Benito Sanchez Martinez: "Ich bin gerade dabei, mein Spiel zu finden"

Benito Sanchez Martinez sorgte bei den Schwaben Open by Great2Stay für Furore. Der Berliner kämpfte sich erneut erfolgreich durch die Qualifikation und erreichte nach starken Auftritten erstmals in seiner Karriere das Halbfinale eines ATP-Challenger-Turniers. 

Im Interview mit Tennisnet spricht der 24-Jährige über seine Rückkehr auf die Profitour, seine vier Jahre am College in den Vereinigten Staaten, die Bundesliga als Sprungbrett und seine Ziele für die kommenden Jahre.

von Florian Heer aus Augsburg
zuletzt bearbeitet: 29.08.2026, 11:32 Uhr

Benito Sanchez Martinez verlor erst im Halbfinale
© Moritz Pajonk
Benito Sanchez Martinez verlor erst im Halbfinale

Benito, zurück in Augsburg: Du hast hier bereits im vergangenen Jahr einen guten Lauf gehabt und dich jetzt erneut ins Hauptfeld gespielt. Wie gefällt es dir hier und welche Eindrücke hast du vom Turnier?

Ich habe es jedes Mal, wenn ich hier gespielt habe, geschafft, mich ins Hauptfeld durchzuspielen. Das ist super für mich und gleichzeitig ein guter Start ins Turnier. Man geht nicht kalt in das erste Match, sondern kommt mit einem gewissen Stück Selbstvertrauen hinein. Ich weiß, dass ich bereits zwei gute Matches absolviert habe.

Außerdem fühle ich mich hier einfach wohl. Das wusste ich schon vorher und deshalb habe ich mich auch darauf gefreut. Ich fühle mich auf der Anlage wohl, das war beim Doppel im vergangenen Jahr genauso. Ich hoffe natürlich, dass es dieses Jahr wieder so läuft.

Auch Augsburg als Stadt gefällt mir sehr gut. Das ist eine Atmosphäre, in der ich mich wohlfühle. Das Wetter spielt bisher ebenfalls mit. Hoffentlich bleibt es so für den Rest der Woche.

Im vergangenen Jahr haben Daniel Masur und du hier den Doppeltitel gewonnen. Hattet ihr überhaupt Zeit, den Erfolg zu feiern?

Gar nicht, ehrlich gesagt. Ich konnte das Turnier damals überhaupt nur spielen, weil ich meinen Trainer – ich war zu der Zeit noch in den Vereinigten Staaten und habe dort studiert – angerufen habe. Ich meinte, dass ich eine Wildcard für das Doppel-Hauptfeld bekommen hätte. Ich habe gesagt: „Ich komme eine Woche später, ist das in Ordnung?“ Er meinte: „Ja klar, spiel einfach und komm, wenn du fertig bist. Aber spätestens Sonntag musst du da sein.“

Dann rückte der Sonntag immer näher, aber wir waren noch im Turnier. Schließlich standen wir im Finale. Am Samstag haben wir das Turnier gewonnen und am nächsten Tag bin ich wieder abgereist.

Daniel ist ebenfalls direkt zum nächsten Turnier gefahren. Danach haben wir uns erstmal lange Zeit nicht gesehen – eigentlich bis Mai oder Juni dieses Jahres.

Du hast in dieser Saison viel Bundesliga gespielt und bist erst im Juni wieder regelmäßig auf der Tour eingestiegen. Wie sehr hat dir die Bundesliga geholfen, deinen Rhythmus wiederzufinden?

Gerade für mich, weil ich aus dem College zurückkam, war die Bundesliga ein gutes Sprungbrett in die Sommersaison, auch auf Sand.

Man bekommt viele Matches, ohne den Druck zu haben: „Ich muss jetzt gewinnen, sonst ist meine Woche wieder vorbei.“ Man steht sonst ein bisschen zwischen den Stühlen und weiß nicht genau, was man machen soll – weiter trainieren, an einem Ort bleiben oder direkt zum nächsten Turnier fahren.

