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Craig Tiley - "Der Preis für die Australian Open war hoch"

Craig Tiley, Chef von Tennis Australia, hat in seiner Bilanz der Australian Open 2021 die enormen Kosten für seinen Verband betont. Und einen eher pessimistischen Ausblick in die Zukunft gewagt.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 19.02.2021, 13:52 Uhr

Craig Tiley, Dritter von links, blickt sorgenvoll in die Tenniszukunft
© Getty Images
Craig Tiley, Dritter von links, blickt sorgenvoll in die Tenniszukunft

Als Craig Tiley am Freitag nach der finanziellen Schadensbilanz für die Australian Open gefragt wurde, hat er das ganze Ausmaß noch nicht überblicken können. Oft hat der umtriebige Turnierdirektor des Grand Slam-Wettbewerbs von Melbourne in den vergangenen Monaten in eine ungewisse und wenig berechenbare Zukunft blicken müssen, und ein bisschen nebulös stellt sich bis jetzt auch noch die Schlussabrechnung dar – das große Bilanzieren nach dem kompliziertesten und ambitioniertesten Wettbewerb, der in Zeiten der Pandemie auf die Beine gestellt wurde. 100 Millionen australische Dollar werde der Verlust wohl mindestens betragen, also ca. 65 Millionen Euro, sagte Tiley: „Es kann aber auch noch mehr werden. Das Ganze ist sehr hart für uns. Wir müssen an unsere Reserven ran.“ Vor allem, wenn sich die Spekulationen bewahrheiten, die in den australischen Medien angestellt wurden, da war sogar von einem Minusbetrag von 140 Millionen Dollar (90 Millionen Euro) die Rede, nicht zuletzt wegen des fünftägigen Lockdowns mitten im Turnierbetrieb.

Tiley und seine Truppe haben monatelang mit fast verzweifelter Entschlossenheit um dieses Turnier gekämpft, oft genug gegen alle Erwartung im Wanderzirkus selbst. Oft genug auch gegen die Mehrheit der Melbourner Bevölkerung, die sich vor der Einreise der Tennisprofis aus aller Herren Länder und der möglichen Einschleppung des in Australien größtenteils besiegten Virus fürchtete. Tiley sieht die Austragung nun zwar als „Modell dafür, dass der Sport auch in Pandemiezeiten mit guten Konzepten weitergehen kann“, aber auch ist ihm bewusst, dass nicht jedes Turnier, jede Sportserie unter ähnlichen Bedingungen veranstaltet werden kann. „Der Preis für die Australian Open war hoch“, sagte Tiley, der auch zugab, dass man sich 40 bis 60 Millionen Dollar leihen müsse, um die Geschäfte weiterzuführen. Kein Wunder, dass nicht alle in Australiens Tennisszene glücklich sind mit der Entscheidung der Grand-Slam-Macher, das Preisgeld für die Australian Open nicht zu kürzen – satte, stolze 80 Millionen australische Dollar (51,5 Mio. Euro). 

Tiley - "Blick in die große Ungewissheit"

Qualifikationsturniere fernab des eigentlichen Grand-Slam-Schauplatzes, Charterflüge von mehreren Kontinenten nach Melbourne, eine 14-tägige Quarantäne mit und ohne Sonderregelungen, Zuschauer in abgetrennten Zonen – für die meisten Tourwettbewerbe ist das allerdings kein praktikables und rentables Geschäftsmodell. Und so stellt sich die Frage, wie es in der zweiten Coroona-Saison im Welttennis weitergehen kann. „Es ist ein Blick nach vorn in die große Ungewissheit“, sagt der Turnierchef eines europäischen Spitzenwettbewerbs. Da sei zwar einerseits der Kalender, den die Spielerorganisationen ATP und WTA für die nächsten Wochen und Monate aufgestellt hätten, aber andererseits, so der Manager, „kann niemand sagen, ob diese Termine auch alle der Realität standhalten.“ Was vor allem für Europa gilt – mit den unterschiedlichsten Corona-Restriktionen, einer drohenden weiteren Pandemie-Welle durch Mutationen des Virus.

Aber auch, weil nicht klar ist, ob alle Turniere ein finanziell tragbares Gerüst haben. Reicht allein die Aussicht auf TV-Einnahmen, Verluste durch ausbleibende Sponsorengelder und Ticketverkäufe auszugleichen? Es werde schwer für viele Veranstalter, eine „schwarze Null“ zu erreichen, sagt selbst ein ATP-Verantwortlicher, viele könnten einfach nur an den Start gehen, „um nicht von der Landkarte zu verschwinden.“ Bei den Australian Open hatten Frontmann Novak Djokovic und auch Deutschlands Spitzenspieler Alexander Zverev zuletzt die Sinnhaftigkeit des üblichen Reisegeschäfts im Tennis in Frage gestellt, beide schlugen vor, an einem Ort mehrere Turniere hintereinander zu spielen. Das allerdings würde bedeuten, dass anderswo geplante Wettbewerbe womöglich wie 2020 ausfallen und in ihrer Existenz bedroht wären, gerade kleinere Events mit ohnehin eher schmalem Budget.

Größere Chancen, die Krise halbwegs moderat zu überstehen, haben neben den Grand-Slam-Turnieren die weiteren Topwettbewerbe beider Touren. Aber auch dort ist die Lage angespannt, weil langjährige Sponsoren ihr Geld zusammenhalten müssen. Und weil sich viele Turniere nicht in der Lage sehen, teure Hygienekonzepte zu finanzieren und gleichzeitig auch noch Antrittsprämien für Spieler zu bezahlen. Bei den virtuellen Meetings der Turnierdirektoren seien diese Fragen zuletzt oft im Blickpunkt gewesen, sagt einer der Bosse, der dabei war: „Sind die Spieler bereit, bei den Preisgeldern Einschnitte zu akzeptieren, tiefe Einschnitte sogar. Und sind Antrittsprämien im Moment überhaupt bezahlbar jetzt?“

Tiley, der Australian Open-Chef, hat im übrigen auch Skepsis an der Austragung der Olympischen Spiele in Tokio im Sommer geäußert. Mit den bisherigen Hygienekonzepten werde das „nicht gehen“, sagte Tiley: „Die Pläne sind nicht entschlossen und konsequent genug.“

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von Jörg Allmeroth

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19.02.2021, 15:30 Uhr
zuletzt bearbeitet: 19.02.2021, 13:52 Uhr