Warum starke Spieler falsche Schlagentscheidungen treffen - und wie du intuitiv spielst
Der Tennis-Insider Marco Kühn spielt den Ball immer dorthin, wo der Punkt am ehesten zu gewinnen ist. Wie Euch das auch gelingt, lest Ihr hier.
von Marco Kühn
zuletzt bearbeitet:
17.10.2026, 12:43 Uhr

Du stehst planlos in der Schokoladenabteilung. Es soll ein kleiner Snack für abends sein. Das Angebot erschlägt dich. Mit Nuss oder ohne? Vollmilch oder Zartbitter? Milka oder doch lieber die gute Kakao-Sorte von Ritter Sport?
Wenn du zuvor nicht genau beschlossen hast, was du dir aus der Schokoladenabteilung holen willst, dann kannst du dort problemlos 20 Minuten verbringen, um eine Entscheidung zu treffen.
Ähnlich ergeht es dir im Match. Du spielst ein volles Pfund von Vorhand die Linie entlang. Dein Gegner kratzt die Murmel so gerade aus der Ecke. Der Ball tropft mit 3,4 km/h auf deiner T-Linie auf. Du hast Zeit. Zeit, nachzudenken. Einer der größten Fehler, die man beim Tennis machen kann: Denken.
Wann trifft man falsche Schlagentscheidungen?
Es sind die Spielsituationen, die für den Zuschauer von außen nach "einfachen Schlägen" aussehen. Die Momente, in denen man "nur noch" den gut aufgebauten Punkt abschließen muss. Wäre Tennis einfach, würde es Fußball heißen.
Diese falschen Entscheidungen haben allesamt ähnliche Merkmale:
1) Du lässt den Ball zu tief fallen und willst diesen dann trotzdem schnell und flach spielen
2) Du willst einen langsamen Ball des Gegners als direkten Winner versenken. Doch bedenke: Es ist immer schwieriger einen langsamen Ball schnell zu spielen, als einen schnellen Ball des Gegners noch schneller zu machen
3) Du spielst die Linie entlang, obwohl es die Spielsituation gar nicht zulässt
Was mir in meinen Analysen aufgefallen ist:
Vor allem die technisch und spielerisch starken Spieler, die dank ihres guten Spiels mehrere Optionen für einen Schlag haben, treffen häufig die falschen Entscheidungen.
Warum treffen spielerisch starke Spieler falsche Schlagentscheidungen?
Nehmen wir den großartigen Grigor Dimitrov als Beispiel.
Er kann jeden Schlag:
1) kurz-cross
2) Slice
3) Schnell und flach
4) Hoch und langsam
5) Topspin
6) Hohes Tempo
Dazu kann er all diese Variationen auch noch wunderbar miteinander kombinieren. Er hat dieses natürliche Talent für den Sport, das wir alle so gerne hätten.
Aber Grigor geht es auf dem Court wie uns in der Schokoladenabteilung. Er hat zu viel Auswahl, aber keinen klaren Plan. Er hat zwar alle spielerischen Optionen auf dem Schläger. Doch genau das ist sein Problem. Er kann sich in den Millisekunden, die er vor dem Schlag zeit hat, nicht aus all seinen Optionen schnell genug entscheiden.
Das Gehirn spielt ihm dabei einen Streich. Es signalisiert ihm: "So, lieber Grigor, da kommt die Murmel geflogen. Jetzt entscheide dich: Variante A, B, C, D, E oder doch lieber Variante O oder P?".
Grigor ist gerade bei Variante C angekommen, da ist der Ball auch schon auf dem Schläger. Es entsteht ein Chaos im Kopf, das zu mehr Fehlern führt. Mehr Fehler lindern das Selbstvertrauen des Spielers. Vor allem dann, wenn der spielerisch und technisch starke Spieler Fehler macht, die für diesen Spieler unerklärlich sind - weil er ja eben so viele Optionen hat.
Wie trifft man bessere Schlagentscheidungen?
Das Chaos benötigt ein System. In einer Rallye hast du keine Zeit, um nachzudenken. Wir haben vorhin bereits kurz festgehalten: Wer denkt, der macht Fehler. Die Denkphasen sollten im Ballwechsel so kurz wie möglich gehalten werden.
Je intuitiver man spielt, desto bessere Schlagentscheidungen kann man treffen. Je besser diese Entscheidungen sind, desto weniger Fehler macht man. Klar, weniger Fehler führen automatisch zu mehr Sicherheit im eigenen Spiel und zu einem spürbar größerem Selbstvertrauen im Match. Das ist es, was wir auf dem Court erleben wollen. Es sind diese positiven Spiralen, die man im Match selbst kreieren will. Das ist der Idealzustand.
Doch wie kriegst du das Chaos im Kopf strukturiert?
Hier mag es unterschiedliche Ansätze geben. Ich würde jedoch vorschlagen, dass wir bei unserem Beispiel aus der Schokoladenabteilung bleiben. Wenn du exakt weißt, welche Schokolade du kaufen willst, dann passiert Folgendes:
Du marschierst in den Laden. Du bewegst dich intuitiv Richtung Schokolade. Du greifst zu, packst das gute Stück in deinen Einkaufswagen und bist fertig mit der Entscheidung.
Bedeutet für dein Spiel: Du legst vor deinem Match fest, wie du bestimmte Spielsituationen meistern willst. Du kannst festlegen, kurze Bälle des Gegners mit einem Schuss durch die Mitte zu beantworten. Du kannst festlegen, dass du nur die Linie entlang spielst, wenn du im Feld stehend den Ball treffen kannst. Du kannst aber auch festlegen, dass du von weit hinter der Grundlinie nur höhere, langsamere und sichere Schläge spielst.
Du baust dir ein Matchplan-System für deine Schlagentscheidungen. Wenn du vor deinem Spiel exakt festlegst, wie du in bestimmten Spielsituationen reagieren willst, dann gibst du dir die Chance intuitiver zu spielen.
Und wenn du intuitiver spielst, dann denkst du weniger nach.
Fazit
Tennis ist ein furchtbar frustrierender Sport. Du kannst allerhand Fehler machen und allerlei falsche Schlagentscheidungen treffen.
Dabei spielt dir dein Kopf gern einen Streich. Um dein gedankliches Chaos besser zu sortieren, hilft dir ein kleiner Chaosplan vor deinem Match.
Lege fest, wie du in speziellen Situationen spielen willst und gib dir damit die Chance weniger Fehler zu machen und besseres Tennis zu spielen.
Mehr mentales Know-how findest du unter https://www.tennis-insider.de/mental-report.
