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Das olympische Turnier und der Fluch der Nummer-1-Spieler

Liegt beim olympischen Tennisturnier bei den Herren ein Fluch auf den topgesetzten Spielern? Es sieht fast danach aus.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 09.08.2016, 12:43 Uhr

RIO DE JANEIRO, BRAZIL - AUGUST 07: Novak Djokovic of Serbia shows his emotion as he waves to the crowd after his defeat against Juan Martin Del Potro of Argentina in their singles match on Day 2 of the Rio 2016 Olympic Games at the Olympic Tennis C...

Bei der Leichtathletik-WM 2011 in Daegu (Südkorea) ging ein Fluch um, der Fluch des Tagesprogramms. Denn für nahezu jeden Leichtathleten, der auf dem Cover des täglichen Tagesprogramms zu sehen war, endete der Wettkampf mit einer riesengroßen Enttäuschung. So scheiterte Stabhochsprung-Olympiasieger Steven Hooker bereits in der Qualifikation, seine weibliches Pendant, die Überfliegerin Yelena Isinbajeva, verpasste eine Medaille. Das prominenteste Opfer war jedoch Usain Bolt, der im 100-Meter-Lauf wegen eines Fehlstarts disqualifiziert wurde. Bei den olympischen Tennisturnieren kann man auch von einem Fluch sprechen, und zwar vom Fluch der an Nummer eins gesetzten Spieler bei den Herren.

Federer dreimal die Nummer 1, aber ohne Gold

In diesem Jahr schied Dominator Novak Djokovic, der zuvor noch das ATP-Masters-1000-Turnier in Toronto souverän gewonnen hatte, in der ersten Runde gegen Juan Martin del Potro aus.Zugegeben, es gibt weitaus einfachere Erstrundengegner als einen ehemaligen US-Open-Sieger, zumal auch zehn Top-20-Spieler in Rio de Janeiro nicht am Start sind, aber das Ausscheiden von Djokovic ist dennoch eine kleine Sensation. Wie wichtig dem „Djoker“ die Olympischen Spiele sind, sah man, als er mit Tränen in den Augen den Platz verließ. Für Djokovic war es eine der bittersten Niederlagen in seiner Karriere, wie er später betonte. Ob der Serbe in vier Jahren bei den Olympischen Spielen in Tokio seine Karriere noch vergolden kann, steht in den Sternen.

Djokovics Schicksal erinnert etwas an das vonRoger Federer,der 2004 in Athen als haushoher Favorit auf die Goldmedaille ins Turnier ging und in der zweiten Runde an dem noch damals recht unbekannten 18-jährigen TschechenTomas Berdychscheiterte. Auch im Jahr 2008 in Peking ging Federer als Nummer eins der Setzliste ins olympische Turnier, aber mit der Gewissheit, dass er im Anschluss von Rafael Nadal vom Tennisthron verdrängt werden würde. Federer verlor im Viertelfinale überraschend gegenJames Blakein zwei Sätzen, gegen den er in den anderen zehn Partien nur einen Satz verlor. 2012 in London war Federer ebenfalls die Nummer eins der Setzliste, da er nach seinem Wimbledonsieg wieder die Weltranglistenführung übernommen hatte. Auf seinem geliebten Rasen klappte es endlich mit einer olympischen Medaille im Einzel, auch wenn es „nur“ Silber war. Federer warnach dem Marathonhalbfinale gegen del Potroim Endspiel gegenAndy Murraychancenlos.

Safin entzaubert, Courier vom Platz gefegt

In der olympischen Tennisgeschichte der Neuzeit gab es nur einen an Nummer eins gesetzten Spieler bei den Herren, der das Turnier auch gewinnen konnte:Andre Agassi,1996 in Atlanta.Allerdings stand der US-Amerikaner im Viertelfinale gegen Wayne Ferreira ganz knapp vor dem Aus.Und: Agassi war auch nur die Nummer eins des Turniers, weil fünf Spieler, die in der Weltrangliste vor ihm lagen, auf Olympia freiwillig verzichteten, unter anderem Pete Sampras, oder verletzungsbedingt ausfielen, unter anderem Boris Becker. Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney warMarat Safindie Nummer eins der Setzliste, weil Sampras erneut keine Lust auf Olympia hatte. Der Russe wurde in Australien gleich in der ersten Runde vom „Magier“ Fabrice Santoro entzaubert.

