"Ich glaube an meine Chance"
Der tennisnet.com-Jahresrückblick mit Bertram Steinberger.
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
20.12.2010, 16:48 Uhr

2010 war das erste Jahr, in dem sich Bertram Steinberger ganz auf das Doppel konzentriert hat. Der Erfolg gibt ihm bisher Recht: Der 24-jährige Steirer feierte heuer sensationell den ersten Challenger-Titel seiner Karriere, halbierte fast sein Ranking und steht vorm Sprung unter die Top 300. „Ich hab durch das Doppel wieder den Spaß am Tennis gefunden“, stellt der großgewachsene Rechtshänder im Interview fest. Und mit der wieder gewonnenen Freude will „Bertl“ 2011 weiter angreifen und sich seinen großen Traum verwirklichen. Wie dieser aussieht, wie er den finanziellen Überlebenskampf als Doppel-Spezialist meistert und warum er kein Problem hat, als „Doppelschwein“ bezeichnet zu werden, erzählte er tennisnet.com.
Bertram, nach deiner Sudan-Reise schon wieder gut in Österreich eingelebt?
Ja, ich bin seit zwei Wochen wieder hier. Es war allerdings ein bisschen mühsam, ich hab bis um 4 Uhr Früh in Khartum auf meinen Rückflug über Kairo warten müssen. Dabei hätte ich schon einen Tag früher nach Hause fliegen können.
Warum hast du’s nicht getan?
Ich hab ja mit Richard Ruckelshausen Doppel gespielt und wir wollten alle vier eigentlich schon am Samstag das Finale spielen. Aber der Turnierleiter hatte das Finale schon groß für Sonntag angekündigt und Flyer ausgeteilt, daher mussten wir alle den Flug umbuchen und statt Sonntag zu Mittag am Montag in der Früh fliegen.
Ärgerlich deswegen draufzahlen zu müssen, oder?
Ja, das wär’s gewesen. Aber wir haben für den Flug wenigstens nichts zahlen müssen. Da war so ein Typ, der uns beim Einchecken geholfen und alle gekannt hat, wir haben überall einfach durchgehen können, ohne ein Ticket kaufen zu müssen.
Gerald Melzer hat in einem tennisnet.com-Interview gemeint, dass es in Afrika nicht so schlimm ist, wie man oft hört. Wie hast du das denn im Sudan empfunden?
Es war voll okay dort, wenn man alles in Betracht zieht, war’s sogar sehr angenehm. Man kann mit nur einem Hinflug zwei Futures auf derselben Anlage spielen, zahlt keine Steuern, alle dort sind sehr bemüht. Der Sand ist halt leider wie Wüstensand mit Erde. Wenn der Platz gespritzt wird, dann ist der reinste Gatsch daraus geworden, sodass man sogar einsinkt. Und wenn der Platz bei der Hitze nach zehn bis 15 Minuten völlig trocken war, dann ist er rutschig wie ein Eislaufplatz gewesen. Es hat viele Platzfehler gegeben und es war extrem schwierig, den Court so herzurichten, dass er für ein, zwei Sätze hält.
Bis zu 35 Grad im Sudan, tiefster Winter in Österreich – war das nicht ein Problem?
Ja, natürlich. Von Österreich in den Sudan zu fliegen war allerdings schlimmer. Unter der Hitze ist es einfach wahnsinnig anstrengend, wir sind in Österreich halt doch gemäßigte Temperaturen gewöhnt.
Bei der Rückkehr hat’s wohl einen dicken Stapel Jacken gebraucht, oder?
(lacht) Ja, das kann man so sagen. Ich hab ja gar nichts mitgehabt, nur einen lockeren Pulli. Aber die Mutter vom Richard hat uns in Wien schon mit mehreren Jacken erwartet. Verkühlt hab ich mich bei der Heimreise wenigstens nicht, dafür hatte ich seit dem letzten Tag dort eine Magenverstimmung – und jetzt in den letzten Tagen schon wieder eine. Ich hoff das krieg ich bald wieder hin.
Im Doppel hast du’s heuer ja sehr gut hingekriegt und dich bis dicht an die Top 300 geschoben. Wie fällt denn deine Saisonbilanz aus?
