Exklusiv-Interview mit Nico Langmann: Olympia in Tokio wird besser, „weil entspannter“

Im ausführlichen Interview mit tennisnet.com spricht die österreichische Nummer eins im Herren-Rollstuhltennis, Nico Langmann, über seine (zweite) erfolgreiche Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio, mit welchen Herausforderungen er während der Corona-Pandemie zu kämpfen hatte und was er bei seiner zweiten Olympia-Teilnahme besser machen möchte als bei der Premiere 2016 in Rio de Janeiro. 

von Stefan Bergmann
zuletzt bearbeitet: 27.06.2021, 13:39 Uhr

Nico Langmann hat sich erfolgreich für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert
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Nico Langmann hat sich erfolgreich für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert

tennisnet.com: Servus Nico! Wie geht's dir denn?

Nico Langmann: Du, ich kann mich derzeit gar nicht beschweren. Nachdem ich kürzlich ein großes Ziel erreicht habe, und ich endlich diesen großen Brocken Olympia-Qualifikation hinter mir gelassen habe, ist eine Phase der Erleichterung eingetreten.

Zunächst mal Gratulation dazu. Ich stelle mir das wahnsinnig schwer vor. 2020 waren die Olympischen Spiele geplant und du wolltest ja damals schon fokussiert darauf hin arbeiten, dass du die Qualifikation schaffst. Wie war das dann für dich, als du gemerkt hast, oje, das dauert ein Jahr länger. Und du musstest dich neu fokussieren auf das nächstes Jahr.

Es war insofern eine spannende Geschichte, weil 2019, wie die Qualifikation begonnen hat – und auch bis 2020 hinein –, ein sehr stressiges und druckvolles Jahr war, weil man sich für die Olympischen Spiele qualifizieren wollte. Und dann im März, als es geheißen hat, okay, das Ranking wird eingefroren, weil eben die Tour gestoppt wurde, habe ich ein Mail bekommen: „Ja, sie haben sich für Olympia 2020 qualifiziert. Ihre Punkte sind eingefroren, und es kann sie niemand mehr überholen.“ Aber am nächsten Tag kam dann die Meldung: „Die Spiele werden verschoben.“ Für einen Tag war ich also schon qualifiziert für 2020. (lacht)

Was ist in dem Moment in dir vorgegangen, als du gehört hast, das wird dieses Jahr nichts mehr?

Ich muss ehrlich zugeben, wenn ich mich zurück erinnere an März 2020, April 2020, da ist irgendwie der Sport im Allgemeinen in den Hintergrund gerückt, weil da eben diese absolute Ausnahmestimmung war. Ich hab es eigentlich als großes Solidaritäts-Gefühl gesehen, wo einfach die Grundwerte der Gesellschaft in den Vordergrund gerückt sind, und das Entertainment – unter Anführungszeichen – in den Hintergrund. Deswegen habe ich mich da nicht so arg mit meiner eigenen Karriere beschäftigt. Ich war eigentlich froh, und bin es heute noch, dass das überhaupt ermöglicht werden kann in solchen Zeiten. Also auch wenn Tokio sicher nicht vergleichbar werden wird mit Rio aufgrund der ganzen Einschränkungen und aufgrund der Zuschauerzahlen… Die können mich 20 Stunden in ein Zimmer einsperren und nur für das Match rauslassen - allein, dass das möglich ist, macht mich schon richtig happy.

Das heißt, die Freude, dass du es jetzt geschafft hast, macht sehr vieles aus dem letzten Jahr wieder wett?

Ja absolut. Keine Frage.

Du hast jetzt schon ein bisschen einen Einblick gegeben, und ich möchte da gleich nachhaken – wie sehr ging, beziehungsweise geht COVID-19 Herrn Nico Langmann auf die Nerven – als Privatperson und als Sportler?

