Tenniscoach Robert Davis: Der Hühnerzüchter aus Kambodscha
Melbourne, Paris, London, New York. Der Profitennissport ist ein globales Ereignis. Gleichzeitig ein Wanderzirkus für die Beteiligten. Dies gilt auch für deren Coaches, die sie auf der Tour begleiten. Tenniscoach Robert Davis ist dabei einer mit einer eher ungewöhnlichen Geschichte.
von Florian Heer aus Heilbronn
zuletzt bearbeitet:
14.06.2024, 13:49 Uhr

Die oben genannten Destinationen gelten als Austragungsorte der Grand-Slam-Turniere als Nonplusultra für jeden Tennisspieler. Abseits dieser glamourösen Events sind aber auch Spieler auf dem Pro-Circuit unterwegs, die medial keine oder zumindest wenig Beachtung finden. Inzwischen sind die Geschichten einiger dieser „heimlichen Helden“, die sich Woche für Woche durch die teilweise holprige Turnierlandschaft pflügen auch bekannt. Zumindest unter den eingefleischten Tennisfans.
Weniger im Rampenlicht stehen dabei allerdings deren Trainer. Dies hat einerseits mit der Tatsache zu tun, dass viele Profis gar keinen sogenannten „Travelling-Coach“ an ihrer Seite haben, da sie sich diesen schlichtweg nicht leisten können. Andererseits auch damit, dass die Trainer auf den kleineren Turnieren sich in der Regel unter dem medialen Radar bewegen.
„Ich freue mich, dass ihr euch auch für die Coaches interessiert“, sagt Robert Davis, als ihn ein Kollege und ich während des Neckarcups vergangene Woche beim ATP-Challenger in Heilbronn zu einem Interview treffen möchten.
„Wir können uns gerne nach unserer Trainingseinheit zusammensetzen,“ verspricht Davis. Wir haben erfahren, dass der gebürtige US-Amerikaner seit Jahren in Asien lebt und auf einer Farm in Kambodscha Hühner züchtet. In Heilbronn betreut er ein japanisches Doppel, bestehend aus Toshihide Matsui und Kaito Uesugi. Beide sind unter den Top 150 der ATP-Weltrangliste geführt.
„Ihr habt tolles Wetter hier“, begrüßt uns Davis schließlich mit einem Lächeln zu unserem verabredeten Termin. „Ich komme gerade aus Kambodscha und dort ist es unfassbar heiß.“
„Der Rudi Gutendorf des Tennis“
Was ist seine Geschichte? „Ich arbeite dort nicht im Tennis. Ich wohne nur dort. Ich lebe jetzt seit 30 Jahren in Asien: Thailand, Kambodscha, Indonesien, Singapur. Ich habe Kambodscha gewählt, weil ich dort Land kaufen konnte. Dies haben meine Frau und ich getan und ein traditionelles Haus im asiatischen Stil gebaut. Auf unserer Farm bauen wir Gemüse an, haben Hühner und verkaufen Eier. Wir haben sogar deutsche Schäferhunde gezüchtet und an die Polizei und das Militär verkauft. Alles ist aber ziemlich einfach. Wir haben nicht einmal ein Auto, wir benutzen Fahrräder,“ erzählt der Davis, der vor über 35 Jahren die Vereinigten Staaten verließ.
„Ich habe die High-School abgebrochen und arbeitete für einen Mann im Tennis, der mir eine Chance bot“, beschreibt Davis seinen Werdegang. „Ich begann sehr jung im Profitennis zu coachen. Ich war 21, als ich als Coach bereits auf der ATP-Tour war. Dann ging ich nach Südamerika und war Technischer Direktor für Peru. Anschließend war ich in Panama und lebte dann in Kolumbien. Von dort zog ich nach Asien und setzte meine Tätigkeit als Tenniscoach fort. Ich war in Thailand, Indonesien, Singapur, Myanmar, dabei immer auf dem Pro-Circuit und nebenbei für die nationalen Tennisverbände tätig.“
Wenn man Davis‘ Namen googelt, findet man auf der Webseite der ATP einen langen Eintrag seiner Tätigkeiten in den vergangenen Jahrzehnten. „Ich habe in all diesen Ländern gearbeitet, aber diese sind klein. Es klingt gut, aber es ist nicht wie in Deutschland. Es ist eine große Fläche auf der Landkarte, aber klein in Bezug auf Tennis. Der Präsident des kambodschanischen Tennisverbandes ist ein guter Freund von mir. Er sagte mir, ich solle kommen und etwas Land kaufen. Heute ist mein Sohn bereits seit 15 Jahren dort und arbeitet als Nationaltrainer.“
Lauscht man Davis‘ spannenden Erzählungen, kommt einem der bekannte deutsche Fußballtrainer Rudi Gutendorf in den Sinn. Der gebürtige Koblenzer gilt als der Trainer mit den meisten internationalen Engagements und ist als solcher auch im Guinness-Buch der Rekorde gelistet.
Vom Einzel zum Doppel
Davis stammt aus Virginia und betreut heute vorrangig Doppelspieler. Er hat dabei auch bereits mit bekannten Größen wie Aisam-Ul-Haq Qureshi gearbeitet.
„Die meisten von ihnen haben mit Einzel begonnen. Aber als sie älter wurden, hatten sie die Wahl, entweder bei kleineren Turnieren im Einzel anzutreten oder auf der Main-Tour im Doppel zu spielen. Qureshi aus Pakistan erreichte Platz 120 im Einzel, aber war unter den Top 10 im Doppel. Es war nie mein Plan, hauptsächlich mit Doppelspielern zu arbeiten. Auch meine Spieler hier haben lange Zeit Einzel gespielt. Jetzt konzentrieren sich nur noch auf das Doppel. Matsui verfolgt dabei ein spezielles Ziel. Er ist 46 Jahre alt und nah dran in die Top 100 zu kommen. Ein Traum würde für ihn Realität werden. Für mich ist es aufregend zu sehen, dass jemand noch Träume hat, selbst in einem Alter, in dem viele Spieler aufhören Profitennis zu spielen. Wir sind seit 10 Jahren zusammen. Wir sind wie eine Familie“, erzählt Davis, der mit seiner Frau eine Firma gegründet hat und auch mit anderen Coaches zusammengearbeitet.
Werbung für asiatische Coaches
Heute hält er neben seiner Trainertätigkeit weltweit Online-Vorträge zum Thema Tennis und Coaching, und hat bereits mehrere Bücher geschrieben. Ein Projekt liegt ihm allerdings besonders am Herzen:
„Zusammen mit anderen Trainern versuchen wir, asiatische Trainer zu fördern. Das Problem in Asien ist, dass die Leute denken, man braucht einen Trainer aus Europa, um erfolgreich zu sein. Sie würden immer einen spanischen oder deutschen Trainer einem japanischen Trainer vorziehen“, erklärt der 53-jährige und skizziert seine Mission.
„Wir haben aber auch viele qualifizierte Trainer in Asien, die normalerweise keine Chance erhalten. Das ist eine andere Mentalität. Wir versuchen, den asiatischen Trainern zu helfen, bessere Jobs zu bekommen.“