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Milos Raonic – „Halbfinale, das ist nicht gut genug“

Der 25-jährige Kanadier trifft in seinem zweiten Halbfinale in Wimbledon erneut auf Roger Federer.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 07.07.2016, 15:09 Uhr

LONDON, ENGLAND - JULY 06: Milos Raonic of Canada celebrates victory during the Men's Singles Quarter Finals match against Sam Querrey of The United States on day nine of the Wimbledon Lawn Tennis Championships at the All England Lawn Tennis and Cro...

Von Jörg Allmeroth aus London

AlsMilos Raonicam Mittwochnachmittag ins Wimbledon-Halbfinale vorstürmte, hatte sein neuer Berater John McEnroe andere Verpflichtungen. McEnroe, der umtriebige Geschäftemacher, kommentierte für die BBCdas Federer-Drama gegen Marin Cilicund staunte am Ende nicht schlecht: „Wie, zum Teufel, hat Federer das nur gemacht?“ Schließlich wurde der frühere Oberflegel auch zu Raonics Ambitionen und Chancen befragt, zu den Perspektiven fürs Duell mit dem „Maestro“. Ein wenig diabolisch grinste der Ami da und prophezeite: „Milos wird ihm eine Menge Ärger machen. Er hat in diesem Jahr das Zeug, Wimbledonsieger zu werden.“ Und damit befand sich McEnroe selbstverständlich auch im Gleichtakt mit seinem Schützling, dem er gleich zu Beginn der Partnerschaft die allzu große Bescheidenheit und Schüchternheit ausgetrieben hatte: „Halbfinale, das ist nicht gut genug. Ich will mehr“, gab der Kanonier entschlossen zu Protokoll. Souverän wie bei fast allen bisherigen Vorstellungen in diesem Wimbledon-Jahr hatte er zuvor auch beim Knockout von Djokovic-BezwingerSam Querreygewirkt.

Ähnlich wie vor zwei Jahren, als er auch schon einmal in die Runde der letzten Vier preschte, hat es Raonic auch bei diesen Offenen Englischen Meisterschaften des Jahres 2016 geschafft, sein druckvoll-dynamisches Spiel auf der Tennis-Grünanlage in Siege umzuwandeln. Nach fünf Erfolgen, darunter auch dem ersten Karriere-Comeback nach einem 0:2-Satzrückstand (gegen den Belgier David Goffin), darf sich der 25-Jährige nun aufs Neue der Halbfinal-Verabredung mit Roger Federer stellen. „Ich habe Respekt vor ihm, aber sicher keine Angst“, sagt Raonic, der neben Teilzeitanweiser McEnroe auch noch den früheren Nummer-eins-Mann Carlos Moya in seinem umfangreichen Trainerteam beschäftigt.

„Ich war nicht bereit für die Herausforderung“

Raonic, ehrgeizig wie perfektionistisch veranlagt, galt schon zu Juniorenzeiten als einer der potenziellen Stars der Zukunft. Sein Vorhaben, zu den absoluten Spitzenleuten zu gehören, löste der Kanadier mit montegrinischen Wurzeln recht bald ein. Als erster Spieler seines Heimatlands rückte er in die Top Ten vor, im Sommer 2013 punktgenau beim Turnier in Montreal – und zwar auch deswegen, weil er nach dem erfolgreichen Transfer vom Junioren- ins Erwachsenentennis weiter hart an seinen Ambitionen und der Verbesserung seines Spiels arbeitete.

Längst ist der Mittzwanziger nicht mehr nur auf sein Formel-1-Service, also Aufschläge weit jenseits der 200-Stundenkilometer-Grenze, und seine ebenso pfeilschnelle Vorhand zu reduzieren – er glänzt auch durch gut vorbereitete Netzattacken und die Qualität, in entscheidenden Matchmomenten hellwach konzentriert zu sein. Dass er seine Kräfte oft noch nicht ausreichend stabil und gut bei den kostbaren Grand-Slam-Events einsetzte, hatte Raonic selbst geärgert: „Bei den Majors passte das Puzzle nicht zusammen. Ich war nicht bereit für die Herausforderung“, so Raonic. Auch deshalb holte er sich prominente Unterstützung an seine Seite, zuletzt auch noch McEnroe. Dessen Tipp war sogleich, auch aus der Beobachtung von Raonic als TV-Experte: „Du musst mehr Statur und Präsenz auf dem Platz zeigen. Die Gegner müssen spüren, dass ihnen da jemand mit Format und Gewicht gegenübersteht.“

Beschleunigt Raonic seine Karriere noch einmal?

Immerhin schöpft Raonic Kraft aus der Tatsache, dass er sich schon länger in den Top Ten behauptete und Angriffe der hochkarätigen Verfolger abwehrte. „Von Platz 15 bis 75 ist das Niveau der Spieler noch nie so hoch gewesen wie jetzt. Jeder Topspieler muss an jedem Tag sein Toptennis bieten, um nicht zu verlieren“, sagt der 25-jährige, „die Qualität und Leistungstiefe auf der Tour ist unglaublich.“ Gleichzeitig werde es für jüngere Tenniskräfte immer schwerer, früh in die Weltspitze vorzurücken, denn die Professionalität, mit der Spieler ihre Karriere begleiteten und diese Karriere auch immer weiter nach hinten verlängerten, eben auch auf einem „ganz starken Level“, sei enorm: „Es war hart, nach vorne zu kommen. Da war viel Geduld nötig.“

Ist nun der Moment gekommen, an dem Raonic seine Karriere noch einmal beschleunigt? Ob es in Wimbledon schon für mehr als den Halbfinaleinzug reicht, wird sich gegen Federer zeigen. Von neun bisherigen Duellen hat der „Maestro“ sieben gewonnen, auch die beiden Begegnungen auf Rasen, 2014 in Wimbledon und 2012 in Halle. „Ich bin jetzt aber ein anderer Spieler“, sagt Raonic. Will heißen: Ein gefährlicherer, ein besserer Spieler.

Hier die Ergebnisse aus Wimbledon:Einzel,Doppel,Einzel-Qualifikation,Doppel-Qualifikation.

Hier der Spielplan.

von tennisnet.com

Donnerstag
07.07.2016, 15:09 Uhr