In der Bundesliga hast du meistens Freitag und Sonntag deine Matches. Danach trainierst du bis Freitag und hast wieder Matches. Das ist ein bisschen ähnlich wie im College, für mich aber eben auf Sand.

Ich hatte jetzt viele, vor allem gute Matches. In der ersten Bundesliga habe ich überwiegend an Position drei oder vier gespielt, aber selbst dort hast du sehr starke Gegner. Das bietet natürlich eine gute Grundlage, um sich jetzt bei einem Challenger-Turnier wie hier in Augsburg auf diesem Niveau wohlzufühlen.

Es ist nicht so, dass ich denke: „Wow, dieses Niveau überrumpelt mich.“ Die Spieler sind natürlich sehr gut, aber ich habe das Gefühl, dass ich diesen Standard kenne und mich auf diesem Niveau messen kann.

Du hast gerade das College angesprochen. Was hat letztlich den Ausschlag gegeben, in die USA zu gehen und dort College-Tennis zu spielen?

Prinzipiell war ich früher erstmal dagegen. Für mich war klar: Ich möchte mein Abitur machen. Ein zweites Standbein braucht man meiner Meinung nach schon. Das ist wichtig.

Ich habe an einer Sportschule in Hannover viele Sportler erlebt, auch Fußballer von Hannover 96 und anderen Vereinen. Da sieht man teilweise, dass sie die Schule nur so weit machen, wie es unbedingt notwendig ist, und sich danach voll auf den Sport konzentrieren.

Aber man weiß nie, was passiert. Eine Verletzung kann einen aus dem Sport herausreißen und plötzlich kann man nicht mehr auf dem Niveau spielen, auf dem man eigentlich spielen möchte oder müsste, um Profi zu sein.

Dann stellt sich die Frage: Was macht man, wenn man nichts Akademisches hat? Ich hatte zumindest mein Abitur und konnte damit studieren. Jetzt habe ich auch einen Bachelor.

Ich könnte also problemlos einen Master machen oder auch einfacher eine Arbeit finden. Dadurch habe ich keinen Druck. Ich weiß: Ich kann jetzt alles geben. Wenn ich es schaffe, ist es super. Und wenn nicht, ist es natürlich schade, aber ich kann trotzdem weitermachen.

Wie entscheidet man sich dann für ein College? Gab es mehrere Optionen und welche Rolle spielten Förderprogramme?

Ich war, wie gesagt, zunächst gar nicht am College interessiert. Ich wollte eigentlich mein Abitur machen und danach Tennis spielen. Deshalb habe ich leider auch viele Anfragen von Universitäten ignoriert oder gesagt: „Nein, ich möchte nicht spielen. Danke für die Einladung.“

Die Universitäten kommen teilweise direkt auf die Spieler zu. Gerade wenn man international bei den Junioren viel spielt und gute Ergebnisse erzielt, kommt man relativ schnell in den Bereich von Spielern, die für Universitäten interessant sind.

Mittlerweile machen das viel mehr Spieler als früher, weil das Niveau im College-Tennis sehr stark ist. Die besten Spieler an den Colleges haben teilweise ein Top-300- oder Top-400-Niveau und auch die Qualität dafür.

Letztendlich spielen auch persönliche Präferenzen eine Rolle. Man führt Gespräche, telefoniert und kann teilweise auch offizielle Besuche machen. Dann schaut man sich die Einrichtungen an, wie das Training aufgebaut ist und welche Möglichkeiten man dort hat.

Für mich war es ein relativ kurzer Prozess, weil ich mich sehr kurzfristig für das College entschieden habe. Deshalb hatte ich nicht mehr so viele Auswahlmöglichkeiten – vor allem, weil ich vorher allen gesagt hatte, dass ich nicht interessiert bin.

Zum Glück hatte ich noch die Möglichkeit, mit zwei oder drei Universitäten zu sprechen. Am Ende bin ich dann zu Mississippi State gegangen.

Ist ein Master noch eine Option oder steht jetzt erstmal die Profitour im Mittelpunkt?

Erstmal würde ich gerne ein oder zwei Jahre Profitour spielen.

