saison aus?
Nach Salzburg habe ich unbedingt einmal etwas Abstand vom Tennis gebraucht, danach habe ich die Saison analysiert und bin dabei draufgekommen, dass es eigentlich viel Positives gegeben hat.
Die Ranking-Zahlen sprechen aber eine andere Sprache: Ende 2010 warst du Nummer 133 der Welt, die Saison 2011 hast du als Weltranglisten-219. beendet...
Ich bin zwar im Ranking um fast 90 Positionen zurückgefallen, darüber mach ich mir aber keine allzu großen Sorgen. Die Trainer haben mir bestätigt, dass ich vom Tennis weiter bin als im Vorjahr, zudem habe ich in dieser Saison sicherlich sehr viel gelernt und bin auch als Person gereift.
Im Vorjahr hast du deinen ersten Challenger-Titel geholt, warst der Davis-Cup-Held in Israel. Dieses Jahr hat mit einer Erkrankung alles andere als optimal begonnen, am Ende stand kein einziges Challenger-Halbfinale zu Buche. Was waren deiner Meinung nach die Gründe für die durchwachsene Saison?
Ich habe viele Sachen aus dem Vorjahr unterschätzt. Nach dem Davis Cup gegen Israel hat es einen Hype gegeben und ich bin erstmals so richtig in der Öffentlichkeit gestanden. Man hat überall gelesen, dass ich, wenn ich so weitermache, der nächste österreichische Star werden könnte und die Top 100 nur noch eine Frage der Zeit sind. Ich habe mich da ein bisschen leiten lassen und mir selbst zu viel Druck gemacht. Zudem ist dann in der Vorbereitung auf die neue Saison die Krankheit dazu gekommen, die sicher schwerer war, als wir zuerst angenommen haben. Im Nachhinein betrachtet war mir das alles zusammen zu viel. Aber zum Glück ist der Körper so gebaut, dass er die Reißleine ziehen kann, wenn es ihm zu viel wird!
Gibt es Dinge, die du im Nachhinein in der Trainingsgestaltung oder Turnierplanung anders machen würdest? Man hatte den Eindruck, dass du alles dem Davis Cup gegen Frankreich untergeordnet hast – war das vielleicht falsch?
Nachdem das zweite Halbjahr 2010 so gut war, wollte ich mit aller Kraft so schnell wie möglich in die Top 100. Die ersten Turniere nach der Erkrankung habe ich nur als Training für den Davis Cup, wo ich unbedingt dabei sein wollte, gesehen. Als Andi dann als Top-100-Spieler ausgefallen ist, war mir klar, dass ich gute Chancen auf den zweiten Einzelplatz habe. Nach der Niederlage gegen Frankreich ist dann der große Druck abgefallen und ich wollte auf Sand punkten. Aber ich bin im März, April und Mai meinen eigenen Erwartungen nicht gerecht geworden, habe dann immer mehr verkrampft und bin dann in eine Situation gekommen, in die ich nie wollte.
Und zwar in welche?
Viele sagen, dass man glücklich sein muss, wenn man als Tennisspieler sein Hobby zum Beruf gemacht hat. Zu diesem Zeitpunkt habe ich das aber nicht mehr zu schätzen gewusst, ich hatte keinen Spaß mehr am Tennis. Das war für mich das Zeichen, dass ich etwas ändern muss, und ich habe begonnen mit Holger Fischer zusammenzuarbeiten.
In vielen Sportarten wird schon lange auf Metantraining gesetzt – warum hast du erst vergleichsweise spät damit begonnen?
Man hat mir immer nachgesagt, dass ich auf dem Platz mental stark bin und diesen Eindruck hatte ich auch. Mein Trainer hat mir diesen Schritt schon früher ans Herz gelegt, aber ich habe Zeit gebraucht, bis ich selbst die Überzeugung gefunden hatte. Allerdings brauche ich auch keinen tennisspezifischen Mentaltrainer, der mir sagt "tipp zweimal die Linie an, dann bist du wieder fokussiert", sondern vielmehr hab ich jemanden gebraucht, der mir dabei hilft, mich weiterzuentwickeln. Ich habe jemanden benötigt, mit dem ich herausfinde, ob Tennis noch mein Leben ist oder ob es für mich vielleicht besser wäre, Wirtschaft zu studieren und vom Tennis weg zu gehen.
