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Australian Open: Aslan Karatsev - Das moderne Märchen des russischen Nobodies

Aslan Karatsev hat es als erster Debüttant bei einem Grand-Slam-Turnier bis in das Halbfinale geschafft. Dort allerdings wartet am Donnerstag um 09:30 Uhr MEZ (live bei ServusTV in Österreich, bei Eurosport und in unserem Live-Ticker) mit Titelverteidiger Novak Djokovic der große Turnierfavorit.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 17.02.2021, 21:16 Uhr

Aslan Karatsev steht vor dem größten Match seiner Karriere
© Getty Images
Aslan Karatsev steht vor dem größten Match seiner Karriere

Auf seiner Abenteuerreise durch die Welt des Tennisgeschäfts war Aslan Karatsev zwischendurch auch mal für längere Zeit im ostwestfälischen Halle gelandet. Und während Fans, Medien und selbst mancher Profikollege sich gerade staunend fragen, wer dieser Karatsev denn eigentlich sei, der Sensations-Halbfinalist der Australian Open, ist man im deutschen „Klein-Wimbledon“ schon etwas weiter. „Ein stoischer, ruhiger, sehr witziger Typ mit viel Talent“, so beschreibt Thorsten Liebich, der Teammanager des langjährigen Bundesligisten Blau-Weiß Halle, seinen früheren Schützling, „Aslan wollte schon immer hoch hinaus, mit den Besten spielen.“ Aber dass ihm „so ein Ding“ wie jetzt in Melbourne gelingen könnte, sei doch „schwer vorstellbar“ gewesen, sagt Liebich über den 27-jährigen Moskowiter, den sie in der Bundesliga-Mannschaft und im Breakpoint-Team der Familie Weber gern „Brummbär“ nannten.

Karatsev, unter seinen Mitstreitern für verzehrenden Ehrgeiz genau so bekannt wie für seinen „lakonischen Humor“ (Liebich), hat in Melbourne nichts weniger geschafft als die Grand Slam-Welt binnen zehn Tagen auf den Kopf zu stellen – mit dem Vorstoß als erster Debütant ins elitäre Halbfinale eines der absoluten Topwettbewerbe. Viele Jahre gondelte er unbekannt und unerkannt über die unglamourösen Spielfelder der Zweiten und Dritten Liga des Wanderzirkus – und nun grüßt er auf einmal als einer von nur noch vier Spielern, die um die erste Major-Trophäe der Saison 2021 in Melbourne kämpfen. Seine nächste Aufgabe könnte schwerer und reizvoller nicht sein, sein Duell am Donnerstagmittag gegen den Weltranglisten-Ersten und achtmaligen Turnier-Champion Novak Djokovic, doch Karatsev will das Allerbeste aus dem prominentesten Auftritt seines Lebens machen: „Ich gehe ohne Furcht raus auf den Centre Court“, sagt er. Das sei auch tatsächlich die Attitüde des russischen Nobodies, sagt der frühere Weggefährte und Chef in Halle, Liebich: „Er hatte keine Angst vor niemandem. Er spielte am besten gegen die Besten.“

Karatsev qualifiziert sich in Doha

Viel ist Karatsev in seinem Leben und in seiner Tennis Karriere umhergezogen, gemeinsam mit den Eltern von Russland nach Israel und retour. Später dann, als aufstrebendes sportliches Talent, ins deutsche Halle, nach Barcelona, dann in die Hauptstadt von Belarus, Minsk. Ein Leben auf gepackten Koffern sei es „irgendwie die ganze Zeit“ gewesen, erst spät habe er in Minsk eine Wahl-Heimat für seinen Beruf gefunden, sagt Karatsev. Im vergangenen, herausfordernden Corona-Jahr hatte er auf der Challenger-Tour mit starken Resultaten auf sich aufmerksam gemacht und sich so auch die Chance für die Qualifikationsmatches zu den Australian Open erkämpft. Anfang des Jahres glückte ihm dann tatsächlich auch die erfolgreiche Bewerbung für den ersten Grand Slam seines Lebens, nicht in Australien selbst, sondern in der katarischen Hauptstadt Doha. „Es war schon ein Meilenstein für mich“, sagt Karatsev, „danach bin ich mit Riesenehrgeiz nach Melbourne gefahren.“

Am vergangenen Freitag hätte sein Grand-Slam-Lauf eigentlich mit dem Spiel gegen den argentinischen Flitzer Diego Schwartzman enden müssen, die Nummer 8 der Setzliste – doch als abgerechnet war in der Melbourne Arena, stand ein fantastischer, leicht unwirklicher 6:3, 6:3, 6:3-Sieg des Qualifikanten und Major-Neulings zu Buche. „Weltklasse“ sei das gewesen, lobte Schwartzman hinterher den tüchtigen Außenseiter, „ich hatte keine Chance.“ 

Comeback gegen Auger-Aliassime

Es wurde allerdings noch viel besser für Karatsev, der zwei Tage später, am Sonntag, einen 0:2-Satzrückstand gegen den hochgehandelten Kanadier Felix Auger-Aliassime (ATP 20) noch in einen denkwürdigen Triumph verwandelte. Schließlich hatte Karatsev, der bemerkenswerte Spätzünder, auch noch Glück: Im Viertelfinale profitierte er gegen den früheren ATP-Weltmeister Grigor Dimitrov von schweren Verletzungsproblemen des Bulgaren. Dennoch: Seine Geschichte, die Geschichte des namenlosen Halbfinalisten Karatsev, wirkte wie ein modernes Tennis-Märchen, in einer Zeit, in der solche Coups kaum noch möglich schienen.

Gewonnen hat er in Melbourne nun schon mehr, als er sich je zu träumen gewagt hätte. Nach dem Turnier wird er mindestens auf Platz 42 der Hackordnung vorrücken, eine ganze Saison lang steht er damit auch sicher in den Hauptfeldern aller relevanten Wettbewerbe. Die harten Qualifikationsmühen sind erstmal Geschichte. Und noch ist Karatsevs Mission ja nicht vorüber. Welche Chancen er gegen Djokovic habe, wurde er ein ums andere Mal gefragt. Seine Antwort kam trocken: „Jedes Match muss erst mal gespielt werden. Es kann viel passieren, sehr viel.“

Hier das Einzel-Tableau bei den Männern

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