Wenn ich merke, dass es nicht so vorankommt, wie ich möchte, und sich vielleicht irgendwann abzeichnet, dass es nicht mehr weitergeht, wäre ein Fernstudium eine Option. Oder wenn ich sage, dass ich das Profitennis wirklich beende, könnte ich auch noch einmal richtig an die Universität gehen.

Also ja, absolut ist das eine Option. Aber von meinem jetzigen Standpunkt aus eher nicht.

Die Zielsetzung lautet also zunächst Profitour. Wie sieht deine Struktur dafür aus? Du kommst aus Berlin und hast dort deine Base und deine Trainer.

Ich musste für mich erstmal meine eigene Struktur finden. Ich habe meinen Trainer und natürlich auch meine Vereinstrainer beim SCC Berlin. Die unterstützen mich immer, gerade wenn ich zwischen zwei Turnieren Zeit überbrücken muss. Dort kann ich jederzeit trainieren.

Zusätzlich habe ich einen Privattrainer und einen Fitnesstrainer, mit denen ich arbeite. Das musste ich jetzt Stück für Stück aufbauen.

Jetzt geht es erstmal darum, diese Struktur auszuprobieren und zu schauen, wie es läuft. Wenn ich merke, dass sie gut funktioniert und mir gefällt, behalte ich sie natürlich bei. Wenn ich merke, dass ich noch etwas nachjustieren muss – vielleicht beim Training oder bei der Anlage –, muss ich entsprechend reagieren.

Jetzt ist die Bundesliga vorbei und ich fange wirklich an, Turniere zu spielen. Meine Base ist aktuell Berlin und von dort aus werde ich operieren.

Wird dich dein Trainer auch zu Turnieren begleiten?

In Deutschland auf jeden Fall. Europaweit muss ich schauen. Wenn ich bei kleineren Turnieren spiele, ist es für mich momentan noch nicht so wichtig, dass er unbedingt dabei ist. Ich habe schon sehr viele Matches selbst gespielt.

Wenn ich aber bei größeren Events spiele, ist es natürlich etwas anderes. In Halle beim ATP 500 war er dabei, und auch in Braunschweig hat er zugeschaut.

Bei solchen Turnieren ist es wichtig, dass er das höhere Niveau selbst sieht. Dann kann man erkennen: Was braucht man, um auf diesem nächsten Niveau zu spielen? Was sind die Qualitäten dieser Spieler? Wenn mein Trainer das selbst sieht, können wir danach natürlich besser daran arbeiten.

Wie würdest du deinen eigenen Spielstil beschreiben und woran musst du noch arbeiten?

Ich denke, prinzipiell ist mein Spiel relativ ausgeglichen. Wenn ich möchte, kann ich schnell und flach spielen und nah an der Linie stehen. Das ist etwas, was ich auch aus den vier Jahren am College mitgenommen habe.

Gleichzeitig versuche ich, mehr über längere Ballwechsel zu gehen, mit mehr Spin und mehr Höhe über das Netz, und den Punkt nicht zu schnell erzwingen zu wollen.

Ich kann auch ausdauernd spielen. Ich denke, ich habe eine ganz gute Basis, was das angeht. Ich kann lange spielen und habe auch die mentale Stärke dafür.

Im Endeffekt geht es eher darum, das gute Tennis, das man manchmal spielt – wenn man sagt: „Heute habe ich richtig, richtig gut gespielt“ – jeden Tag abrufen zu können.

Es geht nicht darum, dieses Niveau nur einmal zu erreichen. Man muss versuchen, so konstant wie möglich zu spielen – nicht nur über ein Turnier, sondern über drei Monate, eine ganze Saison, ein Jahr und letztlich über mehrere Jahre.

Das ist der Unterschied, der einen guten Spieler von einem exzellenten Spieler unterscheidet.

Ich bin gerade dabei, mein Spiel zu finden und mir zu überlegen: Das möchte ich erreichen, das ist mein Orientierungspunkt, so gut möchte ich spielen.

