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Australian Open: Die getrennten Wege zweier Partnerinnen Geserers – Brady auf dem Weg in die Top-10, Görges im Ruhestand

Am sensationellen Erfolgslauf der Jennifer Brady bei den Australian Open 2021 ist auch ein Deutscher beteiligt: Ihr Trainer Michael Geseres. 

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 19.02.2021, 12:00 Uhr

Jennifer Brady ist die Überraschung bei den diesjährigen Australian Open
Jennifer Brady ist die Überraschung bei den diesjährigen Australian Open

Zehn nervtötende Minuten lang schwankte sie noch einmal wild zwischen „Himmel und Hölle“ umher, dann ging Jennifer Brady (25) nach dem fünften, endlich verwandelten Matchball erschöpft und glücklich zu Boden. Und als sich die frischgebackene Australian Open-Finalistin dann wieder aufgerappelt hatte in der Rod Laver-Arena, nach ihrem 6:4, 3:6, 6:4-Sieg über die Tschechin Karolina Muchova, da ging sofort der Blick herüber zur Tribüne. Zu dem Mann, der ihren Aufstieg in die Weltspitze in den letzten beiden Jahren mit sanfter Bestimmtheit orchestriert hat – zu Michael Geserer (51), dem deutschen Coach und Berater auch in allen anderen Lebenslagen. „Ich bin ihm unendlich dankbar für alles, was er für mich getan hat“, sagte Brady, die sich nun im Endspiel der Herkules-Aufgabe gegen die Japanerin Naomi Osaka (6:3, 6:4 gegen Serena Williams) zu stellen hat. Bei ihrem ersten großen Erfolgszug in New York, bei den US Open 2020, waren sich Brady und Osaka im Halbfinale begegnet, Osaka gewann damals in drei hartumkämpften Sätzen

Brady und Geserer sind zweifellos das Team der Stunde in der großen Tennis-Karawane, nicht erst seit dem Endspiel Coup nun am anderen Ende der Welt. „Ich habe viele Jahre einfach so vor mich hingespielt, ohne großen Plan“, sagt Brady, „mit Michael kam Struktur und Ordnung in meine Arbeit. Er denkt und lenkt das Ganze. Und ich mache, was er sagt.“ Und viel falsch gemacht haben die Amerikanerin und der deutsche Übungsleiter nicht mit dieser Arbeitsteilung – mit verblüffender Dynamik rauschte Brady in der herausfordernden Corona-Spielzeit 2020 aus dem grauen Mittelfeld des Tourbetriebs erst in die erweiterte Weltspitze vor. Um in den letzten Monaten sogar zur regelmäßigen Mitbewerberin um alle möglichen Titel zu werden, zur Geheimfavoritin auch für Grand Slam-Ehren. „Es ist schön zu sehen, wie sie ihr Potenzial ausschöpft“, sagt Geserer, der zusammen mit dem Physiotherapeuten Daniel Pohl den kleinen, feinen Unterstützungstrupp in Melbourne bildet.

Brady: Aus der Quarantäne ins Finale

Die neuerliche Erfolgsgeschichte Bradys ist umso bemerkenswerter, da sie vor dem ersten Major der Saison in die härtere Quarantäne musste und 14 Tage in ihrem Hotelzimmer gefangen war. Als einzige Spielerin überhaupt aus dem Wanderzirkus stieß sie trotz dieses Handicaps in die zweite Turnierwoche vor, dank Pragmatismus und Unerschütterlichkeit, die Geserer eingefordert hatte: „Die Devise war: Wir können nichts an dieser Lage ändern, also machen wir das Beste draus“, sagt Brady, „ich konnte mich in dieser Zeit sogar ein bisschen erholen.“ 

Kurios wirken die Querverbindungen, die sich zwischen Geserer, Brady, dem schönen Städtchen Regensburg und auch einer gewissen Julia Görges ergeben. Geserer war für einige Zeit auch Coach von Görges und durchaus mitverantwortlich für eine späte Renaissance der deutschen Nationalspielerin. Dann trennte sich Görges etwas abrupt von Geserer, der erst 2019 wieder in den Tourbetrieb einstieg – bei Brady. Viel gemeinsame Übungszeit verbrachte das deutsch-amerikanische Duo in Regensburg, dort, wo auch Görges ihren neuen Lebensmittelpunkt hat.

Görges zieht einen Schlussstrich

In der Corona-Krise entwickelten sich die Dinge dann dramatisch für die beiden Frauen: Görges verlor im Zuge des monatelangen Lockdowns immer mehr an Motivation, entdeckte neues Lebensglück abseits der Centre Courts und spielte im Herbst bereits mit Rücktrittsgedanken. Zu den US Open fuhr sie wegen der beschwerlichen Corona-Regelungen erst gar nicht hin. Dort aber, im Big Apple, begann erstmals Bradys Stern hell zu strahlen – der Frau, die ihre ganze Vorbereitung in Regensburg absolviert hatte. Brady schlug im Achtelfinale die ehemalige Weltranglisten-Erste Angelique Kerber, es war das erste dicke Ausrufezeichen. „Eine ganz andere Spielerin“ sei sie geworden mit Geserer, lobte Brady schon damals ihren Anweiser, der einst selbst auf der Tingeltour unterwegs gewesen war und später als Trainer erste Schlagzeilen bei Philipp Kohlschreiber schrieb. Görges, seine zweite namhafte Geschäftspartnerin, ging derweil zum Saisonende in Frühpension.

Geserer, ein stets ruhiger, besonnener und klar strukturierter Pädagoge, erhielt schon 2018 einen Ehrenpreis des Deutschen Tennis Bund für seine Trainerarbeit, damals wurde auch sein Wirken für das Regensburger Frauenteam gewürdigt, das er als veranwortlicher Manager aus der Regionalliga heraus in die Bundesliga führte – und dort zu zwei Titeln. Ende 2020 wurde er neben dem Polen Piotr Sierzputowski (Coach von French Open-Siegerin Iga Swiatek) und dem Belgier Wim Fissette (Coach von Naomi Osaka) sogar als WTA-Trainer des Jahres 2020 ausgezeichnet. „Ihn als Trainer ausgesucht zu haben, war die beste Entscheidung in meiner Karriere bisher“, sagt Brady über den letzten Deutschen in Melbourne. Mit ihm steht Brady nun vor dem größten Match ihres Lebens, vor dem größten Sieg und auch vor dem Sturm unter die besten Zehn der Weltrangliste. Nummer 13 des Tennis-Pleneten ist sie schon, nach dem Erreichen des Finales.

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