Das Krisenjahr, die Achterbahnfahrt: Kerber und die letzte Hoffnung US Open

Angelique Kerber holte noch einmal mächtig aus, es war ein Returnschlag voller Wucht und Entschlossenheit. Aber im nächsten Moment war dann auch leider auch schon alles vorbei für sie – in diesem Auftaktspiel beim Millionenturnier in Cincinnati gegen Anett Kontaveit, auf einem der unscheinbaren Außenplätze im Schatten des Centre Court.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 15.08.2019, 10:08 Uhr

Angelique Kerber muss gegen Daria Kasatkina ran
© Getty Images
Angelique Kerber

Kerbers Ball landete wie so viele vorher im Aus, das Maß stimmte nicht, die 6:7 (7:9), 2:6-Niederlage war besiegelt. Schnell packte Kerber ihre Siebensachen zusammen, verschwand im Eiltempo vom Spielort ihres nächsten Scheiterns. Mit der Erkenntnis, dass erst einmal nichts besser geworden war im Vorbereitungs-Countdown für die US Open. Dass, stattdessen, die sportliche Krise zum lästigen Dauerbegleiter geworden ist.

Kerber, derzeit nur noch die Nummer 13 der Weltrangliste, muss sich trotz allem an die Hoffnung klammern, dass beim New Yorker Grand Slam so etwas wie eine Wende eintritt, ein neuer Dreh, ein Aufschwungzeichen. Die US Open sind nicht nur einfach das letzte der vier überragenden Major-Turniere, sie geben in der Regel auch den Impuls vor für die letzten Saisonmonate, sogar schon für das neue Jahr im Wanderzirkus. Kerber kann dort, im Big Apple, noch einmal Selbstbewusstsein sammeln, Schubkraft, Energie. Vielleicht sogar die nötigen Punkte, um doch noch in die Verlosung für einen der acht WM-Plätze beim Saisonfinale Ende Oktober im chinesischen Shenzhen zu kommen. Dazu bedürfte es allerdings, aus jetziger Sicht, eines kleinen Wunders, eines Radikalmanövers. In etwa so wie vor acht Jahren, als Kerber nach Erstrunden-Aus in Wimbledon und zwischenzeitlichen Rücktrittsgedanken auf einmal im New Yorker Halbfinale landete. Ist sie immer noch und wieder für diese Wundernummern gut?

Nach Wimbledon-Sieg 2018 folgt die Achterbahnfahrt

Bis jetzt jedenfalls ist die Saison 2019 eine bittere Enttäuschung für die 31-jährige Kielerin, die sich nach dem Wimbledonsieg 2018 unbedingt mehr Stabilität und Gleichmaß gewünscht hatte – und nun doch wieder ins Tal der Enttäuschungen absteigen musste. Fast genau so wie 2017, im Jahr, das ihrer Ausnahmesaison 2016 folgte. Es war und ist eine Achterbahnfahrt mit rasanten Ausschlägen nach oben wie nach unten, in diesem Jahr besonders gekennzeichnet durch herbe Rückschläge bei den Grand-Slam-Wettbewerben. Auftaktpleite in Paris, Zweitrunden-Niederlage als Titelverteidigerin in Wimbledon, das sind Momente, Niederlagen, die auch eine erfahrene Kraft wie Kerber nicht einfach wegzustecken vermag. Denn das schnelle Scheitern nach wochenlanger harter Arbeit für die Saisonhöhepunkte verhagelt allen im Team die Stimmung, nicht nur Kerber selbst. Nach Wimbledon sagten sich dann auch Kerber und Trainer Rainer Schüttler Goodbye, es ging nicht mehr weiter, es hatte schon lange vorher immer wieder geknirscht.

Auch weil bei Kerber ein Widerspruch steckte in dem, was sie zu ihren Plänen und Avancen sagte – und wie sie bei manchen Spielen auftrat. Eher beliebig, gleichgültig, nicht immer ausreichend motiviert. Zu schnell entglitt ihr oft die Kontrolle, und dann liefen die Matches unweigerlich auf eine Niederlage zu. Die großen Aufholjagden, oft aus schier aussichtsloser Position, früher ein Markenzeichen – Fehlanzeige. Alles fange bei ihr an, sie müsse die Motivation haben, hart an sich zu arbeiten, sagte Kerber vor ihrem Nordamerika-Trip, „dies ist die Grundlage, und die ist da.“ Aber zu sehen war das nicht, auch nicht Spurenelemente von Konstanz, die Kerber so dringend suchte. Ihre Körpersprache stimmte so wenig wie die Muster ihres Spiels. Ohne Schüttler, nunmehr als Chefin ihrer selbst, war alles genau so wie vorher. Genau so unerfreulich. Womit sich Kerber zu trösten versuchte, jedenfalls öffentlich, war dies: „Es hat immer ein Auf und Ab in meiner Karriere gegeben. Das habe ich als Teil meiner Geschichte akzeptiert.“ Sie betrachte das Ganze derzeit auch als „Herausforderung, mich wieder in die Spur zu bringen.“

Wie gesagt: New York kann die Lage noch einmal verändern. Im letzten Jahr waren die US Open das schwächste der vier Major-Turniere für Kerber. In diesem Jahr muss es das beste Turnier werden, um noch einmal Treibstoff zu tanken für das letzte Tennis-Viertel, in dem auch die ungeliebten Reisewochen in Asien anstehen – nicht unbedingt Kerbers Lieblingszeit im Job. Ganz nebenbei steht auch noch die Frage an, wer sich künftig um Kerbers sportliche Belange kümmern soll. Welchen Trainer will Kerber? Jemanden aus der vertrauten Sphäre? Oder doch noch einmal einen fremden Kopf, der die berühmten zwei, drei Prozent extra rauskitzeln soll? „Ich will mir Zeit dafür nehmen, sehen, wer zu mir passt“, sagt Kerber. Noch entscheidender dürfte allerdings sein, was Kerber selbst noch will in den letzten Jahren ihrer Karriere.

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von Jörg Allmeroth

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15.08.2019, 11:30 Uhr
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