Ich hatte in der Bundesliga einige Matches, in denen ich dieses Niveau erreicht habe. Jetzt muss ich daran arbeiten, es konstant abrufen zu können.

Gibt es ein konkretes Ziel für deine Weltranglistenposition?

Auf jeden Fall. Mein Ziel ist jetzt erstmal, wieder regelmäßig Turniere zu spielen. Ich war in Amerika und habe jahrelang kaum Turniere gespielt.

In den nächsten zwei Jahren ist mein Ziel, unter die Top 400 zu kommen. Ich denke, das ist realistisch.

Es ist nicht so, dass ich sage: „Ich möchte direkt Top 200 sein.“ Natürlich kann man sich dieses Ziel setzen, und es wäre schön, aber ich möchte es für mich realistisch halten. Ich möchte meinen Anspruch nicht so hoch setzen, dass ich am Ende enttäuscht bin, wenn ich das Ziel nicht erreiche.

Top 400 ist für mich ein realistisches Ziel.

Du hast einen internationalen familiären Hintergrund. Dein Vater kommt aus Kuba. Wie ist diese Internationalität in deiner Familie entstanden?

Mein Vater ist Kubaner. Er ist relativ jung mit seiner gesamten Familie nach Deutschland, damals nach Ostdeutschland, ausgewandert.

Von mütterlicher Seite ist alles deutsch. Meine Mutter kommt aus Berlin. Mein Vater ist später nach Berlin gezogen und hat dort meine Mutter kennengelernt.

Warst du selbst schon einmal in Kuba?

Da war ich acht Monate alt. Aber ich hatte bisher keine Möglichkeit, noch einmal zurückzukehren. Es ist ein relativ weiter Weg. Das ist nicht so, dass man mal eben einen Ryanair-Flug nehmen und für ein paar Euro rüberfliegen kann.

Aber es steht auf jeden Fall noch auf meiner Liste. Ich würde sehr gerne einmal hin. Am schönsten wäre es natürlich mit meiner Familie, um meinem Vater auch zu zeigen, wo er aufgewachsen ist und wo er gelebt hat. Und natürlich auch, um die Kultur kennenzulernen.

Du hast erzählt, dass dir deine Familie Spanisch nicht unbedingt aktiv beigebracht hat. Kommst du trotzdem mit der Sprache zurecht?

Ja, natürlich. Ich bin damit aufgewachsen. Bei meinem Vater wurde zu Hause viel Spanisch gesprochen und ein großer Teil seiner Familie lebt in Spanien.

Ich habe die Sprache also schon immer gehört. Aktiv sprechen habe ich allerdings nie richtig gelernt. Ich verstehe aber sehr viel und würde mich auf jeden Fall zurechtfinden.

Was machst du abseits des Tennis? Was sind deine Hobbys?

Ich höre sehr gerne Musik und habe eine relativ große Vorliebe dafür.

Welche Musik hörst du?

Sehr viel Verschiedenes. Das hängt davon ab, in welcher Stimmung ich bin. Ich mag Jazz und Klassik, aber auch House und Techno. Außerdem höre ich gerne Rock.

Wenn ich die Zeit dafür habe, spiele ich auch gerne Videospiele. Ansonsten verbringe ich gerne Zeit mit meiner Freundin. Sie ist hier in Augsburg mit unserem Hund.

Bist du während einer Turnierwoche jemand, der gerne die Städte erkundet, oder bist du eher Hotel und Tennisanlage?

Schon gerne. Vor allem, wenn ich mit meiner Freundin unterwegs bin, erkunde ich gerne gemeinsam mit ihr die Stadt. Es ist schön, wenn man solche Erfahrungen mit jemandem teilen kann.

Wenn ich alleine bin und der Ort mich nicht besonders reizt, sieht es eher so aus: Turnier, Anlage und Hotel – und vielleicht gelegentlich noch zum Supermarkt.

Ansonsten erkunde ich die Städte aber gerne. Das habe ich auch hier in Augsburg mit meiner Freundin gemacht. 

Vielen Dank und viel Erfolg.

von Florian Heer aus Augsburg

Samstag
29.08.2026, 11:32 Uhr