Barbara Rittner im Interview – „Das hat die Sportfans schon wachgerüttelt“

Die deutsche Fed-Cup-Chefin im Interview über die Auswirkungen von Angelique Kerbers Grand-Slam-Sieg und den Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 18.04.2016, 08:54 Uhr

Frau Rittner, der Australian-Open-Sieg vonAngelique Kerberwurde auch als Chance für einen neuen Tennis-Aufschwung in Deutschland betrachtet. Ist davon wirklich etwas zu spüren?

Barbara Rittner: Das Interesse am Tennis ist eindeutig gewachsen. Man merkt, dass alle genauer hinschauen bei den Turnieren, wo unsere Topspielerinnen antreten. Dass auch die Medien alles mehr im Fokus haben. Melbourne, der Sieg von Angie dort, das hat auch die Sportfans schon wachgerüttelt. Und der Name Kerber ist natürlich viel populärer geworden. Wie nachhaltig das alles ist, wird sich an den Erfolgen bemessen, gerade bei den nächsten Topturnieren.Daheim jetzt in Stuttgart beim Porsche Tennis Grand Prix,später bei den Grand Slams in Paris und Wimbledon.

Sie haben selbst viel Kontakt zur Tennis-Basis. Hat sich dort die Stimmung aufgehellt. Jahrelang kämpfte Tennis schließlich mit dauernden Negativschlagzeilen, mit Mitgliederschwund in den Vereinen?

Rittner: Es gibt schon länger eine zarte Aufwärtstendenz in den Clubs. Viele Kids wollen durchaus wieder Tennis spielen, sehen dort wohl auch eher eine Chance für eine Karriere. Da kommt Angies Sieg gerade recht. Viele haben ihr das ganz besonders gegönnt, einfach, weil sie das nette Mädchen von nebenan ist. Und nicht eine unnahbare Figur, mit der man sich nicht identifizieren könnte.

Wie kann der DTB, wie kann das Tennis insgesamt in Deutschland diesen Grand-Slam-Coup nutzen?

Rittner: In jedem Fall ist Angie schon zu einer sportlichen Leitfigur aufgestiegen. Das strahlt auf das ganze deutsche Tennis ab, sorgt für Schlagzeilen. Auch die Turniere in Stuttgart und später noch in Nürnberg werden medial ganz anders beobachtet werden. Ich würde mir wünschen, dass viele Kids jemandem wie Angie, aber auch unseren anderen Topspielerinnen nacheifern wollen. Wir müssen vermitteln, welch toller Sport Tennis ist – ein Sport, den man auch sein ganzes Leben lang betreiben kann.

Nach Kerbers Erfolg sagten Sie: Es gibt keine Limits für sie in der Zukunft. War das nicht etwas zu forsch?

Rittner: Nein. Wenn bei Angie alles stimmt, so wie in Melbourne, dann sind ihr weitere Grand-Slam-Titel zuzutrauen. Bei einem Major-Turnier kann vieles passieren, negativ wie positiv. Du kannst in der ersten Runde ausscheiden, das haben wir ja bei den Australian Open auch gesehen. Aber du kannst dann auch gewinnen, dich durchkämpfen, die Allerbesten schlagen. Und so einen Weg kann Angie nun immer wieder gehen, sie hat die Möglichkeiten, Williams oder Azarenka zu schlagen. Ich bin sehr gespannt, was in Wimbledon passieren wird. Meine Vorhersage war ja immer: Sie wird, wenn, als erstes in Wimbledon gewinnen. Denn Rasen passt perfekt zu ihrem Spiel.

Kerber tat sich anfangs schwer, den Erfolg von Melbourne zu bestätigen.

Rittner: Es war Wahnsinn, was da alles auf sie eingeprasselt ist nach den Australian Open und beim Fed Cup in Leipzig. Deshalb wäre ihr sogar noch eine längere Ruhepause nach diesen turbulenten Wochen zu wünschen gewesen. Für die Turniere in Doha und Indian Wells hatte sie noch nicht den nötigen Energielevel, auch nicht die mentale Kraft. Die Situation, derart gejagt zu werden von allen auf der Tour, ist auch noch mal neu, eine andere Herausforderung. Generell muss Angie ihre ganzen Abläufe rund um ein Turnier jetzt noch straffer organisieren und sagen: Ich mache meine Termine bis zu einem bestimmten Zeitpunkt – und dann geht´s nur noch um mein Tennis.

