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Mats Wilander im tennisnet-Interview - „Australien ist perfekt für Sascha Zverev“

Eurosport-Experte und Tennis-Legende Mats Wilander im tennisnet-Interview über seine Erinnerungen an ein legendäres Finale, die Chancen von Alexander Zverev in Australien und die Aussichten für das Comeback von Dominic Thiem.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 09.01.2022, 12:02 Uhr

Mats Wilander und Australien - das hat immer ganz gut gepasst
© Getty Images
Mats Wilander und Australien - das hat immer ganz gut gepasst

Der Interview-Plan mit Eurosport-Experte Mats Wilander sind eng getaktet. Zehn Minuten One-on-One via Zoom sind aber eine wunderbare Gelegenheit, um mit der schwedischen Tennislegende, der in seine Karriere sieben Grand-Slam-Turniere gewonnen hat, die aktuellen Themen der Tenniswelt durchzugehen.

tennisnet: Herr Wilander. Die schwedische Davis-Cup-Mannschaft hat sich bei der Davis-Cup-Finalrunde in Madrid gut geschlagen. Gibt es bald wieder Hoffnung für Ihr Heimatland?

Mats Wilander: Es gibt große Hoffnungen, kein Zweifel. Die Ymer-Brüder haben den Wagen jetzt ein paar Jahre lang gezogen. Ich sage zwar nicht, dass einer der beiden ein Major gewinnen wird, aber sie haben ein höheres Level erreicht, vor allem Mikael. Wir haben im Davis Cup wieder eine ansprechende Leistung gezeigt. Die nachkommenden Junioren bekommen eine Chance, mit den Ymers zu trainieren. Das Leistungsniveau in einem Land muss so hoch sein, dass man Davis-Cup-Matches, ein paar Runden bei Grand-Slam-Matches, etc. gewinnen kann. Der Traum muss am Leben sein. Denn der Traum war in Schweden während der letzten Jahre tot. Ja, ich hoffe, dass ein großartiger Athlet auftaucht, der den Tennissport versteht. Und der besser als Mikael Ymer sein möchte. Wenn er das schafft, kommt er vielleicht in die Top 20.

tennisnet: Sie haben 1987 im Endspiel der Australian Open eines der besten Matches der 80er-Jahre gegen Pat Cash gewonnen. Welche Erinnerungen haben Sie noch an dieses Spiel?

Wilander: Es war ein sehr offenes Match mit vielen Netzangriffen. Ich erinnere mich, dass ich öfter ans Netz gekommen bin als in jedem anderen Finale, das ich gespielt habe. Wir sind beide mit großem Selbstvertrauen in dieses Match gestartet, weil Ivan Lendl nicht mehr dabei war. Ivan war damals ganz klar der beste Spieler in der Welt. Und Cashi hat Lendl rausgeworfen. Da habe ich mir gedacht: Wau! Ich habe die Chance, nach ein paar Jahren wieder ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Pat Cash war ein wunderbarer Gegner, weil er verschiedene Dinge konnte: von der Grundlinie aus spielen, Serve-and-Volley - man hat gegen ihn automatisch auf einem hohen Level gespielt. Aber das hat mit seiner Stärke zusammen gehangen. Es war taktisch gesehen ein richtiger Spaß: nicht zu wissen, was er als nächstes macht. Und umgekehrt.

tennisnet: Die äußeren Umstände waren auch besondere.

Wilander: Ein volles Haus am tatsächlich 200. Geburtstag von Australien. Wie man es damals genannt hatte, was mittlerweile kritisch gesehen wird.

"Novak Djokovic geht keine Risiken ein"

tennisnet: Zurück in die Gegenwart: Sollte Novak Djokovic die Genehmigung bekommen, bei den Australian Open zu spielen - wie sehr werden ihm diese fünf, sechs Tage fehlen, an denen er nicht trainieren konnte?

Wilander: Man muss sich ansehen, welche Spieler bei den Australian Open gut abschneiden. Mir ist das gelungen, ich habe drei Mal gewonnen. Warum? Weil ich immer vorbereitet war, einen gute Pre-Season hatte, keine Risiken eingegangen bin. Novak geht auch keine Risiken ein. Er spielt konstant auf demselben Level. Sein Selbstvertrauen ist immer hoch, weil sein Glaube in seine Beinarbeit und darin, dass er keine unerzwungenen Fehler macht, hoch sind. Man muss also auf den Platz kommen und Novak schlagen. Fast alle Spieler auf der Tour leben von ihrem Selbstvertrauen leben. Und man bekommt im November und Dezember kein Selbstvertrauen, weil da keine Matches gespielt werden. Also kommen die meisten Spieler mit Hoffnungen nach Australien, aber nicht mit Selbstvertrauen.

Mats Wilander im Zoom-Gespräch
© privat
Mats Wilander im Zoom-Gespräch

tennisnet: Und Djokovic hat dieses Selbstvertrauen immer?

Wilander: Novak ist einfach schwierig zu schlagen. Ich glaube, diese vier oder fünf Tage machen keinen großen Unterschied. Vielleicht hat er dadurch sogar die Chance, sich ein wenig zu erholen. Es wird eher eine Frage der Emotionen werden: In welchen Situationen wird er sich wiederfinden? Wie verärgert wird er sein, wenn man ihm erlaubt zu spielen? Warum haben sie mich nicht gleich reingelassen? Was stimmt mit Euren Regeln nicht? Oder es ist andersrum: Dass Novak am Ende freudig überrascht ist, dass er spielen kann.

tennisnet: Hat Ihnen Alexander Zverev in den letzten sechs Monaten genug gezeigt, um Sie zu überzeugen, dass er ein Major gewinnen kann? Noch hat er keinen Top-Ten-Mann bei einem Grand-Slam-Turnier geschlagen.

