Autor John Wertheim - „Serena Williams wird keine Abschiedstour mitmachen“

John Wertheim hat eines der Standardwerke für Tennisfans geschrieben, „Strokes of Genius - Federer, Nadal, and The Greatest Match Ever Played“, die Aufarbeitung des legendären Wimbledon-Endspiels 2008 zwischen Rafael Nadal und Roger Federer. In Roland Garros ist Wertheim dieser Tage als Experte für den Tennis Channel unterwegs. Ein Besuch am Set.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 26.05.2022, 08:25 Uhr

Serena Williams in Wimbledon? Sehr wahrscheinlich ist das nicht
© Getty Images
Serena Williams in Wimbledon? Sehr wahrscheinlich ist das nicht

Von Jens Huiber aus Roland Garros

Vertreter aus beinahe aller Herren Länder haben sich im sogenannten „TV-Compound“ im Stade Roland Garros ausgebreitet, in unterschiedlichen Formen: Manche Sender schicken mobile Teams mit ModeratorInnen und ExpertInnen über die Anlage - wie etwa ServusTV Andrea Schlager und Christopher Kas - manche haben ein Set direkt auf dem Court Philippe-Chatrier, wieder andere moderieren von ziemlich weit weg, Barbara Schett zum Beispiel grüßt für Eurosport International mit Tim Henman aus London.

Der Tennis Channel bespielt ein sehr feines Studio zwischen Court 2 und Court 3, mit dem Rücken zu jenem Platz, auf dem früher der Court 1, die Stierkampfarena, für legendäre Matches fast garantiert hat. John Wertheim gibt den Experten für den Tennis Channel, gemeinsam mit Chanda Rubin. Wertheim hält seit Jahren die Tennis-Fahne für die US-amerikanische Sports Illustrated hoch, in Tagen wie diesen angesichts einer gewissen Flaute in Sachen Major-Siege für die USA gar nicht so einfach.  

„Glücklicherweise hat Coco Gauff Tennis gewählt“

John Wertheim empfängt im feinen Zwirn, es geht angenehm unkompliziert zu auf dem Set des Tennis Channels. Also, Mr. Wertheim, auf wen würden Sie im US-Tennis am ehesten setzen? „Wir haben im Moment eine große Quantität, jetzt müssen wir die Qualität bekommen. Es gibt einen wirklichen netten Kern an Spielern, von denen aber noch keiner in den Top Ten ist. Wenn man die verschiedenen Beläge in seine Überlegungen mit einbezieht und das Alter, dann landet man wohl bei Taylor Fritz und Sebastian Korda. Aber wer weiß? Da gibt es vielleicht diesen einen Jungen auf einer kleinen Insel und sein Onkel trainiert ihn und erzieht ihn zum Linkshänder oder es gibt diese Frau aus Südafrika, die einen Schweizer heiratet, und sie sind eine normale Familie in der Mittelschicht und haben einen talentierten Sohn … Es braucht einen Auslöser, es braucht Zeit und auch Glück.“

Alternative Sportarten gäbe es ja genug. „Glücklicherweise hat sich Coco Gauff für Tennis entschieden.“ Die ja irgendwie in die Fußstapfen von Serena Williams treten soll. Apropos: Werden wir Serena in Wimbledon sehen? „Die Realität ist doch folgende: Serena ist 40 Jahre alt und hat seit letztem Jahr in Wimbledon nicht mehr gespielt. Das war im Juni 2021. Und man sieht sie ja nicht auf Instagram mit der Botschaft: Ich trainiere wieder, habe gerade den Griff beim Aufschlag verändert. Auf der einen Seite sieht man sie nicht Tennis spielen, aber Serena ist natürlich auch stolz und hat unheimlich viel erreicht. Ganz würde es mich nicht überraschen, wenn sie es noch ein letztes Mal versuchte. Bei Federer sieht man wenigstens ab und zu ein paar Übungen, die auf ein Comeback hindeuten könnten. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Serena Lust auf eine Abschiedstour hat, wo sie bei jeder Station mit einer Video-Hommage geehrt wird.“

Die NBA hat den Rücktritt von Michael Jordan auch überstanden

Williams und Federer also bald nicht mehr da, auch Rafael Nadal und Novak Djokovic werden nicht ewig spielen. Was heißt das für den Tennissport?

„Ich glaube, es wird ein paar Wachstumsschmerzen geben. Aber früher oder später wird es dem Tennissport gutgehen.“ Wer aber soll die Fackel weitertragen? John Wertheim hat da eine Idee. „Es scheint ja fast jedes Jahr ein neuer Star aufzutauchen, der die Regentschaft übernimmt. Aber die Großen Drei gewinnen dann immer noch die Titel. Ich habe die NBA betreut, als Michael Jordan zurückgetreten ist. Und auch damals hieß es: Was sollen wir machen? Wer wird sich jetzt noch für Basketball interessieren? Und dann kommen Kobe Bryant und LeBron James und später Steph Curry um die Ecke. Im Tennis werden die großen Turniere weiter stattfinden, und es wird ein paar Jahre dauern. Aber Carlos Alcaraz ist ein Name, der eine große Rolle spielen wird.“

Ein „Problem“ gibt es natürlich: Den Umstand, dass Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer gemeinsam 61 Grand-Slam-Titel gewonnen haben. „Es gibt wohl Leute, die über einen Spieler sagen: Na, so gut war der auch nicht. Der hat ja nur sechs Majors gewonnen! Der Standard, den die Großen drei gesetzt haben, ist so lächerlich hoch.“ Aber es sind nicht nur die Titel, die Wertheim bei Nadal, Djokovic und Federer als Alleinstellungsmerkmal sieht. „Diese Konstanz, nie früh zu verlieren, wird auch gerne übersehen.“

John Wertheim beim Gespräch in Roland Garros
© tennisnet/privat
John Wertheim beim Gespräch in Roland Garros

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