„Stan, the Man“ – Aufsteiger Wawrinka nun einer der „Großen Vier“
Stan Wawrinka, der einst nur als Champion des Zauderns und Zögerns, als Chancentod und Nervenbündel galt, ist oben angekommen.
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
10.09.2015, 10:56 Uhr

Von Jörg Allmeroth aus New York
Wer wurde in den letzten Jahren nicht alles als Mann der Zukunft im Welttennis ausgerufen, als potenzieller Spielverderber für die „Großen Vier“? Der bulgarische Federer-VerschnittGrigor Dimitrovgehörte dazu, der kanadische Hammer-AufschlägerMilos Raonic, auch der japanische FlitzerKei Nishikoriund die australische SkandalnudelNick Kyrgios. Doch die Machtarchitektur an der Spitze hat ein ganz anderer verändert, einer, der einst nur als Champion des Zauderns und Zögerns galt, als Chancentod und Nervenbündel – der einstige Schattenmann von Roger Federer, der 30-jährige Stan Wawrinka.
Federer: „Er hat gewaltig an Statur gewonnen“
Bei den US Open zeigt er gerade alle Qualitäten eines großartigen Grand-Slam-Wettkämpfers: Eine Woche spielte er abseits der großen Schlagzeilen effektiv und unspektakulär, sparte sich aber seine Energie für die prickelnde Schlussphase des Big-Apple-Spektakels auf. Mittwochnacht erlebte New York den Mann aus Lausanne dann erstmals in ganzer Prachtentfaltung: Wie aus einem Guss servierte Wawrinka den SüdafrikanerKevin Anderson6:4, 6:4 und 6:0 ab und rauschte zum dritten Mal in dieser Saison in ein Grand-Slam-Halbfinale durch. Und auf wen trifft Wawrinka da? Auf Landsmann und FreundRoger Federer, auf das eigene Idol, auf den langjährigen Mentor. „Früher in unseren Spielen, da war immer nur einer nervös: Das war ich“, sagt Wawrinka, „heute spüren wir beide dieses Lampenfieber, diese Anspannung.“ Wawrinka habe sich zu einem Spieler entwickelt, „der bei jedem, absolut jedem Turnier den Pokal gewinnen kann“, sagt Federer, der den FranzosenRichard Gasquet6:3, 6:3, 6:1 abschoss, „er hat gewaltig an Statur gewonnen.“
Und auch an Konstanz, besonders bei den bedeutenden Grand-Slam-Festspielen. Jenen Leistungsmessen, die Status und Wertigkeit eines Profis definieren und ihm im Erfolgsfall auch den Respekt der Kollegen verschaffen. „Er ist der Aufsteiger schlechthin“, sagt ExperteJohn McEnroe, „seine Entwicklung ist atemraubend.“ Seit zwei Jahren spielt Wawrinka stets bis weit in die zweite Turnierwoche bei den Grand Slams mit, ausgenommen die French Open 2014. Inzwischen ist er keiner mehr, der sich gegen das Top-Quartett mit den HerrenDjokovic, Federer, Murray undNadalauflehnt. Er selbst, Stan Wawrinka, der berühmt-berüchtigte „Stanimal“, gehört dazu. Er ist der vierte Spitzenmann, nicht etwa der schwächelnde Mallorquiner Nadal, der auch in New York schon in der Frühphase des Wettbewerbs stolperte.
Muss sich Wawrinka dennoch warm anziehen?
Wawrinka hat sich vom Übervater Federer emanzipiert und sich sportlich freigespielt. Die Beißhemmung gegen den „Maestro“ hat er verloren,jüngst bei den French Open schaltete der 30-Jährige den vier Jahre älteren Weggefährten geradezu mühelos in drei Viertelfinal-Sätzen aus–und holte sich dann den Titel gegen Djokovic. Wawrinka ist nicht mehr der ewig belächelte Juniorpartner von Federer, nicht der „andere Schweizer“, sondern selbst eine starke Marke in diesem Weltsport. Er – und nicht Federer – war es auch, der die Schweiz im vergangenen Jahr zum umjubelten und historischen Davis-Cup-Sieg führte. Federer wusste später genau, wem die Acht-Millionen-Nation den Dank für den Pokalgewinn schuldete: „Stan war der Mann.“ „Stan, the Man“ halt.
Selbst ein bisher in New York unbezähmbar und fast surreal gut auftretender Federer jagt ihm keinen lähmenden Schrecken mehr ein. Wawrinka respektiert einfach die „Wahnsinns-Leistungen“, die der Ältere immer noch und immer wieder abruft. Während Wawrinka am Mittwoch denMurray-BezwingerKevin Anderson nach allen Regeln der Kunst abfertigte, erlebten 22.000 Zuschauer den König der New Yorker Nächte, den „Maestro“ Federer, wie im Rausch: Gegen Frankreichs Stolz Gasquet legte er eine Bilanz von 50:8-Siegschlägen und 16:1-Assen hin, erledigte den Job in bloß 88 Minuten. „Sorry, Leute, der Mann soll 34 Jahre sein“, befand da Ex-StarJim Courier, „das ist unfassbar. Da wird sich auch Wawrinka warm anziehen müssen.“
„Es wird eine großartige Sache“: Vorfreude auf den Showdown
Wawrinka aber ist nicht mehr ins Scheitern, sondern ins Gelingen verliebt. Deshalb ist ihm der bärenstarke Federer gerade recht, um die eigene Klasse zu beweisen, um an der Größe der Herausforderung zu wachsen. „Ich freue mich auf den Showdown“, sagt Wawrinka, „es wird eine großartige Sache.“
Hier die Ergebnisse von den US Open:Einzel,Doppel,Einzel-Qualifikation.
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