Angelique Kerber und die Lust, die Nummer 1 der Welt zu sein

Die Weltranglisten-Erste genießt die Aufmerksamkeit beim Saisonfinale in Singapur. Ihre Leistungen locken nun weitere Sponsoren an.

von Aus Singapur von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 25.10.2016, 13:23 Uhr

SINGAPORE - OCTOBER 25: Angelique Kerber of Germany poses with the DDF Year-End World No.1 trophy during day 3 of the BNP Paribas WTA Finals Singapore at Singapore Sports Hub on October 25, 2016 in Singapore. (Photo by Matthew Stockman/Getty Images...

Als Angelique Kerber dieser Tage in Singapur gefragt wurde, worauf sie sich am meisten in der nahenden Urlaubszeit freue, da kam die Antwort knapp und klar. "Dass ich nicht dauernd auf die Uhr schauen muss, was als nächstes kommt", sagte die Weltranglisten-Erste mit einem angedeuteten Lächeln. Kerber, seit den US Open die Frontfrau des weltweiten Damentennis, lebt ein neues Leben an der Spitze - mittendrin im Scheinwerferlicht, angestrahlt von den Medien, herausgeleuchtet von ihrer Spielerinnengewerkschaft WTA. In Singapur, bei der Weltmeisterschaft, dem traditionellen Jahresabschluss, erlebt die 28-jährige Kielerin erstmals in vollem Glanz und in voller Härte, was es bedeutet, die Vorzeigefigur, wenn nicht das Gesicht ihres Sports zu sein. "Manchmal kommt es mir so vor, als hätte der Tag mehr als 24 Stunden", sagt Kerber, "die Dichte der Verpflichtungen ist schon extrem hoch."

"Wer A sagt, muss auch B sagen"

Aber, kein Missverständnis: Die Nummer eins klagt nicht darüber, sondern macht gute, sehr gute Figur im Rampenlicht. In der Hauptrolle, der sie jahrelang nachgelaufen ist, für die sie mehr kämpfen und investieren musste als andere Thronbesteigerinnen. "Angie ist eine gewinnende, unheimlich sympathische Persönlichkeit", sagt Steve Simon, der WTA-Chef, "wir sind wirklich glücklich, wie sie ihre Position an der Spitze ausfüllt." Gerade in Asien erlebt Kerber, wie sich ihre professionelle Karriere mit dem Satz auf den Gipfel verändert hat - in einer Region, die Superstars und die absolut Besten idolisiert. Anders als im letzten Jahr, als Kerber noch in einer Randlage als WM-Teilnehmerin war, scharen sich Fans und Medien nun im Stadtstaat um die blonde Deutsche.

Selfies mit Kerber stehen plötzlich auf Höchstkurs, und wo immer Kerber in den letzten Tagen vor dem Turnier noch Sponsorenauftritte absolvierte, etwa bei Porsche oder Adidas, erfüllte sie Dutzende bis Hunderte Autogrammwünsche. "Angie macht gerade den Sprung zu einer internationalen Topgröße", sagt Viktoria Wohlrapp, Leiterin der Sportkommunikation bei Porsche. Die Stuttgarter Automobilbauer hatten Kerber bereits im Frühjahr 2015 als Markenbotschafterin verpflichtet, ein Glücksgriff, wie sich gerade 2016 zeigte - Maria Sharapova, ebenfalls eine Porsche-Repräsentantin, geriet wegen ihrer Doping-Sperre ins Abseits, Kerber stieg währenddessen zur Nummer eins auf. Dort oben zu sein, mit allen Konsequenzen, ist für Kerber Lust und nicht Last. "Wer A sagt, muss auch B sagen", findet Kerber, "als Nummer eins ist man eben auch eine Botschafterin seines Sports. Das ist manchmal mühsam mit den Terminen, aber auch schön." Kerber, die immer um Akzeptanz gerungen hatte, um Anerkennung und Aufmerksamkeit, lernte allerdings auch bald schon, nicht zu allem Ja und Amen zu sagen. "Es fällt schwer, auch mal was abzusagen. Vor allem, weil, weil es mir schwer fällt, Menschen zu enttäuschen", so Kerber, "aber es geht nicht anders."

Kerber, das nette Mädchen von nebenan

Kerber, die am Rande der WM als "Spielerin des Jahres" (eine Wahl der Spielerinnen, der Medien und der Fans) und noch einmal als Nummer eins der Saison ausgezeichnet wurde, spürt ihren Spitzenstatus inzwischen auch als selbstständige Unternehmerin. 2016 machte die Firma Kerber - auch dank der explodierten Prämien - mehr Umsatz als in allen anderen Karrierejahren zuvor. Bereits vor der WM hatte die 28-Jährige 8,66 Millionen US-Dollar eingespielt, bestenfalls können in Singapur noch einmal 2,3 Millionen US-Dollar hinzukommen. Auch Sponsorengelder schraubten sich in die Höhe, weil vertragliche Boni für den Sprung auf Platz eins und für Grand-Slam-Siege fällig wurden. Bald schon stoßen auch neue Geldgeber hinzu, neben Porsche, adidas, Ausrüster Yonex und der Generali-Versicherung. Angeblich soll ein Kontrakt mit der Edel-Uhrenmarke Rolex vor dem Abschluss stehen, dazu zeigen auch Schmuck- und Parfümhersteller sowie eine Gastrofirma Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Deutschen. "Bei Angelique Kerber wird vor allem die Natürlichkeit und Bodenständigkeit geschätzt", sagt ein Branchenkenner, "sie ist das nette Mädchen von nebenan, dem man abnimmt, was es sagt."

Noch ein paar Tage muss Kerber in diesem größten Jahr ihres Tennislebens durchhalten, in einem Jahr für die Ewigkeit. Mehr Spiele als jede andere WM-Mitstreiterin hat sie längst auf dem Buckel, 78 Matches bisher, und im Idealfall würde die Saison bei 81 Duellen enden - im Finale am Sonntag. "Das Selbstvertrauen ist da, um hier noch was Tolles schaffen zu können", sagt Kerber. Im letzten Gruppenspiel gegen die US-Amerikanerin Madison Keys braucht Kerber für das Halbfinale - um ganz in Sicherheit zu sein - nur noch einen Satz. Aber Kerber will natürlich das Match gewinnen. Schließlich ist sie die Nummer eins.

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von Aus Singapur von Jörg Allmeroth

Dienstag
25.10.2016, 13:23 Uhr