Bis Ende Juni ist es richtig scheiße gelaufen, da hab ich nur vier Turniere spielen können und dabei lediglich ein Finale erreicht. Das hatte auch den Grund, dass ich mir Ende März die Bänder gerissen hab und zwei Monate pausieren musste. Danach ist es dann stetig bergauf gegangen. Es war trotzdem schwierig, weil ich keinen fixen Doppelpartner hatte und mir oft jemand kurzfristig mit Verletzungen abgesprungen ist. Aber im Vergleich mit den Saisonen davor hab ich heuer in Summe einen großen Schritt nach vorne gemacht.
Der absolute Höhepunkt war der Sieg in Alphen aan den Rijn, dein erster Challenger-Titel. Und das sogar ohne Satzverlust…
Das war ein Bomben-Gefühl! Mit Abstand das Größte, was mir das Tennis je zurückgegeben hat, sicher auch mein Karriere-Höhepunkt. Ein Future gewinnt man bald mal, auch wenn’s ebenfalls nicht leicht ist. Aber einen Challenger-Sieg – das kann man schon herzeigen.
Ohne die Leistung schmälern zu wollen: Die ganz harten Brocken sind dir und Farrukh Dustov dabei nicht gegenübergestanden. Alle gesetzten Paarungen waren schon vor dem Halbfinale draußen.
Das stimmt. Es hat die ganze Woche viel geregnet, wir haben erst am Donnerstag unser erstes Match bestritten. Als wir danach vom Abendessen zurückgekommen sind, haben wir auf den Raster geschaut und gesehen, dass Jeff Coetzee und Jamie Murray schon draußen sind – dabei waren wir uns so sicher, dass sie das gewinnen. Da haben wir schon gewusst: Das ist unsere Chance, die ergibt sich nur einmal im Leben. Wir haben uns ein Bier bestellt und uns auf die Aufgabe eingestimmt. Und was dann passiert ist, das ist ja bekannt. (lacht)
Was war in dieser Woche anders als sonst? Ist einfach alles für euch gelaufen?
Auf jeden Fall, wir haben richtig gut gespielt. Und ich hab in den Wochen davor sehr gut trainiert. Da ich nur 15.000-Dollar+H-Futures und Challenger gespielt hab, konnte ich mit richtig guten Einzelspielern schlagen. Dazu kommt auch, dass ich mit Farrukh schon drei, vier Male davor gespielt hab und mich mit ihm sehr gut verstehe.
Dass du die Niederlande mit dem größten Preisgeldscheck deiner Karriere in der Höhe von 1325 Euro, verlassen würdest, hättest du vorher aber auch nicht gedacht, oder?
Nein, das kam schon sehr überraschend. Ich hab ja auf Challenger-Ebene davor immer nur in Graz gespielt, da ich eben aus der Nähe komme. Alphen aan den Rijn war nach Kitzbühel ein Monat davor mein zweiter Challenger, bei dem ich im Doppel mit der Vorstellung, vielleicht ins Viertel- oder Halbfinale zu kommen, reingegangen bin. Zugetraut hab ich mir das alles schon, sonst wär’s ja nicht mein Ziel, sich auf dieser Ebene zu behaupten. Aber lustig ist es schon, Farrukh und ich wussten vorher nicht mal, ob wir mit unserem Ranking überhaupt im Bewerb sind. Und er war sogar ein bisserl an der Schulter verletzt und hat den Aufschlag fast nur einwerfen können.
Wie wär’s denn ausgegangen, wenn er fit gewesen wäre?
Ich weiß es nicht. Vielleicht hätten wir noch weniger Games verloren! (lacht)
Spätestens mit diesem Triumph war dir wohl klar, dass die Spezialisierung aufs Doppel goldrichtig war. Wann ist diese Entscheidung denn gefallen?
Das war vor genau einem Jahr. Es hat sicher – ohne mich hier vertiefen zu wollen – ein, zwei Entscheidungen gegeben, die für meine Karriere nicht richtig waren. Diese Entscheidung ist es aber. Das hat mir bis jetzt noch jeder aus meinem Umfeld bestätigt. Sowohl der „Elch“ (Michael Oberleitner, Anm.), bei dem ich damals trainiert hab, als auch mein Mentalcoach Wolfgang Dantler, der mich schon seit vielen Jahren begleitet und eine ungemein wichtige Unterstützung für mich ist.
