Roger Federers „besondere Woche unter Freunden“ ist seit 2015 „der Wahnsinn“
Der nimmermüde Roger Federer freut sich weiter auf so andere Wochen wie in Halle – und über die Aufwertung des ATP-Turniers.
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
19.06.2015, 07:16 Uhr

Von Jörg Allmeroth aus Halle
Als sein SchützlingNovak DjokovicEnde Februar in Dubai das Endspiel gegen Roger Federer verlor, hatBoris Beckernicht lange gebraucht, um in der Wüste das Wort zum Sonntag zu formulieren: „Einen Fehler darfst du im Tennis nie machen“, sagte der ehemalige deutsche Tennis-Heros, „und das ist, Roger Federer abzuschreiben. Solange der Tennis spielt, ist er immer ein gewaltiger Gegner.“ Becker und Djokovic hatten es im Finale gerade selbst erlebt, das Phänomen Federer: Den unverwüstlichen Champion-Spieler, einen Mann, der mit Spaß und Selbstbewusstsein am Werk ist, einen Rivalen an der Spitze, der noch immer alle Siege und Pokale zu holen vermag.
Fakt ist: Auch in seinen späteren Tennistagen kann Federer noch immer der sein, der er in seinen Glanzzeiten wie selbstverständlich war: Der Mann für die „Big Points“, der Großmeister, der immer hellwach und konsequent da ist, wenn es zählt. Der Mann für Pokalgewinne. „Ich bin darauf gepolt, die besten Punkte in den wichtigsten Momenten zu spielen. Das ist einfach immer noch in mir drin“, sagt Federer.
„So anders als bei den Wettbewerben in den großen Metropolen“
Worum geht es ihm in diesem Stadium seiner Karriere? Nicht mehr um Platz 1 der Weltrangliste, dort hat er schließlich schon viele erfreuliche und erfolgreiche Jahre verbracht. Mehr denn je konzentriert er sich auf die absoluten Highlights einer Saison. Dort im Titelrennen zu sein, aber auch an Spielorten, mit denen ihn eine besondere emotionale Beziehung verbindet, so wie Halle mit seinen Gerry Weber Open, das ist die eigentliche Arbeitsperspektive. Dafür nimmt sich der Veteran Federer auch alle möglichen Freiheiten als Alleinunternehmer in diesem Wanderzirkus, auch lange und längere Pausen, die er zur Regeneration für Psyche und Physis nutzt. „Ich bin glücklich, aber auch immer wieder erstaunt“, sagt er, „wie schnell ich nach diesen größeren Unterbrechungen auf Top-Niveau spielen kann.“
Federer war noch ein hoffnungsvoller Nachwuchsstar, als er zum ersten Mal in die beschauliche Kleinstadt Halle an den Ausläufern des Teutoburger Waldes kam. Damals galt auch für ihn noch das Prinzip, das die Turniermacher in den bald 25 Jahren „Gerry Weber Open“-Geschichte stets verfolgten: Heute schon die Stars von Morgen sehen zu können, den Top-Talenten der Tour eine Bühne zu bieten und sie mit früher Verpflichtung an den Standort zu binden. So ist Halle nun auch für den reifen Künstler und siebenmaligen Champion kein Turnier wie jedes andere, sondern eine „besondere Woche unter Freunden, fast wie in einer Familie“: „Auch meine Kinder freuen sich schon auf die Tage beim Turnier. Die sagen immer: Da können wir in die Natur gehen, in den Wald. Es ist so anders als bei den Wettbewerben in den großen Metropolen.“
Federer schwärmt von „beeindruckendem Aufbauwerk“
Der Stargast der Gerry Weber Open freut sich auch, dass die Renaissance des Rasentennis in diesem Jahr eine sozusagen amtliche Würdigung erfährt – und einen vorläufigen Höhepunkt erlebt: Zwischen den French Open und Wimbledon liegen 2015 nun drei Wochen, in denen Tennis-Wettbewerbe auf den Grüns ausgetragen werden. Halle liegt in der Mitte dieser ausgedehnten Zeitspanne, strategisch günstig positioniert, aufgewertet zu einem Turnier der zweithöchsten Kategorie im Wanderzirkus, mit dem Status ATP World Tour 500. „Das ist ein fantastischer Moment für Halle, für die Fans, für die Familie Weber, die in den vergangenen Jahrzehnten ein beeindruckendes Aufbauwerk geschaffen hat“, sagt der Eidgenosse, „jeder, der sieht, was hier entstanden ist, sagt: ‚Das ist der Wahnsinn.’ Ich sage das auch.“
