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"Keiner spielt unter Druck so gut wie er": Alexander Zverev zollt Djokovic großen Respekt

Alexander Zverev war nach dem Halbfinal-Aus gegen Novak Djokovic wieder mal beeindruckt von dessen mentaler Stärke.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 11.09.2021, 15:44 Uhr

Alexander Zverev, Novak Djokovic
© Getty Images
Alexander Zverev, Novak Djokovic

Ganz am Ende dieses denkwürdigen US Open-Abends sagte Alexander Zverev, er blicke „auch sehr gespannt“ auf den Finalsonntag. Er sei ja „Sportfan“, und er hoffe, „dass dann Geschichte geschrieben wird.“

Seine Geschichte wird es allerdings nicht sein, die Geschichte des ersten eigenen Grand Slam-Triumphs, die Geschichte des ersten deutschen Grand-Slam-Erfolgs seit den Zeiten von Boris Becker oder Michael Stich. Zverev wird nur noch zuschauen können, wie sein Halbfinal-Bezwinger Novak Djokovic sich an der allerletzten Herausforderung auf dem Weg zum echten Grand Slam in einem Kalenderjahr versuchen wird, im Endspiel gegen den Russen Daniil Medvedev. „Er hat in den entscheidenden Momenten gezeigt, warum er die Nummer 1 der Welt ist“, sagte Zverev schließlich nach der bitteren 6:4, 2:6, 4:6, 6:4, 2:6-Halbfinalniederlage gegen Djokovic in der Nachtshow des zweiten Turnier-Freitags, „keiner im Tennis spielt unter Druck so gut wie er.“

Djokovic: "Grand-Slam-Tennis geht über drei Gewinnsätze"

Zwei gewonnene Sätze im olympischen Halbfinale vor sechs Wochen hatten Zverev genügt, um Djokovic die einzig herbe Niederlage in dieser Saison zufügen und seine Goldmission fortsetzen zu können. Zwei gewonnene Sätze in New York reichten nur für breite Anerkennung und artige Lobesworte, aber für sonst auch nichts. Djokovic, der Meister der Zermürbungskämpfe bei den Majors, hatte schlicht recht behalten mit seinen kämpferischen Worten vor dem großen Duell. Es sei nun mal „Grand-Slam-Tennis, es gehe über drei Gewinnsätze“, und das sei „eine andere Welt“, hatte Djokovic erklärt – und als wolle die Dramaturgie genau diesem Verdikt folgen, entspann sich über drei Stunden und 33 Minuten eine Centre-Court-Achterbahnfahrt, in der Djokovic einmal mehr in dieser Saison den längeren Atem gegen einen seiner weit jüngeren Rivalen hatte.

27 Spiele bei den Majors hat er nun in Serie gewonnen, ein weiter Sieg fehlt noch zum lange für unmöglich gehaltenen Grand-Slam-Durchmarsch. „Ich werde alles geben im Endspiel. Mein Herz, meinen Körper, meine Seele werde ich da draußen lassen“, sagte Djokovic, „ich werde das Spiel so behandeln, als wäre es das letzte Spiel meiner Karriere.“ Wobei das Ende dieser fabelhaften Serie auch auf den Anfang hindeutet – denn den ersten Grand Slam-Titel der Saison hatte sich der 34-jährige Serbe im Januar auch gegen Medwedew gesichert, bei den Australian Open.

Djokovic ist "eine Wand, bei der du irgendwann nicht mehr durchkommst"

Zverev äußerte später ein vertrautes Gefühl unter seinen Kollegen, als er von Djokovic als einer „Wand“ sprach, „bei der du irgendwann nicht mehr durchkommst.“ Vor allem dann nicht, wenn jähe Schwächephasen des Gegners dem stets lauernden, hellwachen Weltranglisten-Ersten die Aufgabe erleichtern – so geschehen im fünften Satz des hitzigen Halbfinal-Schlagabtauschs, als Zverev zwei schnelle Breaks kassierte und plötzlich 0:5 in den roten Zahlen lag. „Das kannst du dir gegen Novak nicht leisten. Da war die Niederlage besiegelt“, sagte Zverev, dem zwar noch eine kleines Comeback zum 2:5 gelang, der dann aber mit eigenem Service das letzte und entscheidende Break kassierte.

Dahin war die ganze Mühe, die Aufholjagd zum 2:2-Satzausgleich, der intensive Kampf, der seinen faszinierenden Höhepunkt im zehnten Spiel des dritten Aktes erlebte. Beim Punktgewinn von 15:40 zu 30:40, der Abwehr eines Satzballes, brauchte Zverev sage und schreibe 53 Schläge, um Djokovic niederzuringen, anschließend hingen beide Gladiatoren wie Boxer in der 15. Runde eines Schwergewichtsfights in den Seilen. In jenem Satz hatte Zverev es weit vor diesen aufsehenerregenden Momenten verpasst, dem Geschehen den entscheidenden Dreh zu seinen Gunsten zu geben. Insgesamt drei Breakbälle ließ er gegen den Serben ungenutzt verstreichen, auch weil er zuweilen „nicht genügend Gas“ gegeben hatte, wie TV-Experte Boris Becker monierte: „Da war er einfach zu vorsichtig, nicht entschlossen genug. Geht er mit 2:1-Sätzen in Führung, wird es vielleicht ein ganz anderes Spiel.“ 

Djokovic hat immer eine Lösung

Djokovic hat sich allerdings oft in dieser Saison aus kritischen, bedrängten Situationen gewunden, in Paris, bei den French Open, drehte er im Achtelfinale gegen den Italiener Lorenzo Musetti und im Endspiel gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas jeweils einen 0:2-Rückstand um. In New York geriet er nun gleich vier Mal nach verlorenem Auftaktdurchgang in Schwierigkeiten, ließ sich aber nur mäßig beirren. „Über die Jahre habe ich gelernt, mit diesen Problemen umzugehen. Ich weiß: Ich habe immer noch eine Lösung, eine Antwort“, sagte der Belgrader, der zum ersten Mal in der Ära der Großen Drei nun auch an Roger Federer und Rafael Nadal vorbeiziehen kann.

Ein Sieg am Sonntag könnte Djokovic den 21. Grand Slam-Titel bringen, Federer und Nadal, beide verletzt fehlend im Big Apple, stehen bei 20 Major-Pokalerfolgen. „Ich muss das alles ausblenden, ich darf und muss nur an den Sieg in diesem Spiel denken“, so Djokovic, „aber klar ist auch: Ein bisschen Lampenfieber wird es vorher schon noch geben.“

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