ATP Halle: Roger Federers zarter Tadel für den Turnierchef

Roger Federer und das ATP-500-Turnier in Halle/Westfalen - das ist eine ganz besondere Geschichte.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 18.06.2019, 12:54 Uhr

Neun Titel hat Roger Federer in Halle schon gewonnen
Neun Titel hat Roger Federer in Halle schon gewonnen

Roger Federer hatte gerade noch launig ein paar Juniorenspieler des Schweizer Nationalteams begrüßt, als er an einem eher grauen Frühlingstag in Zürich dann vergnügt einer kleinen Pflichtaufgabe nachkam. Federer stellte sich für eine Videobotschaft in Position, er gab dem Kameramann sogar noch ein wenig Nachhilfe, wie man den Dreh am besten inszenieren könne – und dann grüßte er beschwingt die Tennisgemeinde in Halle und, scheinbar leicht verärgert, den Turnierdirektor Ralf Weber. „Du machst es mir jedes Jahr schwerer, zu gewinnen“, erklärte Federer, unernst und grinsend, „das Teilnehmerfeld wird immer stärker.“ Federer plauderte weiter munter drauflos, bis er zum guten offiziellen Schluss sagte: „Ich freue mich mächtig, wieder dabei zu sein.“ Als die Kamera ausgeschaltet war, setzte er noch hinzu: „Halle, es ist etwas ganz Besonderes für mich. Nicht irgendein Turnier. Dort bin ich Teil der Familie.“

Federer kommt seit einer kleinen Ewigkeit in die ostwestfälische Provinz, schon in seinen Juniorenjahren wurden die entscheidenden Kontakte zwischen ihm und den Veranstalterfamilien Weber und Hardieck geknüpft. Federer ist nicht nur der Rekordchampion mit inzwischen neun Titeln, sondern auch der Rekordteilnehmer, vom 15. bis 23. Juni geht er zum 17. Mal an den Start. „Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich früher mit dem Auto aus der Schweiz nach Halle fuhr“, sagt Federer, „es war schon immer ungewöhnlich, dass an diesem Ort ein so großartiges Turnier stattfand.“

Federer findet in Halle auch Entspannung

Federer ist gewachsen, sehr sogar, er ist einer der größten Sportler dieser Zeit, auf der Zielgeraden seiner Laufbahn wird der 37-jährige Großmeister fast kultartig verehrt. Längst reist er nicht mehr mit seinem Privatwagen an, sondern mit dem Privatjet – samt seines mehr oder minder großen Begleittrosses, dem Team Federer. „Halle“, sagt Federer, „ist bei allem Wettkampfdruck auch stets eine Entspannung. Ein Turnier, das man genießt, weil es abseits der großen Metropolen stattfindet.“ Inzwischen liebe er gerade die kleineren und mittelgroßen Schauplätze wegen ihrer Intimität, so der Maestro, „hier bin ich nahe an den Menschen dran. An den Fans. Auch am Management des Turniers, an denen, die das alles möglich machen.“

Seinen 17. Start interpretiert Federer, ohne dass man ihm die Worte in den Mund legen müsste, auch als „Ausdruck der Verbundenheit“ zu den Machern in Ostwestfalen. Er sagt es natürlich nicht ohne Bedacht, ihm sind die Vorgänge rund um den langjährigen Titelsponsor, die Gerry Weber AG, nicht verborgen geblieben. Das Turnier stehe für eine der „großen Aufbaugeschichten im Tennis“, sagt der Schweizer, „es gibt sicher niemanden in der Szene, der sich nicht wünscht, dass es weitergeht mit dem Turnier.“ Er habe sich anfangs „Sorgen gemacht“, so Federer, sei nun aber froh, „dass die Zukunft gesichert ist.“ Er werde helfen, „wo immer ich kann“, sagt Federer, der ja vor langer Zeit schon einen „Lifetime Contract“ unterschrieb, der ihn bis zu seinem Karriereende an das Turnier in Ostwestfalen band.

Mentor-Rolle für Alexander Zverev

Federer ist selbstverständlich wieder der erste Anwärter auf den Pokal bei den Rasen-Festspielen, an ihm führt kein Weg vorbei auf den Thron in Halle. Er könnte zum ersten Mal überhaupt ein Turnier zum zehnten Mal gewinnen, wenn er am 23. Juni als Finalsieger der Ausscheidungsspiele übrig bleibt. Aber diese Konstellation gab es auch schon im letzten Jahr, damals war dann eine überraschende Schlußpointe mit dem kroatischen Gewinner Borna Coric zu sehen, einem Spieler aus der sogenannten Next-Gen-Truppe. Also den jungen Wilden, die Federer und Co. ablösen wollen, aber eben nur sehr selektiv gegen die Dominanz der starken Alten erfolgreich sind. Auch 2019, auch in Halle, wird es allerdings eins der beherrschenden Turnier-Motive sein, dieser Kampf der Generationen, zwischen langjährigem Establishment und Young Guns. Zu denen, klar, auch Alexander Zverev zählt, der deutsche Topspieler, der stolze ATP-Weltmeister der Vorsaison.

Federer war in den letzten Monaten, sogar Jahren immer mal wieder eine Art Mentor für den gebürtigen Hamburger. Er gab Ratschläge, Tipps, war sogar ein Neben-Trainer, als Zverev beim von Federer mitinitiierten Laver Cup aufschlug. Der 20-malige Grand-Slam-Sieger hat natürlich mitverfolgt, in welche Schwierigkeiten Zverev zuletzt geriet, sportlich, aber auch privat, beispielsweise mit dem Rechtsstreit gegen Manager Patricio Apey. Aber er hat Zverev auch animiert, in der Krise nicht in Resignation zu verfallen, sondern auch eine Chance in alledem zu sehen: „Er muss und kann sich jetzt selbst helfen. Wenn er das meistert, wird er stärker aus der Situation herauskommen. Das ist auch so etwas, um Mentalität zu gewinnen, das Ego aufzubauen.“ Zverev (22) ist längst auch schon ein vertrautes Gesicht in Halle, zwei Mal stand er im Finale, verlor aber sowohl gegen Florian Mayer wie auch gegen Federer. Geschlagen hat er den Maestro aber auch schon einmal in Halle. Gibt es nun ein Wiedersehen, im Turnierverlauf, im Endspiel?

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