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Die Zwei-Klassen-Gesellschaft von Wimbledon

Wenn es regnet in Wimbledon, so wie in diesem Jahr, zahlt es sich noch mehr aus, ein Topspieler zu sein.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 30.06.2016, 09:06 Uhr

LONDON, ENGLAND - JUNE 25: The Gentlemen's and Ladies' trophies are displayed on Centre Court during previews for Wimbledon Tennis 2016 at Wimbledon on June 25, 2016 in London, England. (Photo by Julian Finney/Getty Images)

John Isnerist kein Niemand in Wimbledon. Ein Match, ein Sieg, eine Rekordleistung für die Ewigkeit haben sich ins kollektive Gedächtnis des Tennis eingegraben.70:68 gewann Isner vor sechs Jahren den denkwürdigen fünften Satz seiner Erstrundenpartie gegen den Franzosen Nicolas Mahut,am Ende des Dramas starrte eine globale TV-Gemeinde gebannt auf den erfolgreichen amerikanischen Ausdauerkünstler. Doch im laufenden Grand-Slam-Spektakel erlebt der 2,09-Meter-Riese, und nicht nur er, einen wenig amüsanten Marathon der ganz anderen Art.

Evert: „So ist das System“

Isners ewiges Warten auf Spielbetrieb im verregneten All England Club warf symbolisch ein Schlaglicht auch auf die fragwürdigen Zustände, die sich mit der Inbetriebnahme des mobilen Dachs über dem Centre Court etabliert haben: Während der amerikanische Gigant bis zum Mittwochabend gerade mal einen Satz in seiner Erstrunden-Partie gegen den Zyprer Marcos Baghdatis gespielt hatte, waren etwaRoger FedererundNovak Djokovicschon unter dem behaglichen Schutz des „Regenschirms“ auf der Hauptwiese in die dritte Runde vorgestoßen. „Nirgends zahlt es sich mehr als hier in Wimbledon aus, ein Topspieler zu sein“, sagte die amerikanische Tennislegende Chris Evert, „ist das fair? Nein, ist es nicht. Aber so ist das System.“

Und doch hat sich schleichend eine Zwei-Klassen-Gesellschaft aufgetan, mit den paar Superstars, die abseits aller Wetterunbilden auf dem Centre Court ihre Matches in behaglicher Regelmäßigkeit bestreiten können. Und mit dem großen Rest der Profis, die draußen auf allen anderen Plätzen den Launen der Natur ausgesetzt sind – alle Nebenwirkungen inklusive: Stunden- oder tagelanges Warten auf Ballwechsel, Stop-and-Go-Tennis, zähes Totschlagen der Zeit in überfüllten Spielerlounges. Fällt Regen, teilt sich das moderne Wimbledon faktisch in zwei Turniere auf, eins auf dem Centre Court, eins auf allen Außenplätzen. „Die sportlichen Auswirkungen sind durchaus drastisch“, sagt der ehemalige australische Weltklassespieler Fred Stolle, „manche spielen drei Matches an drei Tagen hintereinander. Manche haben ganz normal nach jedem Spiel ihre Pause.“

Programmplaner entscheiden über Wohl und Wehe

Schon in der Vergangenheit hatte der Wetterschutz von Wimbledon für Kontroversen gesorgt, weil er nicht nur als Regenabweiser eingesetzt wurde. „Unfair“ nannte beispielsweise die Londoner „Times“ die Praxis, abends den Centre Court zu überdachen und damit Spätvorstellungen unter Flutlicht zuzulassen. Ein Match von LokalmatadorAndy Murrayging im Jahr 2012 sogar noch einige Minuten nach der absoluten sportlichen Sperrfrist von 23 Uhr zu Ende. Es gehe natürlich darum, „auch den TV-Anstalten Bildmaterial zu liefern und das Programm durchzuziehen“, sagt ein US-Fernsehmann, „nur wird das niemand jemals sagen.“

Fast gottgleich entscheiden in diesen Tagen die Programmplaner um Oberschiedsrichter Andrew Jarrett über Wohl und Wehe der Pokaljäger – dass Wimbledon in Britannien stattfindet, ist dabei kaum zu übersehen. Am späten Mittwochabend beraumten die Herren des Spielplans noch schnell die Partie zwischen Kanadas Tennis-SternchenEugenie Bouchardund der SlowakinMagdalena Rybarikovaauf den Centre Court – eine erstaunliche Ansetzung, auf den ersten Blick jedenfalls. Doch wer wartete am nächsten Tag, am Donnerstag, auf Siegerin Bouchard in einem weiteren Centre-Court-Match: die britische Nummer eins,Johanna Konta.

von tennisnet.com

Donnerstag
30.06.2016, 09:06 Uhr