Federer rechnet auch damit, dass mit der Verlängerung der Rasensaison die Qualität der Matches weiter ansteigen wird: „Das Niveau wird steigen, ganz klar. Die Spieler werden insgesamt eine bessere Vorbereitung haben. Sie werden in vielen Fällen eine größere Chance zur besseren Regeneration haben. Und sie werden im Schnitt mehr auf Rasen spielen“, sagt er, „und das ist auch gut und richtig so. Schließlich hatten wir schon mal eine Zeit im Tennis, in der drei der vier Grand-Slam-Turniere auf Rasen entschieden wurden. Heute verbringen wir zu viel Zeit auf strapaziösen Hartplätzen.“
Noch immer stets „mit 100 Prozent Power“
Dass er nach mehr als anderthalb Jahrzehnten des Herumjettens noch immer nicht der Wander-Arbeit überdrüssig ist, hat mehrere Gründe. Federer ist in seiner Karriere von schweren Verletzungen verschont geblieben, und er hat trotz seiner überragenden Erfolgsbilanz auch nie den Hunger auf weitere Siege verloren. „Ich hatte noch nie Schwierigkeiten mit der Motivation, mit dem Ehrgeiz. Wenn ich antrete, dann so wie immer, wie seit den ersten Tagen: mit 100 Prozent Power.“
Das ATP-Turnier in Halle - jetztlive auf Skyverfolgen
Doch dass er seine Reiseaktivitäten und seine Pokaljagden nicht längst eingestellt hat, das hat vor allem mit seiner Familie zu tun – mit den spannenden gemeinsamen Expeditionen und den reibungslosen Touren: „Ohne Familie würde ich nicht mehr Tennis spielen, da wäre ich jetzt nicht mehr unterwegs“, sagt Federer, „wir sind ein eingespieltes Reiseteam, in dem meine Frau natürlich die Hauptlast mit den Kindern trägt. Ich bin ihr jeden Tag dankbar dafür, wie sie mit den Rücken frei hält.“ Federers Zwillingstöchter genießen die Reisen inzwischen schon sehr bewusst, haben, wie der Papa schmunzelnd sagt, „überall ihre Lieblingsplätze und Freunde und Freundinnen, die sie wiedertreffen“.
„Mit 42 werde ich nicht mehr herumreisen“
Halle gehört zu den Selbstverständlichkeiten im Jahresprogramm Federers, ein sportlicher wie emotionaler Fixpunkt. Aber auf seine späten Tage drängt es den Charakterkopf auch mehr und mehr, aus der eingefahrenen Routine auszubrechen und Turniere und Städte zu besuchen, die bislang nicht auf der professionellen Agenda standen. So spielte er Ende April auch zum ersten Mal in der Türkei, wurde dort wie ein Staatsgast behandelt und umschwärmt – seine Ankunft auf dem Flughafen von Istanbul übertrugen gleich mehrere Fernsehsender. „Es ist schön, wenn du irgendwo hinfährst und dir alles vertraut ist. Dass man weiß, was einen erwartet“, sagt Federer, „aber daneben nehme ich mir auch die Freiheit, bestimmte Dinge zu tun, die ich früher vielleicht angedacht, aber nicht in die Tat umgesetzt habe. Ich will noch öfter zu Turnieren fahren, wo mich meine Fans noch nicht erlebt haben.“
Wie oft wird man ihn noch in diesen großen Finals, in diesen rauschenden Turniermatches mitten drin im Getümmel sehen? Kürzlich kam in einer Diskussion mit Federer die Sprache auf den 42-jährigen kanadischen DoppelspezialistenDaniel Nestor, der mit dem InderRohan Bopannanoch Siege auf der Tour gefeiert hatte. „Mit 42 werde ich nicht mehr herumreisen, nein, das nicht“, lächelte Federer, „aber einige gute Jahre gebe ich mir noch.“ Sehr gute vermutlich sogar.
Keine Gedanken an die Zeit nach der Karriere
Und dann, was wird nach den Wunder- und Glanzjahren, nach einer Karriere ohne Beispiel, aus diesem Roger Federer? Darüber hat sich Federer, „ganz ehrlich“, noch keine ernsthaften Gedanken gemacht, „das würde mich auch stören in meiner Arbeit jetzt“. Eins aber hat Federer schon ausgeschlossen, eine Rückkehr in den Wanderzirkus, ein neues Herumtouren nach der eigenen Laufbahn. Einen Spieler zu betreuen oder zu managen, ganz gleich, welches Format der hätte, das ist nicht Federers Sache: „Kein Thema. Ich sehe ja selbst, wie aufreibend die Arbeit für alle ist, die um mich herum arbeiten. Es ist eigentlich ein 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche“, sagt Federer, „ich werde dem Tennis aber verbunden bleiben. Aber anders. Schauen wir mal.“
