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Rafael Nadal - Der bescheidene und zurückhaltende Rekordmann

Rafael Nadal ist seit Sonntag männlicher Grand-Slam-Rekordhalter. Das große Ganze verliert der 35-Jährige dennoch nicht aus den Augen

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 01.02.2022, 15:35 Uhr

Rafael Nadal triumphierte in Melbourne
© Getty Images
Rafael Nadal triumphierte in Melbourne

Es war zur Mitte der Australian Open 2022, als Rafael Nadal eines gewissen Themas überdrüssig wurde. Und der Weltpresse einen Ordnungsruf erteilte. Viel zu viel werde über seine Verletzungen in den letzten Monaten gesprochen und berichtet, befand Nadal und setzte dann nach: „Das ist doch alles nichts im Vergleich zu dem, was Millionen Menschen in letzter Zeit durchgemacht haben. Was sind schon meine Probleme dagegen?“ So ist das eigentlich immer mit Nadal gewesen und geblieben: Über die kleineren und größeren Aufgeregtheiten in seinem professionellen Sport, über all das scheinbar Wichtige und glitzernde Nichtige kann der inzwischen 35-jährige Mallorquiner nur den Kopf schütteln. 

Nadal ist Vernunftsmensch durch und durch, ein Mann, der nie das große Ganze aus den Augen verliert – einer, der trotz seines Superstar-Status nicht mit deformiertem Tunnelblick durch die Welt geht und auf Sonderrechte als Egoshooter pocht. Er hat das während seiner Rekordkampagne in Melbourne auch noch bei einem anderen hitzig diskutierten Thema kurz und bündig bewiesen. Während die Einreiseposse um seinen Rivalen Novak Djokovic in Melbourne hochkochte und sogar für diplomatische Verwicklungen zwischen Serbien und Australien sorgte, stellte Nadal bei einem Pressegespräch nüchtern fest: „Es gibt für mich gar keine Alternative zur Impfung gegen das Virus“, so der Matador, „wir reisen monatelang durch die Welt. Es ist der einzige Weg, um sich selbst und alle anderen zu schützen.“ Und nur mit einer Impfung werde es möglich sein, sagte Nadal auch, „diesen Beruf auszuüben.“

Wobei er nur ausnahmsweise das formelle Wort „Beruf“ gebrauchte. Denn das pure Tennisspiel ist eigentlich die Passion für den bodenständigen Ausnahmefighter von der Ferieninsel – für den größten Kämpfer, den das Tennis je gekannt hat. Nadal lebt nach einer Maxime, die er einmal so beschrieben hat: „Ich gebe immer hundert Prozent. Nur so kann ich überleben im Profitennis. Wenn meine hundert Prozent nicht reichen, war der Gegner eben besser.“ Einen anderen Nadal, so Nadal, „den gibt es einfach nicht.“ 

Nadal lebt vom Kampf

Nadals Karriere war stets von Verletzungen, Zwangspausen und auch Sorgen über ein möglicherweise unzeitiges Karriereende begleitet. Sein Onkel Toni, der ihm über weite Strecken des langen Tennismarsches als Trainer diente, hatte einmal gesagt, er kenne keinen Menschen, der Schmerzen so ignorieren und beiseite drängen könne wie sein Neffe. Nadal wies das selbst gar nicht einmal zurück, er sei es eben gewohnt, „als Spieler die Grenzen auszutesten“: „Ich lebe vom Kampf, von der Bereitschaft, alles zu investieren für den Sieg. Diese mentale Härte gehört zu mir als Profi.“

Ähnlich wie sein lebenslanger Tennis-Rivale und Freund Roger Federer vertraut Nadal seit jeher einem kleinen Kreis von Menschen als Wegbegleiter. Neben seinen Eltern, seiner Frau Maria Francesca und Onkel Toni sind das sein Coach Carlos Moya, ein ehemaliger Nummer eins-Spieler und ebenfalls gebürtiger Mallorquiner. Sowie Manager Carlos Costa, PR-Mann Benito Perez-Barbadillo und Physiotherapeut Rafael Maymo. „Wir sind alle eine große Familie. Wir vertrauen uns bedingungslos“, sagt Nadal, der inzwischen auch längst für die Zeit nach seiner Karriere vorgesorgt hat. Neben einer großen Schulungsstätte für Tennistalente daheim in Manacor gibt es inzwischen auch schon Rafael Nadal-Akademien im mexikanischen Cancun und in Kuwait, weitere Standorte in einem globalen Netzwerk sind in Planung. 