Im Schatten von Kerber machten zuletzt Spielerinnen aus der nächsten Generation von sich reden:Annika Beck,Anna-Lena Friedsam.

Rittner: Das war wirklich ein schöner Saisonstart für Annika und Anna-Lena, Achtelfinale in Melbourne und die Art und Weise, wie sie sich auf dieser großen Bühne verkauft haben. Annikas starkes Debüt beim Fed-Cup-Spiel in Leipzig kam als Pluspunkt hinzu. Sie ist als Persönlichkeit viel reifer geworden, hat sich spielerisch deutlich weiterentwickelt. Anna-Lena macht nicht diese Riesensätze nach vorn, das ist ein beharrlicher Aufstieg. Aber bei ihrer Karriere schließe ich nichts aus. Sie wird ihre Zeit brauchen, aber da ist Großes möglich. Nicht zu vergessen ist auchCarina Witthöft:Sie wird sich denken, letztes Jahr war ich doch dran, nach vorne zu kommen. Jetzt stehlen die mir die Show, da will ich nachziehen. Alle werden natürlich auch die Tatsache motiviert, dass wir jetzt in Deutschland eine aktuelle Grand-Slam-Siegerin haben.

Andrea PetkovicundSabine Lisickihaben erneut mit Anlaufschwierigkeiten in dieser Saison zu kämpfen. Was erwarten Sie noch von Ihnen?

Rittner: Nach langer Zeit habe ich beiden wieder ein deutlich besseres Gefühl. Andrea machte vordem tollen Sieg im vorentscheidenden Fed-Cup-Spiel in Clujaus ihren jüngsten Niederlagen kein großes Drama, analysierte ganz sachlich und kühl, was falsch gelaufen ist. Sie wirkt klar, sehr erwachsen nun. Und arbeitet weiter, immer weiter. Ich fühle, dass sie mit dem erfahrenen, überzeugenden Trainer Jan de Witt auf dem richtigen Weg ist. Cluj, dieses Erlebnis, das dürfte ihr noch mal einen Schub geben. Ich erwarte mir eine Menge von ihr gerade jetzt in der Sandplatzsaison. Bei Sabine habe ich den Eindruck: Sie will es einfach mal allen zeigen. Körperlich ist sie absolut fit, dazu fokussiert aufs Tennis. Wer weiß, was da kommt. Überraschungspotenzial gibt es allemal.

Sie haben im Zusammenhang mit Kerbers Erfolgen auch mehr TV-Zeiten fürs Tennis in den öffentlich-rechtlichen Anstalten angemahnt. Beide Sender wehrten das recht kühl ab.

Rittner: Ich habe mit nichts anderem gerechnet. Allerdings nicht unbedingt damit, dass man mir Blauäugigkeit vorwirft. Meine Meinung bleibt: ARD und ZDF hätten durchaus Abmachungen treffen können, um bei solchen Erfolgen im Halbfinale oder beim Endspiel in so ein Grand-Slam-Turnier einzusteigen. Das Kerber-Williams-Finale hätte bei den Öffentlich-Rechtlichen auch eine hohe Millionenquote gehabt, kein Zweifel. Die Leute interessieren sich schon für Tennis, nicht nur für Langlauf, Skispringen und Biathlon. Mal abgesehen vom Fußball, der rauf und runter gesendet wird.

Der Porsche Tennis Grand Prix hat so etwas wie eine Leuchtturm-Funktion in Deutschland, mit allen deutschen Stars, mit internationalen Topspielerinnen. Was erwartet uns da 2016?

Rittner: Sicher viele bewegende, emotionale Momente. Denn in diesem Jahr kommt eine deutsche Grand-Slam-Siegerin nach Stuttgart, die als Nummer zwei gesetzt und auch noch Titelverteidigerin des Turniers ist. Das werden tolle Tage, da bin ich sicher. Auch alle anderen deutschen Spielerinnen werden die Euphorie zu spüren bekomme, unterstützt auch durch den Verbleib in der Weltgruppe im Fed Cup. Ich hoffe, dass wir wieder eine deutsche Siegerin feiern können am Ende, aber bei diesem brutal starken Feld ist das eine harte Aufgabe. Schön ist auch immer, dass sich unsere jungen Spielerinnen aus dem Talent Team in der Qualifikation versuchen können.

Das Gespräch führte Jörg Allmeroth.

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18.04.2016, 08:54 Uhr