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Australian Open: Rafael Nadal -Das phänomenale Comeback geht in eine weitere Runde

Damit hat Rafael Nadal wohl selbst nicht so ganz gerechnet: Die spanische Legende steht nach einem Fünf-Satz-Erfolg gegen Denis Shapovalov im Halbfinale der Australian Open 2022. Dabei hat Nadal vor ein paar Wochen noch daran gezweifelt, ob er überhaupt wieder Turniertennis würde spielen können.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 25.01.2022, 15:16 Uhr

© Getty Images
erfindet sich immer wieder neu- Rafael Nadal

Es war zu Beginn des fünften Satzes, als Rafael Nadal eher wie ein angezählter Schwergewichtsboxer in der Rod Laver-Arena umher taumelte. Gerade hatte der Matador den bitteren 2:2-Satzausgleich gegen seinen jungen Herausforderer Denis Shapovalov (Kanada) hinnehmen müssen, er litt unter heftigen Magenschmerzen, er wirkte erschöpft, matt und müde, die Strapazen eines schon langen Australian Open-Tages schienen selbst für den größten Kämpfer der Tennisgeschichte zu groß. Aber als dann nach vier Stunden und acht Minuten auf dem Centre Court abgerechnet war, ging das sagenhafte Comeback des bulligen Mallorquiners in die heiße Verlängerung – 6:3, 6:4, 4:6, 3:6 und 6:3 lautete schwarz auf weiß die Schlußbilanz für den Mann, der nie aufhört zu fighten. Und der, ganz Phänomen der Open, nie aufhört, unerschütterlich an sich und seine Chance zu glauben. Leichtes Pathos schwang mit, als der verblüffende Halbfinalist Nadal noch am Schauplatz seiner letzten famosen Energieleistung dann diese Worte sprach: „Es ist ein Geschenk des Lebens, wieder Tennis spielen zu können.“

Und damit blieb auch eine Einschätzung intakt, die der zweimalige Australian Open-Sieger und TV-Experte Boris Becker bereits in der Startphase des Turniers geäußert hatte. Wer Nadal, den 35-jährigen Altmeister, nicht auf seiner Titelliste habe, so Becker, „der versteht nichts vom Tennis.“ Becker sagte es, obwohl dieser Pokallauf des „Kannibalen“ (L´Equipe) alles andere als eine selbstverständliche Angelegenheit ist. Denn Nadal bastelt in den ersten Tagen des Jahres 2022 ja am werweißwievielten Comeback seiner legendären, allerdings auch von steten Verletzungssorgen begleiteten Karriere. Im August hatte der bullige Mallorquiner die ohnehin schon holprige Saison 2021 für bendet erklärt, eine komplizierte Fußverletzung zwang ihn damals zum Rückzug. 

Nadal mit Comeback in Abu Dhabi

Rücktrittspekulationen machten in den Monaten von Nadals Abwesenheit die Runde, doch kurz vor Weihnachten kehrte er für ein Showturnier in Abu Dhabi zurück ins Geschäft. Er fing sich dort, in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, dann eine Corona-Infektion ein, litt einige Tage „ziemlich heftig“ unter der Viruserkrankung – aber zum Start der neuen Spielserie meldete er sich schließlich pünktlich und zum Aufschlag bereit an der Grundlinie ein. „Rafa is back“, jubelte Melbournes „Herald Sun“, als der schier unverwüstliche Spanier auf den Spielfeldern des National Tennis Centers gesichtet wurde.

Beim Auftakt-Grand-Slam im Tourbetrieb ist und bleibt er nun der einzige aktive Pokalgewinner im Wettbewerb. Roger Federer, sein ewiger Kontrahent und Freund, ist nach mehreren Knieoperationen daheim in der Schweiz zum Zuschauen verurteilt, eine Rückkehr ins Tennisgeschäft erscheint ungewiss. Novak Djokovics Schicksal ist hinlänglich bekannt, der neunmalige Melbourne-Champion war zwar in Australien, aber nicht geduldet von den Autoritäten. Und auch Stan Wawrinka, der Sensationssieger des Jahres 2014, wirkt nicht mit bei den laufenden Grand Slam-Festspielen, er steht verletzt an der Seitenlinie, die Schweizer Presse nannte ihn unlängst ein „Phantom.“ 

Am Freitag gegen Berrettini

Bleibt also Nadal, der sich als einziger der Altvorderen und Mega-Stars mit den Jüngeren und Jüngsten herumschlägt – und eben auch mit seinem Körper, der ihm ständig „gewisse Schmerzen“ bereitet. „Ich lebe in meiner ganzen Laufbahn mit Schmerzen“, sagt Nadal, „ich habe gelernt, damit zu leben. Aber hart ist es schon manchmal.“ Noch härter allerdings ist es für jeden anderen, seinen Willen zu brechen, diese schier unerschütterliche Mentalität, weiter und immer weiter zu kämpfen. Fast symbolisch wirkte das Bild, wie der entgeisterte Zverev-Bezwinger Shapovalov – zwölf Jahre jünger als Nadal – nach dem Matchball seinen Schläger zerhackte. Ein gebrochener, verzweifelter Rivale, gescheitert am eisernen Großmeister Nadal. Schon im zweiten Satz hatte Shapovalov Nerven gezeigt, als er vergeblich monierte, Nadal brauche zu viel Zeit, um sich für einen Return bereit zustellen – er pflaumte dann in Richtung der Schiedsrichterin: „Ihr seid alle korrupt.“

Einmal hat Nadal die Australian Open gewonnen, 2009 in einem dramatischen Fünf-Satz-Finale gegen Dauerrivale Federer. Was vor ein paar Wochen noch utopisch schien, könnte nun in Melbourne oder auch später im Saisonverlauf Wirklichkeit werden – nämlich dass der wieder genesene Nadal als erster der Großen Drei den 21. Grand-Slam-Titel gewinnt und damit Djokovic und Federer (derzeit wie Nadal 20) auf die Plätze verweist. Djokovic stünde möglicherweise ohne Impfung bei den kommenden Grand Slams vor verschlossener Tür, Federers Perspektive ist düster.

Zwei Siege braucht Nadal noch für den wohl unwahrscheinlichsten Titelgewinn seiner Laufbahn. Die Pause bis zum Halbfinalmatch gegen Matteo Berrettini am Freitag kann der 35-jährige gut gebrauchen. Zum Thema seiner irgendwie unerschöpflichen Power hatte Nadal schon früher im Turnier eine legendäre Konversation gehabt. Als ihn Ex-Champion Jim Courier in einem Interview nach den Gründen für seine Fitness fragte, returnierte Nadal kurz: „Ich spiele Golf.“ Couriers fragender, zweifelnder Blick sorgte sodann für einen wunderlichen Nachsatz des Matadors: „Ich bin kein Typ für den Fitness- oder Kraftraum.“

Hier das Einzel-Tableau in Melbourne

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