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Die zweite Welle der Supercoaches

Neben Boris Becker sind beim diesjährigen Wimbledonturnier noch zwei weitere ehemalige Wimbledonsieger als Trainer aktiv.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 27.06.2016, 08:14 Uhr

LONDON, ENGLAND - JUNE 19: Milos Raonic of Canada (L) sits with his coach John McEnroe (R) during a practice session ahead of his final match against Andy Murray of Great Britan during day seven of the Aegon Championships at the Queens Club on June ...

AlsNovak Djokovicein paar Tage vor Weihnachten 2013 einen gewissen Boris Becker zu seinem neuen Chefcoach machte, war das Gespött in der Branche und in der Medienwelt nicht weit: Als PR-Gag geißelten Beobachter die spektakuläre Liaison, als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den damals umstrittenen Becker. Oder auch als Beweis für Djokovics Eitelkeit, der sich einfach nur mit einem großen Namen umgeben wolle, mit einem der Stars aus einer anderen Generation. Zweieinhalb Jahre später lacht keiner mehr über Beckovic, über das deutsch-serbische Gespann, über den Weltranglisten-Ersten im Hier und Jetzt und den ehemaligen Anführer der Tennisprofis.

Djokovic hat gerade den sogenannten Karriere-Grand-Slam vollendet, mit seinem Triumph unterm Eiffelturm in Paris, er hat auch die letzten vier Major-Titel allesamt gewonnen, und er steht nun vor einem möglichen Titel-Hattrick in Wimbledon. Doch eins hat die Erfolgs-Allianz nun auch bewirkt: Einen mächtigen Verfolgungs-Wettlauf der Spitzenprofis hinter Djokovic, eine zweite Welle der Verpflichtung von sogenannten Supercoaches. „Diese personelle Aufrüstung ist absolut beispiellos“, sagt Englands früherer Topspieler Tim Henmann und dürfte da auch LokalmatadorAndy Murrayim Visier haben. Denn der sah sich nach zuletzt vielen Niederlagen in entscheidenden Matches auch gegen Djokovic dazu aufgerufen, einen ehemaligen Weggefährten an seine Seite zu rufen: Keinen anderen als jenen Ivan Lendl, mit dem zusammen er sowohl die historische britische Titeldürre in Wimbledon beendet und auch die Goldmedaille bei den Spielen von London beendet hatte. „Es ist, als wären wir nie auseinander gewesen“, sagt Murray nun vor den Ausscheidungsspielen des Jahres 2016 auf den grünen Spielfeldern des All England Club.

Wie ein Klassentreffen

Tatsächlich hatten Murray und Lendl vor fünfeinhalb Jahren mit ihrer verblüffenden Tennis-Zweierbeziehung als Trendsetter im Welttennis gewirkt – Djokovic zog mit Becker nach, Roger Federer mit Stefan Edberg, dazu kamen dann auch noch schnell Japans AssKei Nishikorimit Michael Chang, der SchweizerStan Wawrinkamit Magnus Norman und KroatiensMarin Cilicmit Goran Ivanisevic. Nun sind die einstigen Avantgardisten, der Schotte Murray und Lendl, der bärbeißige Amerikaner mit tschechischen Wurzeln, die prominentesten Vertreter einer nächsten Welle von Partnerschaften – die vor allem zwei Zielen dient: Die Herrschaft von Capitano Djokovic zu brechen, aber auch mehr Durchlässigkeit in der Weltspitze zu erzeugen. „Jeder ist hellwach im Spitzenbereich. Die Konkurrenz ist brutal hart“, sagt Djokovic-Trainer Becker, „du kannst dich bei keinem Turnier keine Sekunde ausruhen.“

In Wimbledon feiert ein unwahrscheinliches Duo seine Arbeitspremiere, das bei vielen als Geheimtipp für den Titel auf dem Zettel steht: Kanadas AufschlagkanonierMilos Raonicund dessen Trainer/Berater, der ehemalige Genius und Oberflegel John McEnroe. Raonics Spiel, knallhartes Service und gute Netzaktionen, ist wie geschaffen für die Grascourts in London SW19, doch bisher fehlte stets das gewisse Etwas, der besondere Dreh im Auftritt des Weltranglisten-Siebten. „McEnroe kann da noch einige Prozent rausholen. Mehr Flexibilität, mehr Matchhärte etwa“, sagt der alte Schwede Mats Wilander, ein Weggefährte von Johnny Mac genau wie Becker oder natürlich Lendl, „es ist verrückt. Inzwischen ist das wie ein Klassentreffen von früher bei all den Jungs auf den Trainerbänken.“

Becker: „Wir haben die Latte so hoch gelegt“

Auch die Widersacher des Establishments aus der zweiten Reihe schlafen nicht: So lässt sich der belgische FlitzerDavid Goffinvom ehemaligen schwedischen Grand-Slam-Champion Thomas Johansson beraten, und Frankreichs letztjähriger Wimbledon-HalbfinalistRichard Gasquetvertraut schon länger auf die Unterstützungsdienste von Ex-Sandwühler und French Open-Gewinner Sergi Bruguera. In einer Nebenrolle des Chefpostens für das australische Davis-Cup-Team fungiert auch der eben pensionierte Lleyton Hewitt als Helfer für die schwierigen, aber hochtalentierten Zeitgenossen Nick Kyrgios und Bernard Tomic. „Dieses Wettrennen mit Stars von gestern ist schon unglaublich“, sagt Gustavo Kuerten, der Publikumsliebling der späten 90er Jahre, „keiner will sich offenbar sagen: Ich habe nicht alles versucht.“ Wawrinka, der zweimalige Grand-Slam-Champion, holte sich kurzfristig sogar noch einen weiteren Topmann an seine Seite: Den 1996 zum Wimbledon-Titel geflogenen Holländer Richard Krajicek.

Maßstab und Orientierungspunkt für alle in der zweiten Welle der Supercoach-Engagements bleibt freilich das Team „Beckovic“ –  Titelverteidiger in Wimbledon und bei allen anderen Grand Slams. „Wir haben die Latte so hoch gelegt“, sagt Becker, „dass jedes nicht gewonnene Turnier schon als Scheitern ausgelegt wird.“

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27.06.2016, 08:14 Uhr