Michael Stich und Michael Chang im zeitlosen Klassiker

Die beiden Grand-Slam-Champions treffen morgen Abend im Rahmen des Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart aufeinander.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 17.04.2016, 16:34 Uhr

Michael Stich

Als im Tennisbetrieb immer mehr alte Meister das Kommando bei den Stars von heute übernahmen, in der sofort ausgerufenen Ära der Supercoaches, da war auch die Skepsis vieler Szenebeobachter nicht weit. Eine "Shownummer" sei das Ganze, ein "PR-Gag", eine Gelegenheit für die Senioren, noch einmal ihr Ego auszustellen, hieß es. Doch wer Zweifel hatte, was die großen Ehemaligen bei den aktuellen Branchengrößen bewirken können, musste sich eigentlich nur genau bei einem Hauptdarsteller umsehen - beim Japaner Kei Nishikori.

Chang formt Nishikori zum Topspieler

Ausgerechnet er, das ewige Talent, der Ambitionierte, aber oft auch Gescheiterte, gehörte zu den großen Gewinnern der erstaunlichen Personalrochaden. Als Nishikori im Spätsommer 2014 das Finale der US Open erreichte, als erster Grand-Slam-Endspielteilnehmer des Kaiserreichs, da wirkte er fast im bildlichen Sinn wie der verlängerte Arm seines Übungsleiters Michael Chang (47). Nishikori, lange Zeit ein typisches Produkt der Bollettieri-Akademie mit seinem harten, schnörkellosen Spiel, war nämlich mit Hilfe von Chang viel unberechenbarer und flexibler geworden. Bei jenen historischen US Open brillierte der dauernd Verletzte und Angeschlagene ganz nebenbei auch als unbeugsamer, körperlich intakter Fighter, auch hier Chang ganz ähnlich.

Chang ist nach vielen Jahren eher diskreter Präsenz wieder mit Tusch und Trompeten auf die große Tennisbühne zurückgekehrt, als Erfolgscoach und zugleich ewiger Prototyp für ein professionelles Arbeitsethos in seinem Sport. Aber eben auch als Darsteller auf der Legendentour, bei einzelnen herausgehobenen Schaumatches oder bei Senior-Tour-Wettkämpfen. "Ich habe Spaß daran, mich wieder mit den alten Kollegen und Freunden zu messen", sagt der Marathon-Mann von einst. Auch die Stuttgarter Fans werden ihn in diesem Jahr prominent zu sehen bekommen, bei den liebgewonnenen Berenberg Classics am Eröffnungs-Montag des Porsche Tennis Grand Prix trifft Chang auf Tennis-Ästhet Michael Stich (47). "Die Zuschauer können sich auf Spaß und tolle Schläge freuen", sagt der Turnierdirektor des Porsche Grand Prix, Markus Günthardt.

Stich, der Retter des Rothenbaum

Der zeitlose Klassiker ist das Wiedersehen zweier guter alter Bekannter, deren Wege sich von Anfang bis Mitte der 90er Jahre immer wieder aktiv auf der Tennistour kreuzten - und die auch heute noch gewichtige Rollen in ihrem Sport einnehmen. Chang als Coach eines der vielversprechendsten Spieler der Gegenwart und, noch mehr, der Zukunft. Und Stich als Direktor des Wettbewerbs am Hamburger Rothenbaum. Wobei Retter eher noch zutreffender wäre, denn ohne die Leidenschaft und das Engagement des Wimbledon-Champions von 1991 gäbe es das traditionsreichste deutsche Turnier heute wohl kaum noch. "Ich freue mich auf das Match mit Michael Stich. Wir hatten früher schon immer tolle Begegnungen. Er war einer der Besten seiner Generation", sagt Chang. Er selbst, der unermüdliche Renner, gewann allerdings 1995 im einzigen Grand-Slam-Duell mit dem Deutschen bei den French Open. Stich siegte dafür zwei Mal auf heimischem Boden gegen Chang: Im Endspiel des Münchner Grand Slam Cup 1992 und ein Jahr später auf dem Weg zum WM-Gewinn in der Frankfurter Festhalle.

Stich und Chang spielten in letzter Zeit immer mal wieder bei Turnieren auf der sogenannten Legends Tour mit, sorgten allerdings auch bei anderen Unterhaltungsevents für Vergnügen bei den nostalgisch gestimmten Fans. Der US-Amerikaner gab auch schon bei der Champions Trophy der Gerry Weber Open ein Gastspiel an der Seite von Julia Görges gegen die Kombination Andrea Petkovic/Ivan Lendl. Stich, der Boss am Rothenbaum, eröffnete beinahe regelmäßig und höchstpersönlich sein Turnier mit einem Schaumatch, unter anderem gegen Exzentriker John McEnroe oder auch mal gegen den einstigen "Herrn der Asse", Goran Ivanisevic. Nicht selten waren die Ränge am Rothenbaum dann so gut gefüllt wie kaum einmal später in der Turnierwoche.

Dem Tennis eng verbunden geblieben

Nach ihrer Karriere hatten Stich und Chang unterschiedliche Wege eingeschlagen, waren aber dem Tennis doch immer verbunden geblieben. Stich wirkte Anfang des neuen Jahrhunderts sogar in der komplexen Rolle des deutschen Davis-Cup-Chefs, zog sich aber nach rund zwei Jahren Amtstätigkeit von 2001 bis 2003 zurück. Der gebürtige Elmshorner verwendete viel Arbeit in die nach ihm benannte Stiftung, die sich um vorrangig um AIDS-Kranke kümmerte. Dafür erhielt der den Deutschen Stifterpreis, die Auszeichnung zum "Hamburger des Jahres 2007" und das Bundesverdienstkreuz. Anfang 2009 übernahm er den Direktorenjob am Rothenbaum, wirkte ab 2010 auch noch als Chef des Braunschweiger Challenger-Wettbewerbs. Ganz nebenbei hatte Stich auch ein wachsames Auge auf deutsche Talente, besonders auf den inzwischen 18-jährigen Alexander Zverev, dem eine große Zukunft vorhergesagt wird.

Chang, auch er viele Jahre im asiatischen Raum als Talentspäher unterwegs, rückte mit Nishikori wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Und der japanische Superstar könnte seinen Coach nicht in höheren Tönen loben: "Michael ist wie eine neue mentale Macht in meinem Spiel und Tennisleben. Mit ihm habe ich alte Grenzen überschritten." Sie wirkt auch wie eine logische Liaison, diese Tennis-Gemeinsamkeit und -Einheit zwischen Chang und Nishikori. Denn so wie Chang sich einst in einer zunehmend physischer werdenden Tennisarena gegen athletische Konkurrenz durchzusetzen hatte, so muss auch Nishikori gegen die Riesen und Hünen der Jetztzeit eine eigenständige Strategie für Erfolge entwickeln - Courage, Mut, Unverdrossenheit und Kreativität sind da in der Tradition seines Coachs gefragt.

von tennisnet.com

Sonntag
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