Sensation im Generationen-Duell – Jürgen Melzer schlägt Dominic Thiem

Österreichs lange Jahre bester nimmt Österreichs derzeit klar besten Spieler raus - und bekommt nun ein Bruder-Duell mit Gerald.

von Manuel Wachta
zuletzt bearbeitet: 20.07.2016, 00:00 Uhr

Gerald Melzer

Wer hätte das gedacht? Nach über zehnmonatiger Zwangspause nach seiner Schulteroperation Ende Novemberbestreitet Jürgen Melzer bei den Generali Open in Kitzbühel sein erstes ATP-Turnier seit den US Open im September 2015 und steht sensationell im Viertelfinale. Und die noch größere Sensation: nach einem Erfolg über den klaren Turnierfavoriten, im Österreicher-Duell mit ShootingstarDominic Thiem . Der 35-jährige Deutsch-Wagramer (ATP 421) schlug den topgesetzten Lichtenwörther (ATP 9), nach imposanter Vorstellung, mit 6:3, 7:5. Dadurch kommt es für den heimischen Routinier, im Kampf um einen Platz in der Vorschlussrunde des ATP-World-Tour-250-Sandplatzevents in den Tiroler Alpen, am Donnerstagnachmittag (live auf ORF SPORT+, auf tennisnet.com in den Livescores ) ausgerechnet zum Duell mit seinem jüngeren Bruder Gerald (ATP 107), der sich zuvor durch ein erstaunlich klares 6:3, 6:1 gegen den starken spanischen Qualifikanten Daniel Gimeno-Traver (ATP 131) das allererste Mal in seiner Karriere ins Viertelfinale eines ATP-Heimturniers gespielt hatte.

"Kommt zu früh"? Mitnichten!

Schon um 13:30 Uhr hatten die Veranstalter vermeldet, dass man erstmals seit den Zeiten von Thomas Muster ausverkauft ist, 5800 Karten waren nach fünf Stunden vergriffen. Die meisten Fans waren fraglos gekommen, um Thiem zu sehen, der sich nach seiner bisher sensationellen Saison unter die besten Zehn der Welt gespielt hat, im immer noch bescheidenen Alter von 22 Jahren. Dass die Veranstaltung in der Gamsstadt bereits nach der ersten Partie ohne ihr großes Zugpferd auskommen muss (zumindest im Einzel), damit hatten nur die Wenigsten gerechnet. Vor drei Jahren hatte sich Thiem einst im bis dato einzigen Aufeinandertreffen der beidenmit 7:5, 6:3 nach 76 Minuten Spielzeit behauptet, dieses Mal wurde es das - in doppelter Hinsicht - gespiegelte Ergebnis in 77 Minuten, obwohl dem gereiften Jungstar indes die Favoritenrolle glasklar zuzuschreiben gewesen war. Was im Tennis aber, von der Tagesverfassung abhängig, möglich sein kann, das durfte man auf dem vollgefüllten Center Court erleben.

Die Zuschauer standen von Anfang an klar hinter Thiem, beiden blieb aber freilich reichlicher Applaus nicht versagt. Dieser konnte in beiden Sätzen lange Zeit sehr ausgeglichen gespendet werden, verlief diese Begegnung doch völlig anders, als man sie erwartet hatte. Einschließlich Melzer selbst, der beim tennisnet.com-Videointerview noch offen zu Protokoll gegeben hatte: "Ich glaube, dass das für mich noch ein bisschen zu früh kommt." Er sollte irren, der Deutsch-Wagramer hielt von Beginn weg voll dagegen. Thiem vergab im dritten Game drei Breakbälle und so eine Möglichkeit, das Spiel schnell in die zu erwartende Richtung zu lenken. Im Finish war es dann plötzlich Melzer, der zuschlug: Der Ex-Weltranglisten-Achte hatte bis dahin bloß zwei Punkte als Rückschläger gewonnen, ehe ihm das den ersten Satz vorentscheidende Break zum 5:3 gelang. Zur allgemeinen Verblüffung des Publikums vermochte der äußerst eklatante Underdog danach auch staubtrocken zur Satzführung auszuservieren.

Die Wende kommt nicht mehr

Klar war: Thiem musste sich deutlich steigern. Die Last der überlegenen Favoritenrolle schien jedoch auf ihm zu lasten und zu hemmen. Die Fans warteten vergeblich auf einen Anstieg der Formkurve. Und als es schon nach einem Tiebreak zur Entscheidung des zweiten Durchgangs und wohl auch in der Partie roch, war es wieder Melzer, der das Heft in die Hand nahm, mutig die Akzente setzte und die zweiten Aufschläge von Thiem zu attackieren probierte. Und damit Erfolg hatte: Mit einem Rückhand-Returnwinner die Linie entlang erspielte er sich bei 5:5 die ersten zwei Breakbälle im zweiten Satz. Und als die zweite Chance saß, wuchs die allgemeine Verblüffung in ungeahnte Höhen. Die Wende sollte nicht mehr kommen, auch nicht durch ein 0:30 im letzten Game, das sich Melzer mit einem Doppelfehler eingebrockt hatte. Schnell zog er sich wieder aus dem drohenden Schlamassel, gewann vier Punkte in Serie - und durfte sich völlig unverhofft feiern lassen, Siegerbussi von Freundin Fabienne Nadarajah inklusive.