Es hätte also auch zu einem Karriere-Ende kommen können?
Theoretisch ja. Das hätte mich zwar sehr gewundert, weil mir natürlich extrem viel am Tennis liegt und es schon schlechtere Zeiten gegeben hat, wo ich aber auch dran geblieben bin.
Wie darf man sich die Zusammenarbeit vorstellen, wie hat dich Holger Fischer wieder motivieren können?
Es ist schwierig, ihn und seine Arbeit zu beschreiben. Aber er hat die Gabe, auf Menschen einzugehen und Leute zu durchleuchten. Wir haben viele lange Gespräche geführt, ich habe ihm sehr viel erzählt und hart an mir gearbeitet. Bei manchen Dingen habe ich länger gebraucht, um sie umzusetzen und sie zu akzeptieren. Generell habe ich mir zu viel Druck aufgelegt, wollte alles perfekt machen, hatte zwischenzeitlich aber kein Vertrauen mehr in mich. Ich hatte auch immer den Eindruck, dass ich mich bei allen möglichen Leuten für Niederlagen rechtfertigen musste. Das hat enorm viel Kraft und Energie gekostet. Jetzt nehme ich die Dinge gelassener. Ich akzeptiere auch, dass die Schattenseiten genauso wie die Lichtblicke dazugehören und habe wieder Spaß am Tennis. Je weiter es nach oben geht, umso entscheidender sind Kleinigkeiten. Man muss an jeder Schraube drehen und nicht nur das Tennis auf dem Platz, sondern auch den Charakter abseits des Courts weiterentwickeln. Schließlich ist das Verhalten am Platz ja nur ein Spiegelbild von dem Martin, der ich auch außerhalb bin! Ich erkenne auf jeden Fall Anzeichen, dass ich auf dem richtigen Weg bin, auch wenn die Rangliste das momentan noch nicht zeigt.
Mit Philipp Oswald hast du im Doppel vier Titel geholt, da ist es besser gelaufen als im Einzel. Woran liegt das?
Im Einzel habe ich in der zweiten Saisonhälfte viele enge Partien verloren und bin in einen Kreislauf gerutscht. In der Liga gegen "Ossi" nach Matchbällen, in den USA zwei knappe Niederlagen gegen Karlovic und in Wien gegen Brands auf das Match serviert und als besserer Spieler das Nachsehen gehabt. Da war ich zu verkrampft, weil mein Fokus ganz klar auf dem Einzel liegt. Im Doppel bin ich es lockerer angegangen, das ist nebenbei mitgelaufen, war ein gutes Training und ich habe mehr Spaß am Spiel gehabt. Die Bilanz mit vier Titeln bei acht gemeinsamen Starts bei immer besser besetzten Challengern kann sich auch durchaus sehen lassen.
"Ossi" hat heuer auf Future-Ebene mit seiner Siegesserie für Furore gesorgt. Wie sehr motivieren dich seine Erfolge oder blickst du eher neidisch auf seine Bilanz?
Am Erfolgslauf bin ich auch nicht ganz unbeteiligt, immerhin hat der nach dem Sieg über mich in der Liga begonnen.(lacht). Aber im Ernst: Wir kennen uns ewig, trainieren solange miteinander und sind gute Freunde. Für "Ossi" war es in der Vergangenheit nicht immer leicht, er hat sich die Erfolge und die Australian-Open-Quali verdient und ich ich gönne ihm seine Erfolge. Außerdem ist es für mein Spiel und mein Ranking nicht ausschlaggebend, ob er auf Position 70 oder 700 steht.
Die neue Saison steht vor der Tür - welche Turniere stehen Anfang des Jahres auf deinem Turnierkalender?
