tennisnet.com Kolumne

Wutausbrüche und Ausraster gehören im Tennis dazu

von Christian Albrecht Barschel
zuletzt bearbeitet: 03.05.2016, 10:59 Uhr

MADRID, SPAIN - MAY 07: Grigor Dimitrov of Bulgaria apologizes after he smashed his racket in his match against Marius Copil of Romania during day five of the Mutua Madrid Open tennis tournament at the Caja Magica on May 7, 2014 in Madrid, Spain. (...

Was ist der Unterschied zwischen Gefühlen und Emotionen? Um es einfach zu formulieren: Gefühle sind nicht zwingend sichtbar, Emotionen hingegen schon. Grigor Dimitrov gehört zu den emotionalen Spielern. Der Bulgare versteckt seine Gefühlsregungen wie manch anderer Spieler nicht, sondern zeigt sie ganz offen auf dem Platz. Neuestes Beispiel: Im Finale in Istanbul kochten bei Dimitrov die Emotionen hoch, als er den Turniersieg verspielte, auch weil ihn Krämpfe plagten. Beim Stand von 0:5 im dritten Satz riss ihm beim Spielball zum 1:5 zum wiederholten Mal die Saite. Zu viel für Dimitrov, der auf dem Weg zur Bank seinen Schläger in seine Einzelteile zerlegte und daraufhin Schiedsrichter Mohamed Lahyani und Diego Schwartzman die Hand gab. Denn der Bulgare hatte zuvor bereits zwei Verwarnungen kassiert. Eine dritte Verwarnung hätte ein Strafspiel zu Folge gehabt, was in diesem Fall zum Matchverlust geführt hätte und es schließlich auch getan hat.

Lieber mitfühlen und mitleiden als keine Emotionen

Interessant wäre natürlich gewesen, ob Mohamed Lahyani trotzdem ein Strafspiel verkündet hätte oder Fingerspitzengefühl hätte walten lassen, wenn Dimitrov ihm mit dem Handshake nicht zuvorgekommen wäre. Was man dem 24-Jährigen vorhalten kann: Er hat Diego Schwartzman ein wenig die Freude über den Premierentitel auf der ATP-Tour genommen. Der Argentinier hätte den Turniersieg bestimmt lieber mit einem verwandelten Matchball gefeiert als nach dieser Aktion. Dimitrov bat wenige Minuten später um Entschuldigung für sein Verhalten. "Ich habe meine Familie enttäuscht, ich habe mein Team enttäuscht, ich habe meine Fans enttäuscht mit dieser Art von Benehmen, für das ich mich definitiv entschuldigen möchte", sprach der Bulgare.

Dabei sollte man es auch belassen und Dimitrov für diese Aktion keineswegs verteufeln. Wutausbrüche und Ausraster, solange sie im Rahmen bleiben, gehören im Tennis dazu und sind manchmal auch das Salz in der Suppe. Warum das so ist? Emotionen zeigen eindeutig an, wie wichtig oder auch unwichtig jemandem eine Sache ist, also ob jemand auch mit Herzblut bei der Sache ist. Warum Dimitrov beim Publikum recht beliebt ist? Das liegt sicherlich zum einen an seiner eleganten Spielwiese, zum anderen aber auch daran, dass er die Zuschauer an seiner Gefühlswelt teilhaben lässt. Dimitrov lebt Tennis, so wie es auch andere Spieler tun oder in der Vergangenheit getan haben wie zum Beispiel Boris Becker und John McEnroe. Mir ist das Mitfühlen und Mitleiden mit einem Spieler, der seine Gefühle auch recht offensiv zur Schau stellt, tausendmal lieber als zum Beispiel das recht emotionslose Robotertennis von Milos Raonic.

Nicht immer eine Verwarnung

Natürlich sollte man es nicht übertreiben mit dem Zerstören von Schlägern. Immerhin hat man als Tennisprofi auch eine Vorbildfunktion für Kinder, die es sich nicht leisten können, aus Frust innerhalb von Sekunden einen Schläger im Wert von 100 bis 200 Euro zu zerstören. Auch die Schlägerfirmen sehen es sicherlich nicht allzu gerne, wenn ihre Rackets von den Profis malträtiert werden. Jedes Schlägerbrechen mit einer Verwarnung zu sanktionieren, kann aber auch nicht die Lösung sein. Ein bisschen Fingerspitzengefühl und Spielraum sollten die Schiedsrichter bei der Bewertung der Situation haben. Es gibt weitaus schlimmere Sachen als das Zerstören eines Schlägers. Emotionen gehören im Sport dazu, die immer wieder zu amüsanten Geschichten führen. So musste Goran Ivanisevic im Jahr 2000 ein Match aufgeben, nachdem er alle seine Schläger zerstört und kein fähiges Spielgerät mehr hatte. Übrigens: Marat Safin ist der Rekordhalter im Schlägerzerstören. Der Russe demolierte in seiner Karriere 1055 Schläger und wurde im Jahr 2011 für seinen Rüpel-Rekord sogar von der ATP ausgezeichnet.

von Christian Albrecht Barschel

Dienstag
03.05.2016, 10:59 Uhr