Puh, schwierige Frage. Naja, es ist schon ein blöder Virus (lacht). Ich bin so zwiegespalten. Natürlich als Privatperson finde ich, dass es nervt, so viel Freunde nicht treffen zu können, so viele Leute nicht sehen zu können, die Großeltern nicht sehen zu können… Auf der anderen Seite ist es rational das wichtige und richtige, das alles zu tun. Und wenn ich jetzt ganz ehrlich bin – bei vielen Turnieren, wo ich spiele, waren vorher auch keine Zuschauer. Also da habe ich jetzt keinen großen Unterschied gehabt. Im Behindertensport ist es nicht so, dass uns das Millionenpublikum abgeht. Aber die Turniere sind mir einfach abgegangen, der Wettkampf, das gegeneinander spielen, das Gefühl des Gewinnens oder auch die Traurigkeit der Niederlage – einfach die Emotionen. Da war ich schon froh, dass das bis zu einem gewissen Grad wieder zurückgekommen ist.

Absolut nachvollziehbar. Wie lange war die Pause auf eurer Tour, wann sind die ersten Turniere wieder gespielt worden?

Unsere Tour ist sicher schwächer zurückgekommen als die ATP-Tour, weil logischerweise der finanzielle Background nicht da ist. Es ist bis jetzt auch so, dass viele Turniere nicht stattfinden. Unser Turnierkalender ist noch immer sehr abgespeckt, weil einige Sponsoren abgesprungen sind. Es ist nicht der große Organisationsaufwand, der bei den ATP-Turnieren dabei ist – zum Beispiel so etwas wie die Bubble, das kann sich logischerweise kein Turnierveranstalter bei uns leisten. Also die Tour ist sehr abgespeckt zurückgekommen. Und da dadurch auch die Möglichkeit Punkte zu erlangen, nur noch sehr vereinzelt gegeben war, war auch die Tokio-Quali gar nicht so eine „g’mahte Wies’n“, wie man es sich anfangs vielleicht erwartet hätte. Also deswegen, wie gesagt, große Erleichterung.

Wann hast Du das erste Mal wieder gespielt?

Ich habe das erste Mal wieder Mitte September 2020 gespielt, und dann habe ich fast bis Dezember durchspielen können. Dann fiel allerdings der ganze Australien-Trip aus und alle Turniere danach waren nicht stattfindend. Ich hab dann erst wieder Anfang April spielen können – also Jänner, Februar, März ist eben auch ins Wasser gefallen. Ich hab aber natürlich nicht Däumchen gedreht, sondern habe einen physischen Aufbau gehabt, wie kein Zweiter. Ein kleiner Schwarzenegger im Rollstuhl (lacht). Der Bizeps ist jetzt dreimal so groß.

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Du hast ja auch in den vergangenen Interviews immer wieder darauf hingewiesen, dass deine physische Konstitution eine deiner größten Stärken ist. Ist das nochimmer so?

Das würde ich schon sagen, beziehungsweise ich arbeite wirklich viel daran, sagen wir es so.

Durch die neuen Trainingsmöglichkeiten, die du jetzt bei der ATC-Akademie in Traiskirchen bei Wolfgang Thiem hast, würdest du sagen, dass sich spielerisch stark etwas verändert hat, beziehungsweise in der Anlage wie du Spiele gestaltest?

Ja absolut. Wir haben da nicht wirklich einen Stein auf dem andern gelassen. Als ich 2019 zum Wolfgang gekommen bin, haben wir doch sehr viele Änderungen in meinem Spiel vorgenommen, und wir haben im Vorhinein gesagt, wir nehmen in Kauf, dass die Ergebnisse jetzt einmal nicht gleich kommen, weil wir langfristig denken, langfristig planen. Er hat gesagt, sechs Monate dauert es sicher, bis sich das alles einpendelt. Und dann nach sechs Monaten ist Corona gekommen, und ich hatte keine Möglichkeit, dass ich es nun zeigen konnte. Man konnte es natürlich nicht wissen, aber timingmäßig hätte der Virus auch besser kommen können (lacht). Gut, bei den wenigen Möglichkeiten, die es gegeben hat, konnte ich schon zeigen, dass etwas weiter gegangen ist. Und jetzt wo auch der Druck der Qualifikation weggefallen ist, wird es noch lockerer von der Hand gehen.

Wenn du jetzt gesagt hast, du hast so viel umgebaut – war das nicht auch psychisch sehr anstrengend, dass du gar kein Feedback bekommen hast, weil eben keine Spielmöglichkeiten da waren?