Als Nadal vor fast schon 17 Jahren seinen ersten Grand Slam-Titel unterm Eiffelturm gewann, bei den French Open, sagte er später in jener Saison 2005, er sei „schon jetzt ein glücklicher Mann“: „Wenn ich aufhören müsste, wäre ich super zufrieden. Und hätte mir meinen Traum erfüllt.“ Nun sind 20 weitere Major-Pokale hinzugekommen für den Trophäenraum daheim in der Manacor-Akademie, allein 13 davon in Paris. Nadal ist jetzt der alleinige Rekordhalter im Wettrennen der Superstars mit Federer und Djokovic. 

Dass ihn die Jagd nach Bestleistungen indes nicht zuallererst umtreibt, kann man ihm getrost glauben – Nadal berauscht sich am Spiel, am Kampf, am Duell, am Sieg auch über sich selbst und seine Zweifel. Aber nicht an Zahlen, Daten, Statistiken. Viel von der Aufregung, die ständig um ihn herum produziert werde, sagt Nadal, „lässt mich schlicht kalt“: „Ich will am liebsten als fairer und ehrlicher Sportler in Erinnerung bleiben. Als jemand, der immer nur sein Bestes gegeben hat.“ Dass er nun erstmals in seiner Karriere mehr Grand Slam-Titel hat als Federer – auch dies: Geschenkt, zweitrangig. Zumal, wie Nadal findet, „die Geschichte ja noch nicht zu Ende geschrieben ist für uns alle.“

Nadal: "Sorglosigkeit darfst du nicht haben"

Auch in seiner nächtlichen Pressekonferenz nach dem unglaublichen Comeback gegen Medvedev in Melbourne blieb Nadal das, was er immer schon war: Bescheiden, zurückhaltend, bodenständig. Er würde nie sagen, dass dieser Sieg „verdient“ für ihn gewesen sei, sagte der Spanier, denn es gebe Dutzende anderer Spieler, die auch verdiente Sieger hätten sein können. Nur eins wisse er von sich, so Nadal: „Ich habe eine gute Mentalität in den letzten Monaten gezeigt, ich musste sehr hart kämpfen, um überhaupt wieder auf dem Platz zu stehen.“ Tatsächlich hatte der Matador sogar wegen einer heiklen Fußverletzung um die Fortsetzung seiner Laufbahn gebangt – bevor er sich nun den Höchstpreis Down Under schnappte.

In all den Jahren an der Weltspitze hat Nadal niemals den Respekt vor seinen Gegnern verloren – mochten die berühmte Namen tragen oder grüne Neulinge in der Branche sein. Dünkel, Arroganz oder Hochmut sind das Letzte, was sich mit seinem Namen verbindet: „Ich gehe in jedes Match mit dem Gedanken: Das ist ein Gegner, der meinen Respekt verdient, der es drauf hat, mich zu schlagen.“ Wer das nicht beachte, so Nadal, habe im Sport generell nichts zu suchen: „Sorglosigkeit darfst du nicht haben, auch kein übertriebenes Ego. Denn das ist das der Anfang vom Ende.“

Längst ist Nadal ein vermögender Mann, ein vielfacher Millionär. Doch am liebsten kann er sich an den einfachen Freuden des Lebens erfreuen, daheim in Mallorca, auf seiner geliebten Insel. Wenn er dorthin zurückkehrt von seinen Tennis-Abenteuern, geht er am liebsten Angeln, setzt sich mit alten Freunden zusammen oder schaut sich ein Fußballspiel bei lokalen Klubs an. Auch wenn ihn sein grenzenloser Spaß am Centre Court-Duell weiter und weiter kämpfen lässt, hat er seinen Frieden mit dem Tennis allemal gemacht: „Es sieht zwar nicht so aus. Aber ich gehe auch mit einer gewissen Ruhe in ein Turnier“, so Nadal, „mit der Gewissheit, dass ich alles erreicht habe, was ich mir nur wünschen konnte.“

Hier das Einzel-Tableau bei den Australian Open

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