Wenn der erste Aufschlag zu gut kommt

Laut einer ATP-Analyse ist es eher hinderlich, wenn deutlich mehr als 60 Prozent der ersten Aufschläge im Feld landen.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 08.06.2016, 14:38 Uhr

MADRID, SPAIN - MAY 07: Rafael Nadal of Spain serves against Andy Murray of Great Britain in their semi final match during day eight of the Mutua Madrid Open tennis tournament at the Caja Magica on May 07, 2016 in Madrid,Spain. (Photo by Clive Bru...

Wird hier der gesunde Menschenverstand ad absurdum geführt? Jeder Hobbyspieler freut sich für gewöhnlich, wenn er möglichst oft den ersten Aufschlag im gegnerischen Feld unterbringt. Denn ein zügiger, platzierter Erster stellt dem Returnierenden erst einmal eine knifflige Aufgabe. Es gilt die unverbriefte Tennisweisheit: Eine hohe erste Aufschlagquote führt meist zum Sieg. Diesem Mythos ist Zahlenguru Craig O’Shannessy für „ATP Beyond The Numbers“ nachgegangen – mit erstaunlichen Erkenntnissen.

Wer zu viele Erste bringt, fliegt schneller raus

Bei den abgelaufenen French Open brachten es die besten Spieler dieser Kategorie auf Aufschlagquoten von 72 bis 80 Prozent beim  „First Service“. Grundsätzlich sollte dieser Wert zum Sieg führen, doch sechs von acht Akteuren verloren ihr Match trotz dieser Trefferquote. Auch bei den diesjährigen Australian Open fällt Vergleichbares auf. 13 Spieler brachten 67 bis 75 Prozent ihrer Ersten ins Feld, aber nur einer davon schaffte es bis ins Achtelfinale. Bei den letzten vier Grand-Slam-Events pendelte sich der Turnierdurchschnitt der ersten Aufschlagquote bei 60,75 Prozent ein. Demzufolge ist es eher hinderlich, mehr als sechs von zehn Ersten zu treffen.

Erstaunlicherweise orientieren sich auch die Top Ten der Herren-Weltrangliste an dieser ominösen 60-Prozent-Marke. LediglichRafael Nadalhebt sich deutlich nach oben ab. Der Spanier steht in dieser Spielzeit bei 70,6 Prozent erster Aufschläge im Feld und wird bekanntlich verhältnismäßig häufig gebreakt. Dafür verantwortlich ist einerseits der relativ harmlose zweite Aufschlag des „Matadors“ – andererseits aber auch der gebremste Erste, den Nadal gerne mit genug Spin versieht, um den Ballwechsel kontrolliert zu eröffnen.

Die 60-Prozent-Marke: Gratwanderung zwischen Power und Taktik

Insgesamt lässt sich daraus ablesen, dass fünf von zehn ersten Aufschlägen nicht ausreichen, um eine große Siegchance zu haben. Allerdings wirken sich Werte um die 70 Prozent in der Regel auch eher negativ auf das Endergebnis aus, da hier meist mit zu wenig Power serviert wird. Pegelt sich die Aufschlagquote bei zirka 60 Prozent ein, stimmt meist der Mix aus Risiko und taktischer Spieleröffnung, wie die Statistiken zeigen. Man kann also offenbar wirklich „zu gut“ servieren. Vielleicht habt ihr die Möglichkeit, in eurem nächsten Match eine improvisierte Aufschlagstatistik führen zu lassen. Weicht die Spielstärke eures Gegners nicht massiv ab, dürfte eine Quote von ungefähr 60 Prozent beim „First Service“ zum Erfolg führen.

Ausnahmen bestätigen natürlich auch in diesem Fall die Regel.Roger Federerhämmerte gegenAndy MurrayimWimbledon-Halbfinale des Vorjahres76 Prozent seiner ersten Aufschläge ins Feld des Schotten. Dabei schlug der Schweizer 20 Asse und gewann 84 Prozent der Punkte, wenn der Erste kam. Andy Murray hatte nur eine Breakchance, die er nicht nutzen konnte und verlor gegen einen an diesem Tag überragenden Federer glatt in drei Sätzen.

von tennisnet.com

Mittwoch
08.06.2016, 14:38 Uhr