ATP Finals London: Das große Generationenduell - noch einmal, das letzte Mal?

Die letzten beiden Ausgaben der ATP Finals haben mit Alexander Zverev und Grigor Dimitrov zwei Außenseiter gewonnen. Werden sich diesmal wieder die großen Stars der Szene - Novak Djokovic, Rafael Nadal, Roger Federer - behaupten?

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 08.11.2019, 17:11 Uhr

Aus acht mach eins - wer holt den letzten Einzel-Titel des Jahres?
© Getty Images
Aus acht mach eins - wer holt den letzten Einzel-Titel des Jahres?

Als die Tennis-Weltmeisterschaft im vorigen Jahr auf die Zielgeraden einbog, hatten nur wenige Experten Alexander Zverev als Titel-Held auf ihrer Rechnung. Zverev musste im Halbfinale gegen Roger Federer antreten, und selbst wenn er diese Partie gewinnen würde, bekäme er es im Endspiel noch mit dem vermeintlich unbezwingbaren Nummer eins-Spieler Novak Djokovic zu tun. Dann kam aber alles ganz anders, Zverev erlebte binnen 24 Stunden zwei außergewöhnliche Sternstunden in der Londoner 02-Arena, er schlug Federer in einem packenden Halbfinalkampf. Und dann schlug er auch noch Djokovic, ganz souverän, ohne Furcht und Zweifel, jederzeit Herr und Souverän des Geschehens. „Es war der Höhepunkt meiner Karriere bisher“, sagt Zverev, „besser habe ich Tennis nie gespielt.“ 

Wenn sich die acht besten Tennisspieler der Saison 2019 nun wieder im Osten der britischen Kapitale treffen, unterm Hallendach der 02-Arena, ist Zverev wieder dabei. Er rutschte auf den letzten Drücker ins Teilnehmerfeld hinein, auch dank einiger Patzer der lieben Konkurrenz. Viel hat sich seit den glorreichen Novembertagen des Jahres 2018 verändert, Zverev, der amtierende Weltmeister, wird inzwischen nicht mehr wie selbstverständlich als Kronprinz für die „Big Three“ genannt, für die Superstars Djokovic, Federer und Nadal. Ein anderer hat ihm den Rang abgelaufen, der russische Saison-Aufsteiger Daniil Medvedev. Der Mann, der kürzlich als Erster aus der Generation Next ein Grand Slam-Finale erreichte und Nadal dabei in New York in einem mitreißenden Fünf-Satz-Finale an den Rand einer Niederlage brachte. „Er ist derzeit der stärkste Spieler überhaupt“, sagt Zverev übder den 23-jährigen Moskowiter. Unlängst hatte der Hamburger das Masters-Finale in Schanghai frappierend klar gegen Medwedew verloren. Zverev bestreitet am Montag sein erstes Gruppenmatch gegen Ranglisten-Spitzenreiter Nadal.

Medvedev, Tsitsipas, Berrettini - Aufmarsch der Debütanten

In London kämpfen allerdings nicht Spieler der Altersklasse Anfang bis Mitte Zwanzig untereinander um die wichtigste Trophäe jenseits der Grand-Slam-Welt. Noch einmal, vielleicht sogar zum letzten Mal, beherrscht der Generationenkampf die Duelle auf dem Centre Court – auf der einen Seite das Trio der etablierten Granden, die ewigen Großmeister. Und auf der anderen Seite die jungen Herausforderer, Zverev, der Titelverteidiger. Und gleich drei Debütanten: Medvedev, der Grieche Stefanos Tsitsipas und der Italiener Matteo Berrettini. Irgendwo dazwischen, mit seinen 26 Jahren: Der Österreicher Dominic Thiem. Ein „unberechenbares Turnier“ sieht Schwedens Altvorderer Mats Wilander voraus: „Es kommt entscheidend darauf an, wer nach einer sehr harten Saison hier die letzten Reserven mobilisieren kann und will.“

Tatsächlich schleppen sich viele aus dem Pulk der WM-Kämpfer mit Wehwehchen und mehr oder minder schweren Blessuren in das Turnier – allen voran Matador Nadal, der vorige Woche beim Masters in Paris mit einer Muskelverletzung ausgestiegen war. Schon sechs Mal hat der Mallorquiner die finalen Feierlichkeiten des Wanderzirkus absagen müssen, bei seinem letzten Start 2017 spielte er auch nur ein Gruppenmatch, bevor er sich zurückzog. Bei keinem der Spitzenspieler zeigen sich die Abnutzungserscheinungen der viel zu langen Tennisserie so deutlich wie bei Nadal. Freilich: Auch Mitbewerber reduzierten in den letzten Wochen schon teils drastisch ihr Arbeitspensum, um einigermaßen fit in London antreten zu können, auch Überraschungsmann Medvedev gehörte dazu – er sagte sogar sein Heimturnier in Moskau kurzentschlossen ab. 

Federer schafft den 100. Titel - und mehr

Bis vor drei Jahren war auch das WM-Turnier eine Beute für das Establishment. Zwischen 2006 und 2015 gewann Federer vier Mal den Pokal, Djokovic sogar fünf Mal. Nur der Russe Davydenko brach 2009 in die Phalanx der Topstars ein. 2017 siegte der Bulgare Grigor Dimitrov, das ewige Talent, der Spieler, den man wegen seiner stilistischen Ähnlichkeit mit dem Maestro auch „Baby-Fed“ nannte. Und 2018 war dann Zverev der Champion, aber genau wie Dimitrov hatte er Mühe, vom größten Karrieretriumph im Alltagsgeschäft zu profitieren. Während Zverev oft genug stolperte bei seinen Reisen durch die Tenniswelt, auch wegen diverser Probleme in seinem privaten und sportlichen Umfeld, war die Hierarchie im Grunde wieder unantastbar: Djokovic und Nadal gewannen jeweils zwei Grand-Slam-Titel, und Federer sorgte mit seinem 100. Karriere-Titel sowie Rekorderfolgen in Halle und Basel (jeweils 10. Sieg) für Aufsehen. Nur Medvedev klaute dem Spitzentrio zwischenzeitlich die Schlagzeilen, mit sechs Finalteilnahmen hintereinander und zwei Masters-Erfolgen vom Sommer bis in den Herbst.

Mit Nadal als Nummer eins, Djokovic als Nummer zwei und Federer als Nummer drei beginnt nun der WM-Kampf. Aber enden muss er nicht in dieser Reihenfolge, trotz aller Beharrungskräfte der außergewöhnlichen Gentlemen. 

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