Los geht es in Doha, danach fliege ich nach Melbourne weiter zur Quali für die Australian Open. Ich hoffe, dass ich in Doha einige Matches bekomme, um nach der langen Pause meinen Rhythmus zu finden. Der Fokus liegt aber auf Australien. Mein Ziel ist es, mich für die Australian Open zu qualifizieren. Ich war in Paris im Hauptbewerb, in Wimbledon schon zweimal, jetzt möchte ich das in Melbourne schaffen. Vom Niveau traue ich mir das auf jeden Fall zu.
Worauf habt ihr in der Vorbereitung das Hauptaugenmerk gelegt, um die gesteckten Ziele zu erreichen?
Vor allem im körperlichen Bereich haben wir sehr viel gearbeitet. Kraft, Beine, Ausdauer und Intervalltraining, um auch Fünf-Satz-Partien zu schaffen. Ich habe viele lange Einheiten über vier oder fünf Stunden absolviert, wo ich nach dem Tennis noch Kraft und Ausdauereinheiten drangehängt habe. Das hat Spaß gemacht und ich fühle mich jetzt fit, wie schon lange nicht mehr.
Eines der ersten Highlights ist das Davis-Cup-Duell gegen Russland: Du zählst zum vorläufigen Sechs-Mann-Kader. Andreas Haider-Maurer lässt Australien im Hinblick auf den Davis Cup gegen Russland aus – war das für dich auch Thema oder gilt deine Konzentration vorerst deiner Einzel-Karriere?
Das war für mich kein Thema. Andi liegt im Ranking 100 Plätze vor mir, hat bessere Karten auf den zweiten Platz im Einzel. Ich wollte die Turniere nicht auslassen und mich auf etwas vorbereiten, wo ich dann vielleicht gar nicht zum Zug komme. Ich sehe es viel mehr als Chance, mich durch gute Ergebnisse bei den beiden Turnieren aufzudrängen. Wenn man mich braucht, stehe ich natürlich jederzeit zur Verfügung.
Wie schätzt du zum derzeitigen Zeitpunkt die Chancen gegen die Russen ein?
Youzhny ist auf Hartplatz auf jeden Fall gefährlich, auch wenn er schon bessere Zeiten gehabt hat. Die Russen haben überhaupt ein kompaktes Team, aber wenn man von den gesetzten Mannschaften Russland zuhause zieht, dann darf man sich nicht beschweren, vor allem weil auch wir ein starkes Team haben. Jürgen kann beide Einzel gewinnen, wir haben ein sehr gutes Doppel, und auch unsere Nummer zwei braucht sich zuhause nicht verstecken. Sollte nichts Außergewöhnliches passieren, haben wir sicher eine reele Chance.
Clemens Trimmel gibt gegen Russland sein Debüt als Captain. Wie stehst du seiner Bestellung gegenüber? Wie sehr ward ihr Spieler in den Entscheidungsprozess eingebunden?
Jürgen hat mich einmal angerufen und Trimmel als neuen Davis-Cup-Kapitän vorgeschlagen. Ich habe ihn davor noch nicht wirklich gekannt, weil ich gerade erst angefangen habe, als er seine aktive Karriere beendet hat. Aber Clemens bringt sicher frischen Wind und meine ersten Erfahrungen sind durchwegs positiv. Wir stehen in regelmäßigem Kontakt. Wenn man ihm die Zeit gibt, die er für seine Aufgaben benötigen wird, bin ich überzeugt, dass er was bewirken kann!
Abschließend: Was müsste 2012 passieren, damit du im kommenden Jahr beim Saisonabschluss-Interview rundum zufrieden wärst?
Das ist schwierig zu sagen. Im letzten Jahr hätte ich nicht geglaubt, dass ich mit einer Saison, in der ich 90 Plätze verliere, zufrieden sein könnte. Ich lass mich überraschen und wäre froh, wenn ich mich weiter gut entwickle und es im Ranking wieder auf die 100er-Marke zugehen würde.
Das Interview führte Bernt Baumgartner.
