Garbine Muguruza – Bambi mit Killerinstinkt

Die 22-jährige Spanierin ist eine der großen Attraktionen beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 19.04.2016, 00:00 Uhr

Garbine Muguruza

hren ersten großen Siegeslauf hatte sich Garbine Muguruzafür den passenden Ort aufgehoben. Sie war im Sommer 2015 genau im richtigen Moment mit dem richtigen Selbstbewusstsein auf der richtigen Bühne unterweg, rauschte mit fulminanten Erfolgserlebnissen bis hinein ins Wimbledon-Endspiel, schien als "neuer Stern am Tennis-Himmel" (Daily Mail) auf. Nur die Erfüllung des größtmöglichen Traums blieb der dynamischen Nachwuchskraft verwehrt, noch jedenfalls - im letzten "Fall für Zwei" scheiterte sie auf dem berühmten Centre Court in zwei Sätzen an Primadonna Serena Williams. "Es war ein unvergeßliches Erlebnis, bisher der absolut wichtigste Moment in meiner Karriere. Es wäre natürlich schön, irgendwann noch mal den letzten Schritt zu gehen", sagt Muguruza.

Bleibenden Eindruck hatte sie indes allemal hinterlassen, als mögliche Wimbledon-Königin der Zukunft, auch als eine der potentiellen Spitzenkräfte der kommenden Jahre im Frauentennis. "Garbine stehen alle Türen offen", sagt etwa Trainerguru Nick Bollettieri, "sie hat die Schläge und die Power, um sich ganz vorne festzusetzen. Aber ein bisschen Zeit muss man ihr sicher noch geben" Widerspruch gibt es da keinen in der Branche, schließlich schwang sich die 22-Jährige schon im letzten Herbst einmal bis auf Platz drei der Szenehitparade vor - unmittelbar nach ihrem zweiten Turniertitel in Peking gegen die Schweizerin Timea Bacsinzsky.

Die Frau mit Seite-1-Potenzial

Auch wenn Muguruza in der laufenden Saison mit den typischen Problemen nach einem rasanten Aufstieg zu kämpfen hat und noch keine außergewöhnlichen Coups landen konnte, zählt sie doch automatisch auch zu den Mitfavoritinnen auf den Sieg in der Porsche-Arena, beim größten deutschen Frauenturnier. "Sie ist im Kreis der Kandidatinnen, die um den Titel mitspielen werden", sagt Turnierdirektor Markus Günthardt. Bei den Australian Open in Melbourne war Muguruza Mitte Januar mehr als überraschend in der dritten Runde gegen die unkonventionelle Tschechin Barbora Strycova ausgeschieden, danach hatte sie sich allerdings im spanischen Fed-Cup-Duell mit Serbien durch zwei Siege gegen Ivana Jorovic und Jelena Jankovic wieder rehabilitieren können. Später folgten einige solide, aber nicht herausragende Turnierauftritte - mit der Viertelfinal-Teilnahme in Doha und dem Achtelfinal-Vorstoß in Miami. Gegen die spätere Turniersiegerin und Führende in der Jahresweltrangliste, Victoria Azarenka (Weißrussland), verlor sie allerdings dort in Florida nur denkbar knapp in einem Tiebreak-Thriller mit 6:7 (8) und 6:7 (7).

Muguruza ist gleichwohl drauf und dran, zu einem der neuen Superstars der nach frischen Gesichtern lechzenden Branche zu werden. "Ihr Potenzial ist toll", sagt Olivier van Lindonk, ihr Interessensvertreter beim Managementriesen IMG - und damit meint er gewiß nicht nur die sportlichen Ressourcen der harten Puncherin, die oft auf den Ball drischt, als sei es der letzte ihres Lebens. Muguruza hat, kurz gesagt, auch das Seite-eins-Potenzial - die sportliche Power, dazu aber auch den nötigen Look, um Fans, Sponsoren und Medien zu begeistern. Letztes Jahr, bei den Ausscheidungsspielen in Wimbledon, nannte die Münchner "SZ" sie durchaus treffsicher "Bambi mit Killerinstinkt". Muguruza begann bereits im zarten Alter von nur drei Jahren mit den ersten Tennis-Übungen, spielte früh häufig gegen ihre Brüder. "Vielleicht kommt da auch mein Stil her. Diese Härte und Kompromisslosigkeit in den Schlägen", sagt sie mit einem ironischen Lächeln, "ich musste mich ja schon früh in der Familie im Tennis durchsetzen."

"Nichts ist unmöglich"

Muguruza ist eine energiegeladene Allrounderin, die sich auf jedem Belag und an jedem Ort der Welt zurechtfindet - sie muss ihre Träume und Sehnsüchte keineswegs auf einen bestimmten Saisonabschnitt oder Schauplatz konzentrieren. Als sie erstmals mit einem einzelnen Topsieg auf sich aufmerksam machte, war das übrigens auf Sand - bei den French Open 2014, bei denen sie in der zweiten Turnierrunde eine gewisse Serena Williams mit 6:2 und 6:2 beinahe deklassierte. "Nichts ist unmöglich", war schon damals Muguruzas einigermaßen lakonisches und zuversichtliches Motto - ganz im Sinne ihrer Mentorin Conchita Martinez, die ja 1994 gegen die große Martina Navratilova und gegen alle Erwartungen auf den Wimbledon-Thron geprescht war. Die jüngere Williams-Schwester gehört im übrigen genau so zu ihren Idolen wie Amerikas früherer Herren-Star, der siebenmalige Wimbledonsieger Pete Sampras - bei kompromisslose, konsequente Spielertypen wie auch Muguruza selbst.

Porsche-Tennis-Grand Prix-Titelverteidigerin Angelique Kerber hat übrigens denkbar schlechte Erinnerungen an die letzten Begegnungen mit Muguruza: Gegen die Spanierin, die inzwischen schon gut 6,5 Millionen US-Dollar an Preisgeldern in jungen Karrierejahren verdiente, kassierte sie sowohl bei den French Open wie auch in Wimbledon und bei den WTA Finals in Singapur 2015 stets bittere Niederlagen. Wem ein mögliches Wiedersehen in Stuttgart wohl Freude machen wird?

von Jörg Allmeroth

Dienstag
19.04.2016, 00:00 Uhr