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„Meine ganz persönliche Mondlandung“ – Boris Beckers Wimbledonsieg vor 30 Jahren

Am 7. Juli 1985 veränderte Boris Becker mit seinem ersten Triumph in Wimbledon die deutsche und internationale Tennislandschaft.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 07.07.2015, 08:15 Uhr

Von Christian Albrecht Barschel aus Wimbledon

Der 7. Juli 1985 war ein Tag, an dem deutsche und internationale Sportgeschichte geschrieben werden sollte. Vor allem die deutschen Fernsehzuschauer werden diesen Tag für immer in ihrem Gedächtnis behalten. Beim berühmtesten Tennisturnier der Welt in Wimbledon stand mit Boris Becker ein 17-jähriger Bursche aus Leimen im Endspiel. Als ungesetzter Spieler und bis dato jüngster Finalist bei einem Grand-Slam-Turnier traf Becker auf den SüdafrikanerKevin Curren, der in jenem Jahr die US-amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Obwohl Becker bereits das Vorbereitungsturnier im Londoner Queen’s Club gewonnen hatte, war Curren im Endspiel favorisiert, da er in den Runden zuvor die WimbledonsiegerJohn McEnroeundJimmy Connorssowie den späteren TurnierchampionStefan Edbergjeweils glatt in drei Sätzen vom Platz geschossen hatte.

Becker steht kurz vor der Aufgabe

Dabei wäre es beinahe gar nicht zum Finaleinzug von Becker gekommen. In der dritten Runde stand der Deutsche kurz vor dem Aus, als der SchwedeJoakim Nyströmzweimal zum Matchgewinn servierte. Und eine Runde später im Achtelfinale gegen den US-AmerikanerTim Mayottewollte er nach 1:2-Satzrückstand bereits aufgeben, weil er mit dem Knöchel umgeknickt war. Doch Mayotte stand einfach zu weit weg vom Netz, wie Becker später schmunzelnd versicherte. Stattdessen ging Beckers Wimbledonreise weiter bis ins Endspiel, wo er seine Titelmission erfolgreich abschließen wollte.

Um 14 Uhr Ortszeit betraten die beiden Finalisten den „Heiligen Rasen“ auf dem Centre Court von Wimbledon. Deutschland versammelte sich vor dem Fernseher, um dabei zu sein, wie Sportgeschichte geschrieben wurde. Für die Fernsehzuschauer war es jedoch teilweise schwer, das Spiel zu verfolgen. Zu jenem Zeitpunkt wurde in Wimbledon noch mit weißen Tennisbällen gespielt, die im Fernsehen nicht so gut zu erkennen waren. Kurz danach wurden auf Wunsch der Fernsehsender gelbe Tennisbälle eingeführt, die eine bessere Leuchtkraft hatten. Das Finale zwischen Becker und Curren war somit das letzte Match in Wimbledon, das mit weißen Bällen gespielt wurde.

Becker mit Blitzstart

Für Becker begann das Endspiel gleich wie gemalt. Nach seinem gewonnenen ersten Aufschlagspiel nahm er Curren dessen Aufschlag zum 2:0 ab und transportierte das Break zum Satzgewinn. Der zweite Satz verlief sehr ausgeglichen. Beide Spieler schlugen ohne Fehler auf, so dass der Tiebreak die Entscheidung bringen musste. Dort erwies sich Curren als der nervenstärkere Spieler und holte den Satzausgleich. Im dritten Satz wurde Curren stärker und konnte Becker zu einer 4:3-Führung breaken. Die Tenniswelt glaubte nun, dass sich der Favorit durchsetzen und den Teenager aus Leimen besiegen würde. Doch Becker gelang das Rebreak zum 4:4 und spielte fortan wie befreit. Bei 5:4 und 6:5 hatte der Deutsche bereits Satzbälle vergeben. Im Tiebreak gewann Becker schließlich mit seinem achten Satzball den dritten Satz. Die Sensation nahm ihren Lauf.

Gleich zu Beginn des vierten Satzes nahm Becker Curren den Aufschlag ab. Bei 5:3 hatte er bei Aufschlag Curren den ersten Matchball, den er noch nicht nutzen konnte. Bei 5:4 schlug der Deutsche aber zum Matchgewinn auf. Mit einem Ass holte sich Becker zwei weitere Matchbälle. Doch ein Doppelfehler machte den zweiten Matchball zunichte. Ein weiterer Matchball blieb. Becker konzentrierte sich, tippte den Ball viermal auf, ließ wie gewohnt seine Zunge kreisen und schlug den Ball mit voller Wucht in das gegnerische Feld. Curren kam nur noch mit dem Rahmen an den Ball, der ins Aus flog. Die Siegerfaust und der Jubelschrei von Becker folgten. „Game, Set and Match and Championship Becker“ rief der Stuhlschiedsrichter. Es war tatsächlich passiert. Um 17:26 Ortszeit und nach 3:18 Stunden Spielzeit war Boris Becker der erste deutsche Wimbledonsieger. Es war seine „ganz persönliche Mondlandung“ schilderte Becker Jahre später in einem Werbesport.

Becker holt deutsches Tennis aus dem Dornröschenschlaf

6:3, 6:7 (4), 7:6 (3), 6:4 hießen die nackten Zahlen, die jedoch viel mehr bedeuteten. Mit 17 Jahren und 227 Tagen war Boris Becker eben nicht nur der erste deutsche Wimbledonsieger, sondern auch der jüngste Wimbledonsieger aller Zeiten, der erste ungesetzte Sieger auf dem „Heiligen Rasen“ und der jüngste Grand-Slam-Champion. Das Leben des 17-jährigen Leimeners sollte sich fortan für immer verändern: Deutschland hatte wieder einen Sporthelden, dessen Werdegang die Menschen auch noch 30 Jahre nach seinem ersten Wimbledonsieg fasziniert.

„Ich bin der erste Deutsche, der Wimbledon gewinnt. Ich denke, dass wird das Tennis in Deutschland verändern. Sie hatten nie ein Idol. Jetzt haben sie vielleicht eines“, sagte Becker und sollte damit Recht behalten. Tennis in Deutschland wurde aus dem Dornröschenschlaf erweckt und boomte auch wegen der kommenden Erfolge von Steffi Graf. Boris Becker übte eine besondere Faszination auf die Deutschen aus. Entweder man liebte ihn oder man hasste ihn. Nur eines war klar: Völlig egal war er seinen Landsleuten nie. Es hatte fast den Anschein, dass die Deutschen die Sportart Boris Becker feierten und nicht den Tennissport an sich.

Hier könnt ihr euch das Match in voller Länge anschauen!

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Dienstag
07.07.2015, 08:15 Uhr