Wilander: Ich glaube, Sascha hat in Australien eine gute Chance. Aus der Entfernung würde ich sagen: Ist mir egal, dass er noch keinen Top-Ten-Player geschlagen hat. Er hat gezeigt, dass er über fünf Sätze auf einem sehr hohen Level spielen kann. Das Problem sind nicht wir Beobachter, das Problem ist die Umkleidekabine. Dort wird auf die Wand plakatiert werden: Du spielst gegen Sascha Zverev und er hat noch keinen großen Spieler bei einem Grand Slam geschlagen, blablabla. Die Coaches werden ihre Spieler mit dieser Information füttern. Und die Reaktion sollte dann natürlich sein: Oh, ich werde nicht derjenige sein, der gegen Sascha verliert. Aber was das Level von Sascha anbelangt? Absolute Spitzenklasse.

tennisnet: Wo gelingt es am ehesten?

Wilander: Ich glaube, dass der Belag in Australien Sascha die beste Chance bietet. Sein Aufschlag ist auf einem schnelleren Court ein Monster. Er kann mit seinen Grundschlägen recht weit hinter der Grundlinie spielen, weil es so schnell ist. Er ist in letzter Zeit aber auch viel aggressiver geworden, keine Frage. Er ist aber immer noch ein Grundlinienspieler. Ich glaube, die Bedingungen in Melbourne sind perfekt für Sascha. Er wird ein Major gewinnen. Schon bald.

tennisnet: Gilt das auch für Stefanos Tsitsipas, der sich auf einem Level mit Djokovic, Medvedev und Zverev sieht?

Wilander: Stefanos verspürt die Notwendigkeit, Tennismatches zu gewinnen. So sieht es aus, wenn er spielt. Er wirkt oft ein wenig zu aufgeregt, wenn er spielt. Andererseits zeichnet das die ganz großen Spieler ja auch aus, dieser unbedingte Wille zu gewinnen. Stefanos braucht die Siege aber ganz besonders, um glücklich auf dem Tennisplatz zu sein. In dieser Hinsicht erinnert er mich an Andy Murray. Der hat auch nie aufgegeben. Warum? Weil er, um mit sich im Reinen zu sein, Tennismatches gewinnen musste. Spielerisch ist er nicht so solide wie Medvedev und Zverev, er hat eine kleine Schwäche auf der Rückhand-Seite und eine größere beim Return. Andererseits ist seine Vorhand unglaublich, er bewegt sich sehr gut - und emotional ist er bereit. Wenn Stefanos nicht zu aufgeregt agiert, glaube ich, dass er auf einem Level mit den Medvedev, Djokovic und Zverev ist.

"Ich kann Dominic Thiem total verstehen"

tennisnet: Welches Gefühl haben Sie in Hinblick auf das Frauenturnier?

Wilander: Mein Gefühl sagt mir: Ash Barty. Naomi Osaka ist zurück und hat gesagt, dass sie ihr Leben ein wenig mehr genießt. Das ist sehr wichtig. Das gefällt mir, auch wenn es eher ein langfristiges als ein kurzfristiges Ziel ist. Dann wird man gute und schlechte Tage haben, mal gewinnen, mal verlieren - und damit kein Problem haben. Ohne sich einfach damit abzufinden zu verlieren. Ich glaube, Naomi wird ihren Weg finden. Und dann ist da aber Ashleigh Barty, deren schlechester Tag im Büro immer noch sooooo gut ist. Ash ist unglaublich gut darin, Schwächen bei ihren Gegnerinnen zu finden. Und sie ist aus einem guten Grund die Nummer eins der Welt. Sie ist in diese Rolle wirklich hineingewachsen. Und Ash arbeitet immer noch an ihrem Spiel, etwa an ihrer beidhändigen Rückhand. Und sie trägt die Hoffnungen von Australien, wo sie wahrscheinlich eine der bekanntesten Athletinnen ist. Jeder mag sie. Es gibt so viele gute Dinge über Ash zu sagen. Sie hat herausgefunden, dass die Fans sie unterstützen, dass sie aber in erster Linie für sich selbst spielt. Barty und Osaka sind für mich die beiden Spielerinnen, die in den kommenden fünf, sechs Jahren die Nummern eins und zwei der Welt sein könnten.

tennisnet: Nach den Australian Open wird Dominic Thiem auf die ATP-Tour zurückkehren. In Südamerika, auf Sand. Was dürfen sich die österreichischen Tennisfans erwarten?   

Wilander: Von Dominic darf man erwarten, dass er wirklich alles versuchen wird. Und das auf seinem besten Belag. Er will wahrscheinlich ein wenig Selbstvertrauen aufbauen, weil das braucht man, wenn man nicht gespielt hat. Man möchte aber auch Matches spielen, in denen man das Gefühl hat, gewinnen zu können. Dass einem das Verlieren etwas bedeutet, dass es schmerzt. Schlimm. Das muss Dominic herausfinden. Ob es ihm immer noch wichtig ist zu gewinnen. Und nicht zu verlieren. Ich kann Dominic total verstehen, mehr als sich die Leute vorstellen können. Ich habe zwar sieben Majors gewonnen, bevor ich meine Probleme mit der Motivation hatte. Aus Gründen, die nichts mit dem Tennis zu tun hatten. Und ich habe dieses Gefühl „Ich hasse es zu verlieren“ nie mehr wiedergefunden. Dominic muss das finden. Und dafür muss er harte Matches bestreiten. Und er sollte das alleine machen. Geh irgendwohin, egal, ob jemand zusieht. Mach es einfach um des Wettkampfes willen. Wenn er da wieder auf den Geschmack kommt, glaube ich, dass Dominic zurückkommen wird.

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