Was war denn der konkrete Anlass?
Dass meine Leistungen im Einzel nicht Fisch, nicht Fleisch gewesen sind. Ich hab mich zwar schon weiterentwickelt, aber das muss man noch viel mehr, absolut überdurchschnittlich. Ich bin vom Ranking her auf dem Stand getreten, während es im Doppel stets ganz gut gelaufen ist. Daher hab ich vor der heurigen Saison ganz bewusst gesagt, ich konzentriere mich aufs Doppel und hab auch die Turniere dementsprechend gewählt. Im Einzel wollte ich nebenbei so viel wie möglich gewinnen und mitnehmen, was geht. Das hat allerdings nicht allzu gut geklappt, ich hatte auch oft nach geschaffter Qualifikation ziemlich schwere Lose. Aus diesen Niederlagen hab ich mir aber nicht zu viel draus machen dürfen, denn wenn ich zu enttäuscht gewesen wäre, hätte ich es nachher im Doppel dann auch vergeigt.
Hat sich deine Entscheidung schon früher abgezeichnet?
Ja, eigentlich schon 2008. Da bin ich damals im Februar im Einzel auf meinem Career High von Platz 707 gestanden und hatte die große Chance, mich noch weiter nach vorne zu spielen, da ich ein halbes Jahr nichts zu verteidigen hatte. Im Training hab ich ja auch gut gespielt, aber ich hab’s nicht ins Match umsetzen können. So ist immer mehr Druck entstanden.
Wie hast du darauf reagiert?
Unter anderem mit einem Umfeld-Wechsel. Ich bin von Wolfgang Schranz und Roland Berger zu Marco Hammerl gegangen. Ich hab mit ihm zwar gut trainiert, aber es hat nicht wirklich funktioniert – vielleicht auch weil wir gut befreundet sind. Nach drei Monaten haben wir’s gelassen. Ich hab zwei Monate allein gespielt, dann bin ich für ein Jahr bei Michael Oberleitner gewesen. Das war bis zum Ende 2009, danach bin ich nach Italien in die Venice Tennis Academy zu Gert Lassnig gegangen, wo auch Herbert Wiltschnig, Christoph Lessiak und einige Italiener trainiert haben. Das war bis zum Sommer so.
Ganz schön viele Umfeld-Wechsel…
Ja, das stimmt. Der weg von Italien war jedenfalls nötig, ich hatte dort dann kaum noch gute Sparringpartner. Ich hab mir dann in den letzten sechs Monaten alles selber gemacht. Von Juni bis Mitte September hab ich ohnehin fast durchgespielt, zwischen den Turnieren hab ich immer wo mittrainiert – zum Beispiel in Graz mit Thomas Muster.
Das wird sicher sehr herausfordernd gewesen sein, oder?
Ja, das war sehr anstrengend und beeindruckend. Ich hab auf Challenger-Ebene wohl keinen einzigen Spieler gesehen, der so hart arbeitet wie er.
Fest steht jedenfalls: Du bist erst 24 Jahre alt. Ist das nicht ein bisschen früh, um sich ganz aufs Doppel zu verlegen?
Meiner Meinung nach ist es der richtige Zeitpunkt. Ich bin sicher ein Typ, der viel hinterfragt, aber wenn, dann etwas zu 100 Prozent macht. Und wenn man wo 100 Prozent hinein gibt und in vier Jahren keine nennenswerten Fortschritte sieht, verliert man die Freude am Tennis. Man trainiert und trainiert und trainiert – und die Jahres-Ausbeute ist dann ein Future-Viertelfinale, das macht einen einfach nicht happy. Erst durchs Doppel hab ich wieder den Spaß gefunden.
Da nimmt man es wohl auch in Kauf, von Freunden auf facebook als „Doppelschwein“ bezeichnet zu werden, oder?
(lacht) Ja, definitiv. Man wird generell oft belächelt, hört abwertende Sätze wie „Doppel ist Doppel“. Aber wenn man da zu zweit gewinnt, ist das halt ein ganz anderes Gefühl, als wie so viele Andere im Einzel in der Quali, der ersten Runde oder im Achtelfinale auszuscheiden.
Was macht dich denn im Doppel so viel stärker als im Einzel?
