Alexander Antonitsch über Filip Misolic: "Dass er nach vorne kommt, ist für mich keine Frage"

Alexander Antonitsch hat mit der Vergabe einer Wildcard an Filip Misolic ein goldenes Händchen bewiesen. Im Interview mit tennisnet.com lässt der Turnierdirektor der Generali Open in Kitzbühel die vergangene Turnierwoche Revue passieren und erklärt, was man vom jungen Steirer in Zukunft erwarten darf. 

von Michael Rothschädl
zuletzt bearbeitet: 01.08.2022, 18:31 Uhr

Alexander Antonitsch blickt auf eine erfolgreiche Woche in Kitzbühel zurück
Alexander Antonitsch blickt auf eine erfolgreiche Woche in Kitzbühel zurück

Herr Antonitsch, sieben Tage Tennisfest in Kitzbühel sind jetzt Geschichte. Wie fällt Ihr Fazit der gesamten Ausgabe aus?

Zur gesamten Ausgabe muss man sagen: großartig. Es war mit die beste Stimmung, die wir hier in Kitzbühel jemals gehabt haben. Der Start war aber ein bisschen holprig für mich, um ehrlich zu sein, auch, wenn man das dann schnell wieder vergisst: Weil wir mit dem Platz Probleme hatten, das dann aber wirklich – dank dem Einsatz von der gesamten Platz-Crew – gut hinbekommen haben, sodass es spielbar war. Er war nicht perfekt – keine Frage – aber er war doch gut spielbar. Und natürlich die Absagen, die brutal weh getan haben: Am Sonntag am späten Nachmittag die Nummer eins und zwei zu verlieren, ist hart. Aber da haben wir eh schon mit der ATP gesprochen, da muss es Regeländerungen geben. Man macht sich jetzt auf die Suche, wie man Turnieren helfen kann, die komplett kalt erwischt werden. Aber alles in allem finde ich, überwiegt das Positive. Die Erfolge der Österreicher von der Qualifikation weg, aber natürlich auch schon davor, dass der Dominic wieder sehr gut gespielt hat in Bastad und Gstaad und auch bei uns ein Viertelfinale erreicht hat. Da hat man schon gesehen, wie sehr er die Leute begeistern kann. Und dann hat fast nahtlos Filip Misolic übernommen.

Inwieweit war Filip Misolic auch ein gewisser Party-Retter für das Turnier in Kitzbüehl nach den schmerzhaften Absagen?

