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Angelique Kerber – Ein Finalauftritt, der nicht mehr überrascht

Wie Wimbledon die Karriere von Angelique Kerber fast beendete, dann rettete und schließlich beschleunigte.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 08.07.2016, 07:50 Uhr

Angelique Kerber

Von Jörg Allmeroth aus London

Es ist der Sehnsuchtsort deutscher Tenniskarrieren, ein Mythos. Das Theater der Träume, eine grüne Wohlfühloase für die Helden der Vergangenheit, für die Beckers, Grafs und Stichs. Wimbledon, es ist ein Name, der keiner weiteren Erklärung bedarf. Auch nicht fürAngelique Kerber.Als sie am Abend ihres souveränen Endspieleinzugs,nach dem Sieg gegen Venus Williams,gefragt wurde, was das Besondere an Wimbledon sei, überlegte sie nur einen winzigen Augenblick. Dann sagte sie: „Es ist einfach Wimbledon.“ Es musste reichen, es war jedem klar, was sie meinte. Sie, Kerber, jetzt selbst die Hauptdarstellerin bei einem Turnier, das ihre Karriere erst beinahe beendete, dann rettete und schließlich beschleunigte.

„Ich stand vor einem Scherbenhaufen“

Wimbledon ist wichtiger, bedeutender als jedes andere Turnier der Welt, auch als jeder andere Grand Slam. Und blickt man auf die Tennis-Biographie von Kerber, die am Samstag im letzten Duell für Zwei aufs Neue ihr Glück gegen die Weltranglisten-Erste und sechsmalige TurniersiegerinSerena Williamsversuchen will, dann hat auch für sie kein anderer Schauplatz ihr Profileben mehr geprägt und beeinflusst als das Rasenfest an der berühmten Church Road. „Wimbledon hat in Angies Karriere Schicksal gespielt“, sagt Trainer Torben Beltz, der ruhige, stabilisierende Partner an Kerbers Seite. Vor fünf Jahren, in einem anderen Tennisleben, war Kerber drauf und dran, nach einer vernichtenden Erstrunden-Niederlage gegen die Britin Laura Robson den Schläger an den Nagel zu hängen – demoralisiert und entgeistert kehrte sie damals von der Insel heim. „Ich sah keinen Sinn mehr in dem, was ich tat“, erinnert sich Kerber, „ich stand vor einem Scherbenhaufen.“

Damals half ihrAndrea Petkovicaus der Krise heraus, ihre beste Freundin. Kerber wechselte auf Drängen Petkovics aus der vertrauten Kieler Umgebung vorübergehend ins hessische Leistungszentrum, und gemeinsam trainierten die beiden Nationalspielerinnen einen harten Sommer lang an einem Comeback. „Wimbledon, dieser Frust, den habe ich zum Glück in Trotz verwandelt. Ich habe mir geschworen, dass ich dort viel stärker und besser zurückkommen werde.“ Genaugenommen war es eine Phönix aus der Asche-Geschichte, denn aus der 2011er-Schlappe entstand in Wahrheit das Aufstiegsmärchen der schlagstärksten Erbin von Steffi Graf. „Angie hat noch einmal allen Mut, alle Energie mobilisiert – und alles gedreht damals“, sagt Bundestrainerin Barbara Rittner.

Kein On-Hit-Wonder, kein Zufalls-Champion

Schon 2012 rückte Kerber bei den Offenen Englischen Meisterschaften ins Halbfinale vor, allerdings war sie da noch chancenlos gegen ihre fintenreiche polnische Bekannte Agnieszka Radwanska. Gleichwohl war sie auf einmal mit Wimbledon im reinen – mit dem Spielort, der sie als Kind fasziniert hatte vorm Fernseher („Die weiße Kleidung, der Centre Court, das ganze Ambiente. Es war der Traum, da mal zu gewinnen“). Den sie zwischenzeitlich in den Tiefpunkten verflucht hatte. Und den sie dann als Karrierebeschleuniger nutzte, auch in dem klammheimlichen Ehrgeiz, mit den anderen, auf den Tennis-Grüns zunächst erfolgreicheren Kolleginnen gleichzuziehen. „Angie suchte auch nach Anerkennung und Bestätigung. Das war auch eine Motivation“, sagt Bundestrainerin Barbara Rittner, „ich wusste: Da brennt ein Feuer in ihr. Sie will es sich und der Welt zeigen, dass sie auch in die erste Reihe gehört.“

Wimbledon, es ist auch im Hier und Jetzt eine Kraftquelle, eine Inspiration für Kerber. Der Beweis, dass sie wirklich zu den Besten ihres Berufs gehört. Und nicht etwa ein One-Hit-Wonder ist, ein Zufalls-Champion. Der Finaleinzug dient als Selbstvergewisserung für die Kielerin, ist aber auch ein Demonstrationsakt nach außen, ein Ausrufezeichen gegen die Zweifler und Nörgler. Davon hatte es einige gegeben nach den magischen Nächten von Melbourne und dem Sensationscoup gegen Serena Williams, dem eine sportliche Krise gefolgt war. Kerber, unerfahren in der mahlenden Medienmaschinerie, in der hysterischen Nachfragesituation, kippte weg. Selbst Pausen, kompletter Abstand vom Wanderzirkus, halfen erst nicht weiter. Lange dauerte es, bis sich Kerber akklimatisiert hatte in der neuen Rolle, mittendrin im Scheinwerferlicht. Und nicht nur dabei im Schaulaufen der Stars. „Es war ein schwerer Lernprozess, sich mit allem zurechtzufinden“, sagt Kerber, „aber ich war mir eigentlich immer sicher, dass ich das schaffe.“

Aus sportlichem Schaden klug und klüger geworden

Wohl auch, weil sie inzwischen durchaus gern die Aufmerksamkeit genießt, diese Popularität als Return, als Rückzahlung für Jahre der harten, unbeobachteten Maloche empfindet. „Sie hat nichts dagegen, dass die Scheinwerfer auf sie gerichtet sind“, sagt Fed-Cup-Chefin Rittner, „aber sie ist im Kern die bodenständige, unkomplizierte Arbeiterin geblieben.“ Und eine, die ganz anders ist als ihre Generationskolleginnen Petkovic und Lisicki, bei denen großes Drama eher die Regel als die Ausnahme ist.

Kerber ist nun schon seit Jahren die verlässliche deutsche Größe – und ein Machtfaktor in der großen, weiten Tenniswelt. Auch, weil sie aus sportlichem Schaden in Wimbledon klug und klüger wurde, die richtigen Karriereentscheidungen traf, die richtigen Leute an ihre Seite holte. Und immer, jeden Tag aufs Neue, den Anspruch an sich hatte, „ein Stückchen besser zu werden.“ Wirklich bass erstaunt hat niemanden in der Tennis-Expertenschaft, dass sie das Finalticket gegen Serena buchte, Kerber gehörte bei allen Insidern zu den Mitfavoritinnen. „Ich bin auch nicht überrascht“, sagt Finalgegnerin Serena, die ihr 28. Major-Endspiel bestreitet, „es wird ein Vergnügen, auf sie im Finale zu treffen, ganz ehrlich.“ Aber wem das Wiedersehen dann Freude machen wird, das ist erst am Samstagnachmittag entschieden. Nach Teil zwei der kleinen 2016er Grand-Slam-Finalserie Serena gegen Angie. Kerber jedenfalls ist bereit: „Ich gehe raus im Gefühl, dass ich gewinnen werde.“

Hier die Damen-Ergebnisse aus Wimbledon.

Hier der Spielplan.

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Freitag
08.07.2016, 07:50 Uhr