1992 bei den Olympischen Spielen in Barcelona gingJim Courierals amtierender French-Open-Sieger als klarer Favorit auf Gold ins Turnier, auch weil auf Sand gespielt wurde. Courier wurde jedoch im Achtelfinale vonMarc Rossetglatt in drei Sätzen, damals wurde noch jedes Match über drei Gewinnsätze ausgetragen, vom Platz gefegt. Rosset gewann schließlich sensationell als Nummer 44 der Welt die Goldmedaille. 1988 in Seoul, als Tennis wieder ins olympische Programm rückte, fehlten die beiden besten der Weltrangliste, Mats Wilander und Ivan Lendl.Stefan Edbergwar schließlich die Nummer eins des Turniers und verlor im Halbfinale gegen den späterenOlympiasieger Miloslav Mecirin fünf Sätzen. Für Edberg gab es dadurch bereits Bronze, da es damals noch kein Spiel um die Bronzemedaille gab. Bei acht olympischen Turnieren gab es in der Herrenkonkurrenz für den topgesetzten Spieler nur dreimal eine Medaille, jeweils einmal Gold, Silber und Bronze. Zweimal kam das Aus, so wie nun bei Djokovic, gleich in der ersten Runde.

Graf und Henin gewinnen als Nummer 1 die Goldmedaille

Etwas anders sieht es bei den Damen aus,wo Steffi Graf 1988 in Seoul und Justine Henin 2004 in Athen die Goldmedaille als amtierende Nummer eins gewannen.Bei Henin war der Olympiasieg jedoch etwas überraschend, da sie vorher zweieinhalb Monate pausieren musste.Graf hätte 1992 in Barcelona beinahe ihr Kunststück wiederholt,verlor jedoch das Spiel um die Goldmedaille sensationell gegen Jennifer Capriati.Normalerweise wäre jedochMonica Selesdie Nummer eins des Turniers gewesen, doch die ITF ließ die ehemalige Jugoslawin zum Turnier nicht zu, weil sie sich angeblich geweigert haben soll, Fed Cup zu spielen. Seles war 1996 in Atlanta dann die Nummer eins des Turniers, da Graf verletzt fehlte. Doch die US-Amerikanerin verlor im Viertelfinale gegen Jana Novotna und blieb ohne Medaille. 2000 in Sydney warLindsay Davenport,die Olympiasiegerin von Atlanta, die topgesetzte Spielerin, nachdemMartina Hingisauf ihren Turnierstart verzichtete. Doch Davenport musste vor ihrem Zweitrundenmatch zurückziehen.

2008 in Peking wurde es dramatisch.Ana Ivanovicwäre die Nummer eins des Turniers gewesen, doch die Serbin musste kurz vor Turnierbeginn wegen einer Daumenverletzung passen. Beim olympischen Turnier 2012 in London führteVictoria Azarenkadie Setzliste an, auch wennSerena Williamszum damaligen Zeitpunkt bereits die heimliche Nummer eins war. Und so wurde Azarenka im Halbfinale von Williams vom Platz gefegt. In Rio de Janeiro ist Williams erstmals die Nummer eins bei einem olympischen Turnier. Alles andere als die Goldmedaille wäre wohl eine Überraschung. Aber wie die Vergangenheit gezeigt hat, lief es auch bei den topgesetzten Damen nicht immer reibungslos. Von einem Fluch, den es bei den Herren anscheinend gibt, braucht man aber nicht zu sprechen. Aber: Dass Olympia genauso wie Davis Cup und Fed Cup eigene Gesetze hat, bewahrheitet sich mal wieder in Rio de Janeiro, denn in der Doppelkonkurrenz schieden die beiden topgesetzten Teams bei Damen und Herren in der ersten Runde aus.

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Dienstag
09.08.2016, 12:43 Uhr