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Dirk Hordorff – „Wir sind stolz, Teil der deutschen Olympiamannschaft zu sein“

Dirk Hordorff, der Chef der deutschen Tennis-Olympiamannschaft, im Interview.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 05.08.2016, 09:28 Uhr

Herr Hordorff, Sie sind seit ein paar Tagen in Rio, wohnen dort im Olympischen Dorf? Wie ist die Stimmung, die Atmosphäre in der Stadt?

Dirk Hordorff: Olympia und die Atmosphäre im Dorf sind eine einmalige Sache. 10.000 Athleten, 5000 Betreuer, das größte Sportevent der Welt, einfach sensationell. Von der Stadt habe ich bis jetzt noch nichts gesehen, hier ist einfach viel zu viel Aktion - und man hat halt schon genug Aufgaben vor Ort, die den Tag ausfüllen.

Zunächst war über viele Mängel im Athletendorf zu lesen. Wie stellt sich das für Sie dar?

Dirk Hordorff: Wenn 30 Hochhäuser gerade fertig gestellt werden, sind immer Mängel am Anfang vorhanden. Das wäre auch in Deutschland der Fall. Aber mein großes Lob gilt dem DOSB und seinen Mitarbeitern. Die haben in Tag und Nachtarbeit alles so gut wie möglich hinbekommen, und seitdem wir eingezogen sind, kann man sehr zufrieden mit dem Zustand sein.

Wohnen alle deutschen Tennisspieler im Dorf?

Dirk Hordorff: Ja, alle ohne Ausnahme. Aber auch die Topathleten vieler Nationen lassen sich das nicht entgehen. Tennisspieler wohnen das ganze Jahr im Hotel, und genießen nun aber die Stimmung um und bei Olympia. Und wir Tennisspieler sind froh und stolz, Teil der deutschen Olympiamannschaft zu sein.

Mit welchen Aussichten geht die deutsche Tennis-Equipe in die Wettbewerbe?

Dirk Hordorff: Natürlich istAngelique Kerberan erster Stelle als Medaillenkandidatin zu nennen. Sie war in zwei der drei Grand Slams im Finale,Angie ist an zwei gesetzt und ist eine der Topfavoriten auf eine Medaille im Einzel.Aber auch in den Doppel oder Mixed-Konkurrenzen ist dem starken deutschen Damenteam eine Chance einzuräumen. Bei den Herren istPhilipp Kohlschreiberan 13 gesetzt. Er ist einerseits Außenseiter, aber er hat dieses Jahr bei vielen Turnieren bewiesen, dass er auf höchstem Niveau mitspielen kann. Ich würde mich freuen, wenn er hier für eine Überraschung sorgen könnte.Jan-Lennard StruffundDustin Brownsind sicher nicht in den Favoritenkreis einzugliedern, haben aber gerade in den letzten Wochen durch gute Ergebnisse auf sich aufmerksam machen können.

Hat Sie die von vielen als schnörkellos empfundeneAbsage von Alexander Zvereventtäuscht? Immerhin hat der DTB viel im Countdown zu den Spielen für ihn getan.

Dirk Hordorff: Das tut weh. Aber aus der Ferne betrachtet kann ich die Entscheidung verstehen. Sascha hat dieses Jahr sehr erfolgreich gespielt, mehr Matches bestritten als geplant. Und hat dadurch einen großen Sprung in der Weltrangliste nach oben gemacht, steht mittlerweile auf 25 der ATP-Einzel- Weltrangliste und wäre hier sogar gesetzt gewesen. Darauf sollten wir stolz sein und uns freuen. Mit 19 Jahren hat er noch nicht die Substanz, das körperlich einfach wegzustecken. Und für ihn ist es vielleicht sinnvoller, auf seinen Körper zu hören anstatt langfristig seiner Karriere zu schaden.

Beim DOSB hörte man in Zwischentönen heraus, dass Zverevs Saisonplanung nicht genügend auf den Olympiastart ausgerichtet gewesen sei.

Dirk Hordorff: Die Enttäuschung des DOSB kann ich verstehen, und ich weiß auch, dass gerade der DOSB sich sehr um die Förderung von Sascha durch das BMI eingesetzt hat. Im Nachhinein hätte man natürlich den einen oder anderen Turnierstart anders gestalten können. Aber ein junger Mann wie Sascha ist halt ehrgeizig, und es ist halt schwierig, seine eigenen Grenzen genau einzuschätzen. Tennis ist halt eine Sportart, die das ganze Jahr auf höchstem Niveau betrieben wird. Ich bin sicher, dass Sascha 2020 in Japan genau in dem Alter angekommen ist, in dem er für eine Medaille in Frage kommt.

Sie und andere DTB-Vorstandsmitglieder haben oft beklagt, dass es keine ausreichende Förderung durch das Innenministerium gibt – also jener Behörde, die auch für den Sport zuständig ist.

Dirk Hordorff: Man kann nicht unerwähnt lassen, dass Tennis als eine der wenigen Sportarten leider nicht durch das Bundesinnenministerium unterstützt wird und wir nicht die nötige Grundförderung bekommen. Dadurch haben wir nicht die Trainer, die wir - wie andere Sportarten - unseren Athleten zur Verfügung stellen können. Da ist es halt auch nicht möglich, den notwendigen Einfluss auf die Athleten zu nehmen.

Das Gespräch führte Jörg Allmeroth.

von tennisnet.com

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05.08.2016, 09:28 Uhr