Laura Siegemund - Späte Belohnung für eine Frühstarterin

In Nürnberg geht die Stuttgart-Finalistin wohl als drittbeste Deutsche an den Start.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 09.05.2016, 00:00 Uhr

STUTTGART, GERMANY - APRIL 24: Laura Siegemund of Germany speaks to the audience on Day 7 of the Porsche Tennis Grand Prix at Porsche-Arena on April 24, 2016 in Stuttgart, Germany. (Photo by Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images)

Als Laura Siegemund mit zwölf Jahren die weltbeste Spielerin ihrer Altersklasse war, da passierte in Deutschland etwas sehr Vertrautes. Siegemund, damals auch stolze Gewinnerin des prestigeträchtigen Orange-Bowl-Turniers in Florida, der Nachwuchs-WM, wurde vor allem am Zeitungsboulevard zur neuen Steffi Graf erklärt - zur potenziellen Erbin der Tennis-Überfrau. "Es war schon eine verrückte Zeit. Ich wurde regelrecht überrollt", erinnert sich Siegemund. Daheim, in ihrer schwäbischen Heimat, schwirrten Agenten, Vermarkter und Sponsorenvertreter umher, alle in der Hoffnung, den neuen großen Superstar für sich verpflichten zu können. Dabei, sagt Siegemund, "kannst du nie wissen, was aus dir wird. Schon gar nicht in dem Alter. Das war doch viel zu früh."

Anderthalb Jahrzehnte sind seit dieser irren Euphoriewelle vergangen. Viel hat Siegemund seitdem erlebt, eine bewegte und bewegende Karriere, alle Höhen und Tiefen, mehr schwierige als schöne Momente lange Zeit, Zweifel und Sorgen auch, ob alles sie weitermachen solle. Einen Fast-Abschied vom Tennis, einen Neuanfang. Nun aber kommt offensichtlich ein neues Kapitel hinzu: Das anhaltende Glück der spätberufenen Berufsspielerin, einer gereiften Frau, die weiß, was sie wie und mit wem im Tennis tun muss, um erfolgreich zu sein. Seit zwölf Monaten geht es stetig bergauf für Siegemund, zuletzt sogar mit beschleunigtem Tempo nach dem begeisternden Lauf beim Stuttgarter Turnier. Fast wie ein Märchen erschien dieser Auftritt vor der eigenen Haustür, diese Erfolgsstory von den Qualifikationsmühen hinein ins Endspiel gegen Grand-Slam-Königin Angelique Kerber - belohnt schließlich auch mit dem erstmaligen Sprung unter die Top 50 der Rangliste. "Für mich ist das jetzt viel wertvoller als alle frühen Erfolge. Ich habe mich durch so viele Enttäuschungen und bittere Momente durchgeschlagen", sagt Siegemund, "jetzt habe ich mir das wirklich verdient."

Motivation durch Ausbildung

Frauenpower aus der erstklassigen zweiten deutschen Reihe, dafür steht sie nun besonders eindringlich, jene Laura Siegemund, die erstmals beim Wimbledon-Turnier der letzten Saison wieder ins Blickfeld geraten war - dort hatte sich die Filderstädterin nach vielen vergeblichen und verzweifelten Versuchen erstmals für ein Grand-Slam-Hauptfeld qualifiziert. Eine ungewöhnliche Debütantin war sie allerdings nicht nur wegen des Alters, denn Siegemund hatte inzwischen auch schon eine Trainerausbildung abgeschlossen, 2012 als Jahrgangsbeste für den A-Schein des DTB, und sich zudem noch für ein Fernstudium an der Uni Hagen im Fach Psychologie eingeschrieben. "Ich wollte eigentlich schon mal aufhören, weil es nicht so richtig voran ging mit dem Tennis", so Siegemund, "aber dann bekam ich neue Motivation durch diese Trainerausbildung."

Im Tennis-Deutschland des neuen Fräuleinwunders mit Kerber, Petkovic, Görges oder Lisicki war Siegemund, die kürzlich ihre Bachelor-Arbeit ("Versagen unter Druck") mit der Note 1,4 absolviert hat, eher eine Schattenexistenz - als Randfigur abseits des Rampenlichts. "Bis Mitte 2014 war ich nicht mal eine richtige Profispielerin. Bei anderthalb Stunden Training neben dem Studium konntest du keine großen Ziele erreichen." Aber der beharrliche Aufstieg in der Weltrangliste brachte die Schwäbin wieder auf den Geschmack, sie legte noch mehr Fokus auf die Tenniskarriere, rückte unter die Top 200 vor, dann unter die Top 150.

Bereits Deutschlands Nummer 3

Und dann, nach elf vergeblichen Qualifikationsanläufen, wurde sie in Wimbledon 2015 endlich, endlich auch zur Grand-Slam-Spielerin. "Da dachte ich mir: Gut, dass du noch mal so viel ins Tennis investiert hast." Und ein Dank galt auch Trainern und anderen Weggefährten bei dieser schwierigen Expedition, denn, so Siegemund, "ich bin als Spielerin zwar diszipliniert und zielgerichtet, aber auch ein bisschen anstrengend." Platz 97 der Weltrangliste belegte Siegemund vor den Australian Open, inzwischen ist sie schon die drittbeste Deutsche in der Hitparade, könnte sogar noch einen Startplatz bei den Olympischen Spielen ergattern.

Belohnung all dies für eine Spielerin, die sich durchgekämpft zu ihrem späten und großen Glück. Die dafür steht, dass es sich lohnt, niemals aufzugeben, selbst nicht nach so vielen Jahren des Scheiterns und der schon alternativen Berufswege. "Ich freue mich wirklich für Laura. Das ist schon toll, wie sich jetzt in die Spitze gefightet hat", sagt Bundestrainerin Barbara Rittner.

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09.05.2016, 00:00 Uhr