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Novak Djokovic, die PTPA - und die Frage nach der Solidarität

Mit der Gründung der Professional Tennis Players Association wollte Novak Djokovic das Tennis-Business aufmischen. Werden die derzeitigen Ereignisse in Melbourne diesem Vorhaben schaden.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 08.01.2022, 18:24 Uhr

Hätte Novak Djokovic aus Solidarität auf die Australian Open verzichten sollen?
© Getty Images
Hätte Novak Djokovic aus Solidarität auf die Australian Open verzichten sollen?

Am Montag wird sich entscheiden, ob Novak Djokovic an den Australian Open 2022 teilnehmen darf. Bis dorthin ist der beste Tennisspieler der Welt in einem Hotel untergebracht, das möglicherweise nicht seinen gewohnten Standards entspricht. Allerdings ist hier auch nicht von einem Gefangenenlager in Nordkorea die Rede, wie es einige Beobachter und Fans von Djokovic in den vergangenen Stunden über diverse Kanäle Glauben machen wollten. Novak Djokovic ist auch nicht der einzige Mensch, der auf einen positiven Bescheid zur Einreise in Australien wartet. Aber eben der prominenteste.

Wenn nun also die Professional Tennis Players Association (PTPA) ein Statement veröffentlicht, das sich in der Diktion ausnimmt wie jene der WTA im Fall Peng Shuai, dann stimmen die Relationen wohl nicht mehr ganz. Und hat darüber hinaus auch noch einen faden Beigeschmack: Die PTPA wurde unter Federführung von Djokovic und Vasek Pospisil gegründet. Dass hier dem Frontmann zur Seite gesprungen wird, ist also keine Überraschung. Wäre die PTPA aber auch auf den Plan getreten, wenn etwa die Nummer 123 der Welt, Radu Albot, dasselbe Schicksal widerfahren wäre.

Djokovic wird nicht auf Verdacht nach Australien geflogen sein

Zunächst einmal: Es ist davon auszugehen, dass Novak Djokovic die Reise nach Australien nur angetreten hat, nachdem er Sicherheit darüber erlangt hatte, dass es bei der Einreise keine Probleme bekommen würde. Nur auf Verdacht und in guter Hoffnung wird sich der professionellste Tennisspieler der Welt nicht in das Flugzeug Richtung Melbourne gesetzt haben. Der plötzliche Meinungsschwenk der australischen Behörden muss also tatsächlich hinterfragt werden. Am Montag wird man mehr wissen.

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Davon abgesehen bleibt aber der Umstand, dass Novak Djokovic als einziger der Spitzenspieler eine medizinische Ausnahmegenehmigung beantragt und auch bekommen hat, weil er sich nicht impfen lassen möchte. Was sein gutes Recht ist. Wenn die Auflage der Einreise nach Australien aber nun mal eine vollständige Impfung ist, dann lässt sich der Eindruck kaum vermeiden, dass der extrem fitte Djokovic und eine medizinische Ausnahmegenehmigung nicht zusammenpassen.

Eine Corona-Infektion während der letzten sechs Monate? Das wurde nun von den Anwälten Djokovics als Grund für die Ausnahmegenehmigung vorgebracht. Angeblich soll die Frist, um eine solche anzusuchen aber am 10. Dezember ausgelaufen sein. Der posititve PCR-Test vom 16. Dezember wäre also zu spät gekommen.

Tsitsipas lässt sich spät impfen

Passt diese Sonderbehandlung mit dem Gedanken der PTPA also zusammen? Die im Herbst 2020 gegründete Gewerkschaft möchte ja die Anliegen der Spieler besser vertreten. Der große Zuspruch, den Djokovic und Pospisil sofort erfahren haben, bestätigt, dass es unter den Tennisprofis sehr viele gibt, die sich (noch) mehr Gewicht bei den Entscheidungen im großen Business wünschen. Wichtig dabei: geschlossene Reihen. Und Solidarität untereinander.

Diese hat Novak Djokovic mit seinem Extraweg nun untergraben. Wenn tatsächlich 95 der Top 100 Spieler auf der Tour geimpft sind (wie die ATP behauptet), dann hat sicherlich nicht nur Stefanos Tsitsipas länger auf den Stich gewartet, weil er Bedenken hinsichtlich der Nebenwirkungen hatte. Aber Tsitsipas hat sich wie die meisten anderen dann eben doch dafür entschieden. Wohl eher aus Pragmatismus als aus Überzeugung.

Wäre es zu viel verlangt gewesen, dass sich Novak Djokovic hinstellt und erklärt, dass er sich nicht impfen lässt und deshalb - aufgrund der herrschenden Einreiseregeln - auf die Australian Open verzichtet? Vielleicht. Andererseits wird Djokovic sowohl bei den French Open als auch in Wimbledon als Titelverteidiger und Favorit starten. Major-Titel Nummer 21 sollte also so oder so in dieser Saison folgen. Jetzt eben vielleicht schon in Melbourne. Sportlich ist Novak Djokovic längst über jeden Zweifel erhaben, der erfolgreichste Tennisspieler der Geschichte. Als Anführer einer Spielerbewegung haben ihm die Ereignisse von Melbourne indes wohl nicht geholfen.

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von Jens Huiber

Samstag
08.01.2022, 15:35 Uhr
zuletzt bearbeitet: 08.01.2022, 18:24 Uhr

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