Wir waren schon so gut wie ausverkauft, am Donnerstag, Freitag und Samstag. Aber für die Stimmung und vielleicht das ein oder andere Ticket, das noch dazugekommen ist, war das natürlich gut. Aber mich freut es vor allem für den Burschen. Ich kann mich noch erinnern, als ich ihn kontaktiert habe und ihm gesagt habe, dass er ein Thema ist - wahrscheinlich sogar für das Hauptfeld. Da war er komplett überrascht. Mir hat einfach die Art getaugt. Ich habe ihn ein paar Mal in der Südstadt trainieren gesehen, das ist schon ein Zeiterl her. Ich kenne ihn natürlich, weil meine Tochter ja in der Jugend gespielt hat. Ich glaube, sie hat sogar ein, zwei Mal mit ihm in der Südstadt trainiert. Und mir hat er imponiert, weil er einer der wenigen war, die nicht gejammert haben, wenn sie einen Fehler machen. Eigentlich von dem Moment an, an dem er in Kitzbühel eingetroffen ist, war er super freundlich, super nett. Nicht, dass es ein Vorwurf ist: Er war sogar fast ein bisschen zu nett, als ich ihn gefragt habe, wie der Platz ist. Er war der erste Spieler am Center Court. Auf der anderen Seite hat er natürlich auch so viele Futures gespielt, der hat schon Schlimmeres erlebt wahrscheinlich (lacht). Und dann war für mich beeindruckend, wie der täglich brav trainiert hat, die Chance genutzt hat, sich gut vorbereitet hat. Er hat mir im Vorfeld erzählt, dass er versuchen wird, in Gstaad zu spielen - was er auch gemacht hat. Und es war alles auf Kitzbühel abgestimmt mit dem Lorenz Fink und seinem Team. Das hat sich ausgezahlt. Er hat ein bisschen ein Glück gehabt bei der Auslosung, die er ja mit mir zusammen vorgenommen hat. Auch, wenn du Glück hast, in der Auslosung und du einen Lucky Loser bekommst, der ungefähr in seiner Kragenweite war: Du musst den ja erst besiegen. Da war er am Anfang vielleicht ein bisschen nervös: erstes ATP-Turnier, Auftaktmatch. Aber dann ist das ja eine Geschichte: Gegen Pablo Andujar: Klar, hat dieser viele Doppelfehler gemacht, aber er hat ihn ja auch von der Grundlinie vor Aufgaben gestellt. Das ist ja kein schlechter Sandplatzspieler, der hat immerhin Thiem in Paris oder Federer in Genf auf Sandplatz geschlagen. Und gegen Lajovic: Der Tag war für mich sowieso einzigartig. Also, dass ein Spieler von Satz und 3:5 im zweiten retour kommt - und wie retour kommt - und ihn dann im dritten Satz eigentlich dominiert, das ist schon etwas Besonderes. Das ist ja auch kein schlechter Spieler, der war immerhin auch im Monte-Carlo-Finale. Dann geht er am selben Tag noch einmal raus und beginnt gegen Hanfmann eigentlich unglaublich, dann war er vielleicht platt, kommt dann aber von einem 1:4 in Satz drei zurück mit zwei Breaks: Das zeigt einfach, aus welchem Holz der geschnitzt ist. Ich habe weder bei Satz und 3:5-Rückstand, noch bei 3:1 für ihn im dritten Satz gesehen, dass er übertriebene Emotionen gezeigt hätte. Also, er hypet nicht, wenn er gut spielt und er ist nicht enttäuscht und zeigt jedem, wie schlecht es ihm geht, wenn er einmal hinten ist. Und das dürfte auch eine seiner großen Stärken sein. Vom Tennis her finde ich ihn extrem solide, natürlich ist die Rückhand vielleicht die größere Waffe. Aber er wird sich auch trauen, mit der Vorhand mehr zu machen, mehr in den Platz reinzugehen. Den Aufschlag kann man auf jeden Fall noch verbessern, keine Frage, aber das weiß auch er am besten. Ich finde es auch cool, wenn er nachgeht, dass er einen echt soliden, technisch-sauberen Volley spielt. So gesehen, das sagt er selbst, muss er überall noch arbeiten, aber das weiß er auch. Aber selten habe ich gesehen, dass eine Wildcard so gut ausgenutzt wurde. Wir sind alle mega happy und freuen uns mit ihm.

Die Erfolge schlagen sich natürlich auch in der Weltrangliste nieder, wo Filip Misolic schon weit unter die Top-200 vorgedrungen ist. Wo denken Sie, steht er gerade mit seinem Tennis und wohin wird die Reise gehen in den kommenden Wochen und Monaten?

Ich freue mich, das beobachten zu können. Ich – und wahrscheinlich er selbst auch – kann ihn noch nicht wirklich auf Hartplatz einschätzen. Das sind Schritte, die er jetzt machen wird, er muss einfach rüber in die USA, er muss US Open-Qualifikation spielen. Platz 130, das klingt jetzt super, aber du kommst vielleicht ATP-mäßig einmal in eine Qualifikation rein, bei den Hallenturnieren wird es schon schwer, dass du in die Qualifikation kommst. Du musst dich also wieder auf der Challenger-Ebene beweisen und den nächsten Schub machen, damit du zwischen 70 und 80 stehst, wo du dann realistische Chancen hast, dass du einmal in ein Hauptfeld kommst und fix in den Qualifikationen bist. Und da wird es sich dann entscheiden, wie schnell die Reise geht. Dass er nach vorne kommt, ist für mich keine Frage, wenn er gesund bleibt. Die Frage ist nur, wie schnell.

Sie haben es bereits angesprochen, Hartplatz war in der Vergangenheit nicht immer der Lieblingsbelag von Filip Misolic, das hat er auch selbst nach dem Turnier erklärt. Jetzt steht aber der Wechsel auf Hardcourt an mit Hinblick auf die US Open: Was, denken Sie, braucht es auch spielerisch aus der Sicht von Filip Misolic, um auf diesem Belag erfolgreich Tennis zu spielen?

Es ist schon so, dass du die Court-Position leicht verändern musst, dass du dich nicht so weit zurückfallen lassen kannst, dass du nicht von hinten raus beginnen kannst. Du musst auf Hartplatz schon diktieren, du kannst die Bälle auch leichter früher nehmen, weil der Absprung halt immer gleich ist – im Normalfall. Ich glaube, dass da gerade die aktive, aggressive Beinarbeit und der Willen, nachzugehen, eine Rolle spielen werden. Und natürlich der Aufschlag, der auf Hartplatz schon ein Thema ist. Auf Sandplatz kannst du dir manchmal mit guten Kick-Aufschlägen nach außen oder auf den Körper helfen, auf Hartplatz tun sich die Gegner mit dem Return auf den zweiten Aufschlag leichter. Das wird, das glaube ich schon, ein bisschen eine Umstellung sein. Aber die Schläge, die Technik, die hat er dazu.