Dort, wo Thiem das erste Viertelfinale (2013) und sein erstes Finale auf der ATP-Tour (2014) erreicht hatte, blieb auch der sechste Anlauf auf den Gams-Siegespokal zunächst ohne Erfolg. "Hochachtung vor Jürgen", zollte der 22-Jährige seinem 13 Jahre älteren Bezwinger Respekt, er hat eine super Leistung gebracht", erklärte Thiem gegenüber "ORF SPORT+" überaus fair. "Natürlich war auch einiger Sand in meinem Getriebe. Aber er war einfach zu stark. Ich habe leider viel zu viele Fehler gemacht. Da kann man nichts machen." Klar habe er alles versucht, um ins Match zu finden, "ich habe auch ein paar Chancen gehabt, aber ich habe dann einfach zu viele Fehler gemacht oder er hat starke Bälle gespielt, und da kommt eben so ein Ergebnis zustande." Überrascht über Melzers schon wieder so hohen Level sei er keineswegs gewesen: "Überhaupt nicht. Ich habe sein Davis-Cup-Match gesehen,sein Match gestern , und da hat er schon sehr gut gespielt. Also ich habe gewusst, dass mich ein schwieriges Match erwartet."

Melzer: "Fast perfektes Tennis gespielt"

Seine Enttäuschung ob der so zeitig gescheiterten Titelmission konnte Thiem nicht verhehlen. "Natürlich ist das jetzt bitter. Aber man sieht, wie hoch das Niveau ist, man sieht, wie gut alle spielen können. Und das war sicher nicht mein letztes Kitzbühel-Turnier. Von dem her werde ich es auf alle Fälle wieder versuchen." Trotz der oftmals recht angenehmen Außenseiterrolle, auch für Melzer gibt's Angenehmeres als diese Österreicher-Duelle: "Ich habe gewonnen, das ist das Schöne dran", lächelte der fünffache ATP-Titelträger beim "ORF SPORT+"-Interview. "Klar, als Sportler glaubst du immer an eine gewisse Chance. Heute war sie sehr, sehr gering. Und die habe ich genützt. Ich habe, glaube ich, fast perfektes Tennis gespielt - so wie man es gegen ihn spielen muss. Ich habe es natürlich ausgenützt, dass er hier den ganzen Druck hat." Melzer bekannte: "Für mich wäre es auch okay gewesen, wenn ich zwei und zwei bekommen hätte. Aber so habe ich relativ schnell gemerkt, ‚Okay, da ist was drinnen.'"

Der Spielplan Melzers ging voll auf. "Ich habe dann eigentlich das durchgezogen, was ich mir vorgenommen habe. Zu geil halt, dass es sich auch ausgeht." Seine Hoffnung sei es gewesen, "bei zwei Aufschlagspielen pro Satz dran zu sein und wirklich gute Returns zu spielen, das ist mir gelungen. Und deshalb habe ich die Partie auch gewonnen." Ein wahres Fabel-Comeback, das der Altstar dieser Tage also hinlegt. "Wir haben sehr, sehr gut trainiert." Außerdem helfe es "natürlich, wenn man 35 Jahre alt ist, dass man den einen oder anderen Punkt an Erfahrung mitbringt, vor allem in so Partien wie heute - da hat es mir geholfen. Ich glaube einfach, dass ich noch etwas in mir drinnen habe, das habe ich heute gezeigt." Trotzdem sei es auch für ihn "natürlich ein sehr unerwarteter Sieg - sagen wir es mal so. Ich habe mich heute ein bisschen zurückgemeldet, ich kann noch mitspielen, das war für mich einfach die schönste Erkenntnis", so der in der Weltrangliste nach seiner langen Zwangspause aus den Top 400 Gefallene.

Bruder-Duell: "Werden sehen, wer der Bessere ist"

Mit Thiem könne er gut "mitfühlen. Ich habe selber schon mal, wenn wo ein Turnier auf mich aufgebaut war, in der ersten Runde verloren, wo die Erwartungen einfach riesengroß sind, und er ist 22 Jahre alt. Der ist ja auch keine Maschine. Den Druck hat er heute sicher auch gespürt, denke ich mir halt - vielleicht sagt er ‚nein', ich weiß es nicht. Mir wäre es in seiner Situation wahrscheinlich so gegangen, und das ist normal." Leid täte ihm sein Gegner freilich trotzdem nur recht bedingt. Er verstehe sich mit Thiem gut, aber "ich bin froh, dass ich gewonnen habe, so ehrlich bin ich auch." Dem nun bevorstehenden Duell der Geschwister näherte sich Melzer sehr pragmatisch: "Das Schönste ist, dass einer von uns beiden im Halbfinale steht. Wir haben letztes Jahr in Wimbledon gegeneinander gespielt. Und das war wahrscheinlich der schirchste Tennis-Tag in meiner Karriere. Das ist ein Fight, eins gegen eins, den muss man angehen, und dann werden wir sehen, wer der Bessere ist."

von Manuel Wachta

Mittwoch
20.07.2016, 00:00 Uhr