tennisnet.com Kolumne

Das verflixte Round-Robin-System – Sinn und Unsinn

von Christian Albrecht Barschel
zuletzt bearbeitet: 30.10.2016, 15:50 Uhr

SINGAPORE - OCTOBER 30: Dominika Cibulkova of Slovakia poses with the trophy after victory in her singles final against Angelique Kerber of Germany during day 8 of the BNP Paribas WTA Finals Singapore at Singapore Sports Hub on October 30, 2016 in S...

Und da ist es wieder passiert! Im zweiten Jahr in Folge gewinnt eine Spielerin die WTA Finals in Singapur mit nur einem Gruppensieg. Nachdem sich im Vorjahr mit Agniezska Radwanska und Petra Kvitova zwei Spielerinnen im Finale gegenübergestanden haben, die in der Gruppenphase nur ein Match gewonnen hatten, holte sich in diesem Jahr Dominika Cibulkova den Titel, obwohl sie fast ausgeschieden war. Dass die Slowakin nun Weltmeisterin ist, hat sie auch ihrer Finalgegnerin Angelique Kerber zu verdanken. Cibulkova brauchte am letzten Gruppenspieltag einen Zweisatzsieg gegen Simona Halep, den sie auch holte, sowie die Schützenhilfe der Deutschen. Madison Keys wäre mit einem Satzgewinn gegen Kerber ins Halbfinale vorgerückt. Doch die Weltranglisten-Erste schlug Keys klar in zwei Sätzen und brachte Cibulkova ins Halbfinale.

Mit zwei Niederlagen zum größten Titel

Das Energiebündel aus Bratislava nutzte die Gunst der Stunde und holte sich ihren größten Karrieretitel, genauso wie Radwanska im Vorjahr. Ein kleiner Beigeschmack bleibt jedoch, wenn man sein größtes Turnier gewinnt, dabei aber zwei Matches verliert. Ein Szenario, dass es bei der ATP-WM bislang noch nicht gegeben hat. Möglich macht es das Round-Robin-System mit zwei Vierer-Gruppen, das beim Saisonfinale bei Damen und Herren zur Anwendung kommt - bei den Herren seit 1986, bei den Damen seit 2003. Solch ein Round-Robin-System hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. Es gibt Spielern, Fans und den Organisatoren Planungssicherheit, da jeder Spieler drei Gruppenspiele hat und eine unglückliche Niederlage nicht automatisch zum Turnier-Knockout führt. Zudem ist dank des Gruppensystems anders als bei K.o.-Turnieren jede Finalkonstellation möglich und sorgt für Würze und Unberechenbarkeit im Turnier, das wegen des Formats auch ein gewisses Alleinstellungsmerkmal hat.

Es gibt aber auch, wie bereits erwähnt, Nachteile beim Round-Robin-System. So kann es einen Turniersieger mit nur einem Sieg in der Gruppenphase geben, so wie im Fall von Cibulkova und Radwanska, aber in der Parallelgruppe ein Spieler mit zwei Gruppensiegen ausscheiden. Zudem führt das System immer dazu, dass spätestens beim letzten Gruppenspieltag der Rechenschieber rausgeholt wird und auch taktiert werden kann. So sind die Spieler, die am letzten Gruppenspieltag die zweite Partie bestreiten im kleinen Vorteil, weil sie genau wissen, was für ein Ergebnis sie brauchen, um ins Halbfinale zu kommen - auch wenn dies im letzten Jahr im Fall von Kerber und in diesem Jahr im Fall von Keys eher zur Verkrampfung führte. Auch wurde das Wertungssystem im Laufe der Jahre oft verändert. Derzeit zählt, wenn zwei Spieler gleich viele Siege haben, der direkte Vergleich, früher war das Satzverhältnis ausschlaggebend. Selbst für den Experten ist das Round-Robin-System manchmal schwer zu durchschauen. Die ATP startete im Jahr 2007 den Versuch, das Round-Robin-System bei ausgewählten Turnieren anzuwenden - und scheiterte damit krachend. Spieler und Fans sprachen sich dagegen aus, sodass das Experiment nach zwei Monaten für beendet erklärt wurde.

Wie wäre es wieder mit einer WM mit 16 Spielerinnen?

Daher wäre es vielleicht wieder an der Zeit, auch das Saisonfinale im K.o.-Modus zu spielen, so wie es früher praktiziert wurde. Das hätte den Vorteil, dass man, wie bei allen Turnieren auch, einen Titelträger hat, der alle Matches gewonnen hat. Das Doppelturnier bei den WTA Finals wird bereits mit acht Teams im K.o.-Modus ausgetragen. Für die Einzelkonkurrenz könnte man zum Turniermodus zurückkehren, den es bis 2002 gab - 16 Spielerinnen qualifizieren sich für das Saisonfinale, sodass es mit dem Achtelfinale losgeht. So könnte eine vollgepackte Turnierwoche aussehen, die Tennis satt bietet: Am Dienstag und Mittwoch gibt es jeweils vier Achtelfinals im Einzel, am Donnerstag und Freitag jeweils zwei Viertelfinals im Einzel und Doppel, am Samstag dann die Halbfinals und am Sonntag der krönende Abschluss mit den Finalpartien.

Ein Saisonfinale mit 16 Spielerinnen würde auch der völlig überflüssigen B-WM, die nächste Woche in Zhuhai ausgetragen wird, ein Ende bereiten. Das Round-Robin-System beim Saisonfinale hat sich zwar etabliert, aber in Stein gemeißelt sollte es nicht sein. Und bei einer Sache sollte die WTA schnell handeln. Es darf keine Weltranglistenpunkte für Niederlagen geben. So bekommen derzeit die Spielerinnen alleine für das Antreten bei den drei Gruppenspielen je 70 Weltranglistenpunkte, das macht 210 Punkte. Zum Vergleich: Für den Finaleinzug bei Turnieren der International-Serie, wie in Nürnberg und Linz, gibt es 180 Weltranglistenpunkte.

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30.10.2016, 15:50 Uhr