Timea Bacsinszky – „Ich dachte, ich sei Superwoman“

Die 27-jährige Schweizerin beschreibt in ihrer Kolumne, warum das Tennisjahr eine turbulente Achterbahnfahrt für sie war.

von Björn Walter
zuletzt bearbeitet: 11.11.2016, 00:00 Uhr

LONDON, ENGLAND - JULY 06: Timea Bacsinszky of Switzerland smiles after victory in her Ladies' Singles Fourth Round match against Monica Niculescu of Romania during day seven of the Wimbledon Lawn Tennis Championships at the All England Lawn Tennis...

"Ich bin sehr stolz auf mich, wenn ich auf dieses Tennisjahr zurückschaue", resümiert Timea Bacsinszky. In ihrem Saisonrückblick für "Le Matin Dimanche" zieht die Schweizer Nummer eins Bilanz: Das Jahr sei eine richtige Achterbahnfahrt gewesen, "extrem schwierig, mit großen Gefühlen, im Guten wie im Schlechten, vom Anfang bis zum Schluss." Ihre Moral war zu Saisonbeginn "auf Knöchelhöhe". Durch einen Innenbandriss im linken Knie habe sie den Anschluss an ihre Konkurrentinnen verloren. Aufbauarbeit leistete Stan Wawrinka, der seiner Landsfrau in Indian Wells dazu geraten hatte, die Verletzung nicht mehr als Grund für schlechte Leistungen vorzuschieben. Es ging wieder aufwärts: Bacsinszky erreichte in Miami das Halbfinale und holte sich wenig später ihren ersten Titel auf der roten Asche in Rabat.

"Ich wollte nicht auf meine Trainer hören"

Doch nach einer exzellenten Sandsaison, die erst im Viertelfinale von Roland Garros enden sollte, "hörte es auf"... Das Damenturnier in Gstaad, für das sich Bacsinszky stark gemacht hatte, passte nicht wirklich in ihren Turnierplan. Ursprünglich wollte sie im Juli Sommerferien machen, doch die 27-Jährige konnte nicht Nein zum Heimevent sagen. Ihr Trainerteam warnte sie vor der zu großen Belastung, aber Bacsinszky wollte nicht hören: "Ich dachte, ich sei Superwoman - und fügte Gstaad meinem Programm hinzu." Dennoch sei es kein Fehler gewesen: "Ich bereue es nicht, denn ich liebe dieses Turnier." 2017 will Bacsinszky wieder im Berner Oberland an den Start gehen, dann aber langfristig geplant. Es folgte "die wunderbare und total überraschende Olympia-Silbermedaille" mit Martina Hingisim Doppel. Die gewünschte Feier in der Schweiz musste jedoch ausfallen, als Top-Ten-Spielerin war die Turnierreise nach Cincinnati Pflicht. Der Körper rebellierte, eine virale Infektion warf die Lausannerin aus der Bahn.

Bis zum abschließenden B-Masters im chinesischen Zhuhai lief nicht mehr viel zusammen. Die negativen Emotionen vom Saisonbeginn kehrten in Bacsinszkys Kopf zurück: "Ich dachte während der Spiele daran, was ich den Journalisten erzählen könnte, wenn ich wieder verlieren würde, und was die Leute wohl über mich sagen würden. Ich war hin und her gerissen zwischen Tränen und Wut. Ich war überempfindlich auf und neben dem Court." Nachdem Bacsinszky ihr erstes Gruppenspiel sang- und klanglos mit 1:6 und 1:6 gegen Shuai Zhang verloren hatte, raffte sie sich noch einmal auf: "Ich sagte zu Superwoman: ,Jetzt reicht es! Sei ein bisschen nett zu dir! Genieße es auf dem Platz! Es gibt viel schlimmere Dinge im Leben! Das ist nur Tennis, es ist nur ein Spiel und sollte nicht größer gemacht werden als das." Die Standpauke verfehlte ihre Wirkung nicht. Beim 6:4,-6:2-Sieg gegen die Ungarin Timea Babos habe sie so viel Freude am Tennis gehabt wie schon lange nicht mehr.

Eine stolze Leistung

Was bleibt, ist ein Hochgefühl: "Ich bin sehr stolz auf meine Saison. Stolz darauf, was ich alles durchgemacht habe, und überzeugt, wieder enorm viel gelernt zu haben. Stolz, das Jahr als Nummer 15 der Welt abzuschließen, nachdem ich im Juni meine beste Klassierung (WTA 9; Anmerkung) erreicht hatte. Daraus schließe ich: ,Lerne aus deinen Erfahrungen, höre auf deine Nächsten und noch mehr auf dich selbst. Habe Spaß daran, was du tust, umarme das Leben. Denn du hast nur dieses eine.'"

von Björn Walter

Freitag
11.11.2016, 00:00 Uhr