Es ist ja nicht selbstverständlich für einen 20-Jährigen, der sein erstes ATP-Turnier spielt, dem ganzen Druck standzuhalten – noch dazu beim Heimturnier. Wie haben Sie Filip Misolic hier hinter den Kulissen erlebt?

Dort, wo ich ihn erlebt habe, war nach dem Sieg über Lajovic. Da war er relativ platt, wie dann die Pause war vor dem Hanfmann-Match. Aber er war eigentlich total entspannt, da hat er zuvor am Platz Red Bull Cola getrunken, weil er gesagt hat: „Ich war einfach leer, ich habe das gebraucht.“ Und das hat ihm dann einen richtigen Schub gegeben. Drinnen haben wir ihm gesagt, dass wir noch warten müssen – er war ja seit halb acht auf der Anlage – und um 10 am Abend haben wir abgesagt. In der Zeit hat er Tischtennis gespielt, ich habe gedacht, ich sehe nicht richtig. Und er war total entspannt. Für mich das Beeindruckendste war aber, wie er das Tiebreak gespielt hat. Wo du wahnsinnig viel Zeit hast, eigentlich die ganze Nacht drüber schlafen kannst, dass du 1:0 im Tiebreak führst, dass die Partie eigentlich schon vorbei war, dass du eigentlich eine Riesenchance hast. Man muss sich einmal überlegen, was diese 150 Punkte für einen solchen Spieler bedeuten: Du bekommst für einen Future-Sieg 10 bzw. 20 Punkte (Anm. Ein Sieg bei einem Future-Turnier der Kategorie 15.000 bringt 10, ein Sieg auf 25.000er-Niveau 20 Punkte), von denen er im vorigen Jahr fünf gewonnen hat (Anm. Misolic gewann zwei 25.000er- und drei 15.000er-Events, kam demnach auf 70 Punkte aus Turniersiegen). Also diese 150 Punkte, die sind ein echter Shortcut in seiner Karriere. Das ist so eine Chance, die er da gehabt hat und dann geht er raus in den Tiebreak, die Hütte ist voll und er macht keinen einzigen Unforced Error. Das ist einfach unglaublich beeindruckend und zeigt halt wieder, wo viele dieser Spiele gewonnen werden: im ersten Stock zwischen den Schultern. Und da ist der Bursche für seine 20 Jahre mega gut aufgestellt.

Zum Abschluss: Es sind derzeit ja ganz besondere Wochen für das österreichische Tennis, wir haben einen U16-Europameister, Filip Misolic zeigt in Kitzbühel groß auf, Dominic Thiem kommt immer besser in Form. Stehen uns erfolgreiche Jahre bevor?

Wir haben ja jetzt schon sehr, sehr erfolgreiche Jahre gehabt, das darf man nicht vergessen. Es war jetzt nur unser Ausnahmespieler verletzt – und der kommt wieder. Wenn er fit bleibt, dann kommt er wieder. Da muss man halt auch sehen, dass es seine Zeit braucht. Und jetzt ist Dominic Thiem eh wieder auf einem super Weg. Dann haben wir Jurij Rodionov, der auch noch nicht allzu alt ist, bei dem es eigentlich für mich auch immer wieder nur eine Frage der Zeit ist, bis er wieder einen Schub macht, bis er konstant genug wird. Ich finde es mega cool, dass da Junge nachpressen. Auch ein Ofi, der nach der Verletzung gezeigt hat, dass er das Niveau hat, um locker unter die besten 100 zu kommen. Gerald Melzer, der ewig lange out war, der auch wieder nach vorne schiebt. Und vielleicht weckt das auch beim Dennis Novak Gefühle, dass er vielleicht noch einmal reinbeißt und nach vorne kommen will. Weil das Talent dazu hat er natürlich. Und bei einem Schwärzler sind das alles super Zeichen, die dorthin weisen. Auch ein Lukas Neumayer, der einen Schub gemacht hat: Das schaut gut aus. Aber der Weg ist natürlich weit. Und wir sollten uns auch nicht täuschen lassen, wir haben zurzeit keinen Spieler unter den besten 100. Da hoffe ich, dass wir möglichst schnell wieder ein paar von den Burschen drinnen haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

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