Ja, das hast du jetzt eigentlich eh schon relativ gut beantwortet. Am Anfang habe ich gegen Leute verloren, gegen die ich vorher nicht verloren habe. Dann ist im Tennis, wo es doch sehr um Selbstvertrauen und Selbstüberzeugung geht, da viel weg gewesen. Und wenn du dann schon dich selbst hinterfragend in ein Match gehst, ist die Sicherheit natürlich auch nicht da. Es ist doch alles nicht so leicht von der Hand gegangen. Und wenn dir dann die Möglichkeit genommen wird, dich international zu vergleichen, weißt du nie genau, reicht der Schlag wirklich gegen die Weltspitze im Rollstuhltennis? Oder muss es mehr sein? Oder geht es auch mit weniger Risiko? Es war schon so, dass die Orientierung dann ein wenig gefehlt hat, aber mittlerweile ist  die Möglichkeit des Vergleichs Gottseidank wieder gegeben. Das Trainer-Team hat sich dann natürlich auch weiter entwickelt, und sie waren jetzt auch schon oft bei Turnieren dabei und haben gesehen, was reicht und was reicht nicht. Es ist schon so – Rollstuhltennis ist gerade in Österreich eine relativ unbekannte Materie, und man muss sich da gemeinsam zusammenarbeiten oder zusammen einarbeiten. Aber gut – jetzt sind ja doch mittlerweile schon zwei Jahre vergangen und die Einarbeitungszeit ist ja Gottseidank vorbei.

Kommen wir zum Abschluss nochmal zurück zu Olympia. Du warst ja schon 2016 in Rio dabei, und da hast du mir damals im Vorfeld erzählt, dass das ein Riesentraum war, dass du da überhaupt einmal dabei sein kannst, dass dir da ein Riesenwunsch in Erfüllung gegangen ist. Wie ist das zweite Mal?

(lacht) Es ist besser, weil entspannter. Ich weiß ungefähr, was mich erwartet, ich weiß wie ich damit umgehen kann. Ich weiß, was ich beim ersten Mal für Fehler gemacht habe, und das ist ja das schöne, dass man diese Erfahrungen mitnehmen kann vom ersten Mal und beim zweiten Mal einbauen kann.

Du warst damals ja auch gerade erst 19 Jahre alt, das ist ja wirklich noch extrem jung. Es ist schon verdammt lange her, aber kannst du vielleicht doch noch reflektieren – wie ist es dir damals gegangen. Du hast ja gleich zum Auftakt gegen den Chinesen Shunjiang Dong klar 3:6, 0:6 verloren – Dong steht derzeit auf Position 59, du stehst aktuell 30 Plätze über ihm in der Weltrangliste. Kannst du heute noch rekonstruieren, was vielleicht die Fehler damals waren?

Ach Gott, das war ein einziger großer Fehler (lacht). Ich hatte ein Match dieser Größenordnung damals überhaupt noch nie bestritten und hatte auch keine Ahnung, wie man damit umgeht. Im Endeffekt bin ich nur geflippt. Ich habe mehr drauf geschaut, wer da auf der Tribüne sitzt oder mir gerade zuschaut, als darauf wohin der Ball geht. So blöd es klingt – aber da hat der damalige Verteidigungsminister zugeschaut, die ganzen Repräsentanten, ganz viele Fans, die extra eingeflogen sind, und ich habe mich davon komplett beeindrucken lassen, auch von der ganzen Szenerie davor – von der Eröffnungsfeier, von dem Spirit im Athleten-Dorf. Das ist alles großartig, aber es kann dich auch sehr, sehr ablenken und die Spannung viel zu groß werden lassen. Und damals wusste ich auch noch nicht, wie ich mit meiner Nervosität umgehen soll. Und dann war ich im Endeeffekt nicht nur vom Bauch runter gelähmt, sondern sogar vom Hals abwärts (lacht). Das war nicht mehr schön. Also beflügeln konnte mich das nicht.

Und was erwartest du dir dann dieses Jahr?

Eine maximale Matchleistung in jedem Match. Wie weit es dann kommt, keine Ahnung.

Alles klar, dann drücken wir dir ganz fest die Daumen und wünschen dir, dass alle deine Hoffnungen in Erfüllung gehen. Vielen lieben Dank für das nette Gespräch, und alles Gute für Tokio, Nico!

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