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Australian Open: Ashleigh Barty - Ein sporthistorischer Moment für Australien

Ashleigh Barty sorgte am Samstag für einen sporthistorischen Moment in ihrem Heimatland.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 30.01.2022, 17:01 Uhr

Ashleigh Barty durfte über den Heimsieg jubeln
© Getty Images
Ashleigh Barty durfte über den Heimsieg jubeln

Es wäre an jedem Finaltag der letzten Jahre nicht nur für Australien die größte Geschichte gewesen. Die Geschichte des exzentrischen Bad Boys Nick Kyrgios und seines verschworenen Doppelpartners Thanasi Kokkinakis, die sich als Wild Card-Starter unwiderstehlich auf den Grand Slam-Thron von Melbourne katapultierten -als ganz besonderes Duo Infernale, das die Gegner regelmäßig bis aufs Blut reizte und gleichzeitig Spektakel-Tennis vom Feinsten bis zum Pokalcoup lieferte.

Doch Kyrgios und Kokkinakis, den beiden Höllenhunden im Tennis-Paradies, blieb an diesem 29. Januar 2022 nur die Nebenrolle im Schatten einer viel größeren Geschichte – eines sporthistorischen Moments für den Fünften Kontinent. Ashleigh Barty, die 25-jährige Weltrangliste, war es, die ihre Landsleute von einer 44-jährigen Titeldürre befreite, genau um 21.12 Uhr am Endspielsamstag schrie sie sich ihre grenzenlose Erleichterung nach dem 6:3, 7:6-Sieg über die Amerikanerin Danielle Collins aus dem Körper. „Ein Traum wird wahr. Ich bin so stolz, Australierin zu sein“, sagte Barty an der Seite ihres Idols Evonne Goolagong Cawley (70) – die einstige Weltklassespielerin und siebenmalige Grand Slam-Siegerin hatte als Zeremonienmeisterin bei der Übergabe des Daphne-Akhurst-Pokals gewirkt. Auch die bisher letzte erfolgreiche australische Solistin, die 1978-Siegerin Chris O´Neil, gehörte passend zu den Augenzeuginnen der berauschenden Barty-Party auf dem Centre Court.

Massiver Druck in Melbourne

Viele australische Größen hatten seit den 80er Jahren immer wieder herausragende Erfolge in ihr Karrierezeugnis festgeschrieben, Pat Cash und Lleyton Hewitt gewannen in Wimbledon, Patrick Rafter und Samantha Stosur landeten US Open-Triumphzüge. Aber beim eigenen Grand Slam in Melbourne lastete stets so massiver Druck und Stress auf den australischen Stars, dass Titelanläufe mit oft gewaltigen Enttäuschungen endeten. Kein Wunder, dass Australiens früherer Weltklasse-Doppelspieler Todd Woodbridge den bahnbrechenden Barty-Erfolg nun als „wichtigsten Augenblick“ für die Sportnation Australien seit dem Olympiasieg von Cathy Freeman 2000 in Sydney bezeichnete. Freeman, wie Barty und Goolagong-Cawley eine Australierin mit indigenen Wurzeln, war in der Rod Laver-Arena auch eine der ersten persönlichen Gratulantinnen. „Da hat sich Schicksal erfüllt“, titelte der lokale „Herald Sun“.

Barty verkörpert für die Australier das Idealbild einer Sportlerin, ganz in der Tradition jener Asse, die zwischen 1950 und 1970 unprätentiös und skandalfrei die Tenniswelt beherrschten. Die Mittzwanzigerin kommt in ihrer Karriere ebenfalls ohne Allüren und Eitelkeiten aus, manchmal wirkt sie wie ein Fremdkörper in der Glitzer-und-Glamour-Branche, in der oft genug der Schein trügt. Die Nummer 1 der Welt ist eher das Mädchen von nebenan -unkompliziert, bescheiden, bodenständig, natürlich, normal im besten Sinne. „Sie braucht ihr Gesicht nicht jeden Tag in der Zeitung zu sehen, um glücklich zu sein“, sagt Martina Navratilova, die Altmeisterin, „sie ist der ,real deal`. Ein klasse Typ.“ Billie Jean King, die Begründerin des modernen Tennis, hält Barty inzwischen für die sportlich wahre Erbin der auslaufenden Epoche der Williams-Schwestern – sie habe alles, so die Amerikanerin, „um für Jahre die führende Rolle zu spielen.“

Bartys Karriere verlief keineswegs geradlinig. 2011 gewann die kompakte Athletin bereits das Juniorinnen-Finale in Wimbledon, im damals zarten Alter von 15 Jahren. Rasche Erfolge auf der Tour der Erwachsenen folgten, besonders mit ihrer Doppelpartnerin und besten Freundin Casey Dellaqua. 2014, in einer ersten Leistungskrise, entschloss sich Barty zu einer Radikaltherapie – sie verließ den Wanderzirkus ohne Rückkehrdatum, nahm sich schließlich knapp zwei Jahre Auszeit: „Der Stress war übermächtig geworden. Ich war ein Opfer des eigenen Erfolgs.“ Vorübergehend wechselte sie sogar in die australische Cricketliga, spielte Golf und Basketball – ganz das Talent, das in jedem Sport eine ausgezeichnete Figur macht. „Sie wäre nicht nur auf dem Centre Court eine Weltklassesportlerin“, sagt ihr Coach Craig Tyzzer.

US Open fehlen noch

Aber hier, auf der globalen Tour der Tennisnomaden, ist sie nun zur herausragenden Gestalt geworden. 2019 gewann sie mit ihrem flexiblen, variantenreichen, unberechenbaren Tennis den Grand Slam-Titel in Paris, im letzten Sommer das Turnier von Wimbledon. Nun die Krönung in Melbourne -und damit auch der Sieg auf allen Belägen, die einen Profi auf Grand Slam-Niveau herausfordern: Sand, Rasen, Hartplatz. Was noch fehlt zum Karriere-Grand Slam, ist der Pokal in New York, bei den US Open. „Das wird sie eher früher als später schaffen“, ist sich Chris Evert, die US-Ikone, sicher. Barty könne durchaus, so Evert, „noch bis zu zehn weitere Grand Slams gewinnen.“ Dabei hatte sie zuletzt schon einige Chancen freiwillig ausgelassen, im ersten Corona-Jahr 2020 verzichtete sie nach den frühen Saisoneinsätzen auf weitere Dienstreisen und blieb daheim bei Familie und Freunden. 

Die Dämonen des Scheiterns in Melbourne vertrieben, all die vergeblichen Missionen hinter sich gelassen zu haben – es war für Barty die „glücklichste Erfahrung, die ich als Sportlerin je gemacht habe.“ Und es gab auch niemanden, der dieser sympathisch normalen Anführerin des Frauentennis den Erfolg nicht gegönnt hatte. „Niemand habe es mehr verdient“ als Barty, twitterte die dreimalige Grand Slam-Gewinnerin Angelique Kerber am Samstag zur Frontfrau herüber, die mittlerweile seit 113 Wochen die Tennis-Hitliste anführt. Weitere große Siege stehen in Aussicht für Barty, weitere Karriere-Meilensteine auch. Aber an ihrem Credo wird sich nichts ändern, an ihrer Lebensphilosophie, die sie im vergangenen Jahr so formulierte: „Ein guter Mensch zu sein, hat für mich an jedem Tag Priorität.“ 

Hier das Einzel-Tableau der Frauen

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