ATP-Finals-Champ Stefanos Tsitsipas: Beach Boy mit Konzentration und Konsequenz

Stefanos Tsitsipas hat mit seinem starken Saison-Finish die kleine Krise im Sommer weggewischt. 2020 will er bei den Grand-Slam-Turnieren angreifen.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 18.11.2019, 13:10 Uhr

Stefanos Tsitsipas
© Getty Images
Stefanos Tsitsipas

Es war schon spät an seinem größten Tennistag, nach dem üblichen Marathonlauf durch Pressesäle und internationale Fernsehstudios, als Stefanos Tsitsipas noch immer nicht wirklich schlauer war. Das dramatische Finalmatch gegen den lange Zeit unbeugsamen Österreicher Dominic Thiem, der nervenzehrende Tiebreak-Krimi im Entscheidungssatz, schließlich der WM-Triumph in Londons O2-Arena mit den allerletzten drei gewonnenen Punkten zum hauchdünnen 6:7 (6:8), 6:3, 7:6 (7:4)-Erfolg, „unfassbar“ sei das Ganze, „nicht von dieser Welt“, befand Tsitsipas: „Ich weiß jetzt, ehrlich gesagt, gar nicht, wie ich das alles begreifen soll. Es ist zuviel des Guten.“

Aber er war es, keine Frage, keine Zweifel, er war der verdiente, würdige Weltmeister der Tennisprofis. Der Mann, der das letzte dicke Ausrufezeichen in einer spektakulären Saison setzte. Der jüngste Champion seit Lleyton Hewitt 2001, mit gerade mal 21 Jahren. Und auch dies war Stefanos Tsitsipas, „Stefanos, der Große“, wie ihn daheim in Griechenland das Sportportal gr24 nannte: Ein Karrieresprinter, der die filmreife Tellerwäscher-Millionärs-Saga auf seine Art in Szene setzte – nämlich vom WM Sparringspartner der Superstars noch im Jahr 2016 bis zum Titel-Helden am 17. November 2019, bei seinem Turnierdebüt. Nachwuchs-Weltmeister war er nebenbei auch noch geworden bei diesem Parcorceritt, vor zwölf Monaten in Mailand, beim sogenannten Next Gen-Finale der Spielergewerkschaft ATP.

Und mehr soll nun, nach dem „WM-Märchen“, noch kommen, sehr bald schon, wenn es nach Tsitsipas geht: „Ich spüre, dass ich ganz nahe dran bin an einem Grand-Slam-Sieg“, sagte er am Sonntag. Nach einem Titelmatch, bei dem man erstmals das Gefühl hatte, niemand vermisse im Hier und Jetzt die Großen Alten Herren der Branche, die Federers, Nadals und Djokovics. 

Tsitsipas nach Wimbledon: "Tennis war Horror für mich"

Das Endspiel hatte Tsitsipas fast so sehr gedreht wie das ganze Jahr 2019, ein Jahr, in dem es auch ganz andere, viel dunklere Momente gab. Wenig sprach Mitte der Saison dafür, dass ausgerechnet er das machtvolle Schlusswort im Welttennis haben könnte. Tsitsipas war sogar in eine schwere Leistungs- und Sinnkrise gestürzt, nach seinem Erstrunden-Aus in Wimbledon gegen den Brasilianer Thomas Fabbiano verbarrikadierte sich der Grieche sogar tagelang in einem Hotelzimmer, „Tennis war auf einmal der Horror für mich geworden“, so Tsitsipas.