Als das Einzel noch Priorität hatte, hab ich da die Power nie sinnvoll ins Spiel verpacken können, den Körper nicht so gut kontrollieren können, Probleme mit der Beinarbeit gehabt. Im Doppel ist das nicht der Fall. Da bin ich auch viel ruhiger, strahle was ganz Anderes aus. Meine Stärken wie Aufschlag, Volley und die große Reichweite kommen da viel besser zur Geltung. Und vielleicht bin ich viel mehr ein Teamplayer, als ich früher gedacht hätte. Sprich: Ich hab im Doppel einfach die besseren Chancen, was zu verdienen und auf Medienpräsenz.
Gerade im Doppel ist das mit dem Verdienen allerdings nicht so leicht…
Das ist im Tennis leider generell so. Es ist keine Gaude, immerzu ans Geld denken zu müssen. Wenn man nicht bei den großen Challengern oder den Grand Slams drinnen ist, dann ist das alles kein Honigschlecken.
Bei den meisten Challengern solltest du jetzt aber im Hauptfeld stehen, oder?
Ja, ich schätze etwa bei zwei Drittel. Das macht’s auch schon mal viel leichter, da hat man eben zumeist Hospitality und muss wenigstens die Unterkunft nicht mehr zahlen. Die 10.000-Dollar-Futures sind dagegen so deprimierend, die werd ich auch nimmer spielen. Mit 20 oder 21 ist einem das vielleicht noch egal, jetzt ist es mir das nicht mehr. Man macht sich natürlich Gedanken um die Zukunft und will was sehen für das, was man investiert.
Allzu viel war das aber auch heuer trotz deines bisher besten Jahrs auf der Tour noch nicht. Wie kannst du dir das alles überhaupt leisten?
Es stimmt leider, es waren rund 6500 Dollar Preisgeld, damit kann man natürlich nicht alles finanzieren. Man muss da einen Plan im Hinterkopf haben, um möglichst viel heimzubringen, das ist mir heuer schon öfter gelungen. Zum Glück steht meine Familie voll hinter mir, auch wenn’s nicht leicht ist. Denn das Budget, das wir jedes Mal am Jahresende für die nächste Saison erstellen, muss Sinn machen. Wenn ich nur 10.000 zur Verfügung hätte, dann wär’s sinnlos, da könnte ich vielleicht zehn, 15 Turniere spielen. Ich krieg jedenfalls eine gewisse Unterstützung, den Rest muss ich selber auftreiben, großteils über regionale Sponsoren. Da bin ich quasi Manager von mir selber, muss immer meine Ohren offen halten. Und an der Universität in Graz hab ich mich bei einem Sportstudium eingeschrieben.
Und das bringt dir auch was?
Ja, das Leben ist als Student einfach billiger.
Zu deinem Plan wird es auch gehören, zukünftig weitgehend ohne finanzielle Unterstützung der Familie auszukommen. Was wird dafür nötig sein?
Die Top 100 im Doppel wird’s wohl brauchen. Ich muss sicher noch an vielem arbeiten, aber ich denke, ich hab da recht gute Chancen. Ich glaube an meine Stärken und an mich selbst. Besonders wenn ich an Kollegen aus dem Ausland denke, bei denen ich immer voll dabei war und die sich dann auch erfolgreich spezialisiert haben, oder an einen Julian Knowle oder Oliver Marach – wobei die beiden Top 100 im Einzel waren. Ich bin da also eigentlich noch das größere „Doppelschwein“. (lacht) Wenn man gesund bleibt und auch ein bisserl das nötige Glück hat, ist jedenfalls vieles möglich.
Und was hältst du 2011 für möglich?
Das Einzel wird weiterhin so nebenbei laufen – ohne große Ziele. Im Doppel wär’s vor allem mal schön, statt jedes Jahr mit 15 mit maximal drei, vier Doppelpartnern zu spielen und da eine gewisse Konstanz zu haben. Dann bin ich umso optimistischer, dass es rankingtechnisch weiter bergauf geht. Und das muss es, wenn ich am Jahresende große Challenger spielen will oder vielleicht sogar in der Wiener Stadthalle – das wäre ein absoluter Traum. (Foto: GEPA pictures/ Matthias Hauer)
Das Interview führte Manuel Wachta.
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