Die Tournee des Missvergnügens ging weiter, Niederlagen über Niederlagen. Dann kamen die US Open – und mit ihnen ein Black-Out bei der nächsten Auftaktpleite gegen den Russen Andrej Rublev. Tsitsipas geriet in Streit mit einem französischen Schiedsrichter, nannte den Unparteiischen einen „Spinner.“ Er sei über sich selbst „erschrocken“ gewesen, sagte Tsitsipas: „Ich wusste: Ich muss etwas tun.“

Doch Tsitsipas griff nicht zu den handelsüblichen Werkzeugen, er entließ niemanden aus seinem Team, er bastelte auch nicht an Schlägen oder der Taktik herum. Stattdessen beschränkte er seine Internet-Aktivitäten radikal, verließ einige Social Media-Portale und machte sich rar und rarer in der virtuellen Öffentlichkeit. „Es half mir einfach, innere Ruhe zu finden“, so Tsitsipas, „du wirst verrückt, wenn du alle paar Minuten etwas im Internet liest. Oder selbst Nachrichten absetzt.“

Umso sichtbarer wurde der 21-jährige im Herbst wieder an seinem Arbeitsplatz, fast immer erreichte er die letzten Turnierrunden, schlug in Schanghai auch den Weltranglisten-Ersten Djokovic. Der Umschwung verlieh ihm auch das nötige Selbstvertrauen, das starke Ego, um es in London mit den Besten der Besten aufzunehmen. Das Meisterstück vor dem Sprung auf den Weltmeister-Thron war der Halbfinalsieg gegen Federer, bei dem er mit Eiseskälte und Leidenschaft zugleich elf von zwölf Breakchancen des Maestro abwehrte. 

"Angst habe ich in einem Match nie"

Tsitsipas wirkt oft ein wenig verhuscht, zerstreut, sogar abgedreht. Manche seiner Kollegen halten ihn auch für spleenig, altklug und schrill, hinter seinem Rücken wurde oft über „Professor Tsitsi“ oder den „Tennis-Jesus“ gelästert. Aber vielen ist der Spaß auf dem Centre Court vergangen: Denn mag Tsitsipas auch eine Aura des lässigen Hippies verbreiten, mag er zuweilen auch wie der ewige „Beach Boy“ mit braungebrannter Haut und den wehenden, wilden Locken erscheinen – in den Duellen auf dem Platz kann er stahlhart sein, wenn er seine Konzentration und Konsequenz zusammennimmt. Tsitsipas führt seine eiserne Arbeitsattitüde auf den strengen Einfluss von Mutter Julia zurück, einer ehemaligen Top 200-Spielerin mit russischen Wurzeln: „Sie legte ganz früh den Schwerpunkt darauf, dass ich mit Disziplin und Köpfchen spiele.“

Geprägt hat ihn auch ein Erlebnis vor fünf Jahren – damals rettete ihn sein Vater in allerletzter Sekunde beherzt vor dem Ertrinken im Meer vor Kreta: „Das hat mir eine gewisse Furchtlosigkeit verliehen. Angst, richtige Angst, habe ich in einem Match nie.“

Auf der Höhe seiner Tenniskunst strahlt Tsitsipas als der kompletteste Spieler jener jungen Wilden auf, die eine Wachablösung an der Spitze anstreben. Der „Tennis-Apoll“ (Daily Mail) verbindet Power mit Präzision, er kann in ermüdenden Grundlinienduellen genau so wie jähen Netzattacken punkten. Als „coolen, kreativen, strategischen Typ“ bezeichnet ihn Tennis-Impresario Patrick Mouratoglou, in dessen südfranzösischer Akademie Tsitsipas eine zweite Heimat gefunden hat. Tsitsipas habe, so Mouratoglou, „fast immer die richtige Lösung für ein Problem.“

Als Tsitsipas im Januar das Gastspiel von Federer bei den Australian Open im Achtelfinale beendete, erwies sich der Newcomer zunächst als Realist: „Die Spieler da vorne, die sind unglaublich beharrlich, sie gehen nicht einfach so weg.“ Nun, nach einem abenteuerlichen Lehrjahr mit rauschendem Happy-End, findet Tsitsipas, es seit Zeit, größer und kühner zu denken: „Es wäre schön, an die Spitze zu kommen, wenn die Großen Drei noch spielen. Und nicht, wenn sie schon aufgehört haben.“

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